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Leserbrief | 19.10.2009
zu: Sprache und Gehirn

Auf was es bei "Sprache" ankommt

Der verstorbene Princeton-Psychologe Julian Jaynes hat in den Annals of the New York Academy of Science Bd. 280, 1976, S. 312 ff. und in seinem Buch Der Ursprung des Bewusstseins 1993, ab S. 159, insb. 163 ff. (online S. 178 bzw. 182 ff.) darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der Lautsprache durch den Übergang von "unwillkürlichen" Aus-Rufen zu "intentionalen", also 'irgendwie' absichtlichen Zu-Rufen in Gang gekommen sein muss, d.h. in lebensweltlichen Zusammenhängen mit einem für die Beteiligten erkennbaren Aufforderungscharakter. Vor allem bei Kindern sind solche gut vorstellbar, etwa bei Versuchen sie anzuregen etwas mit- oder nachzumachen.

Der entscheidende Schritt "auf dem Weg zur Sprache", wie wir sie kennen und verwenden, ist dagegen rein psychologischer Art.

Unter Bedingungen, wegen denen Lautfolgen als Signale, also "Zeichen" immer nützlicher, wenn nicht sogar nötig wurden, müssen sich mehr oder weniger gleichartige Lautfolgen frühen Menschen in Verbindung mit denselben - zunächst nur situativ erfassbaren - "Intentionen", also Absichten so "eingeprägt" haben, dass es zu einer gedächtnismäßig ausreichend sicheren Verankerung der "Verbindung" von an sich beliebigen Lauten oder Lautfolgen mit jenen sinnlich(!) vermittelten Eindrücken gekommen sein, die sich im situativen Erleben mit dem Schwerpunkt auf dem jeweils intendiert Erlebten oder Erfassten und dabei ggf. auch Bezeichneten! (von "zeigen" wie z.B. "zeichnen" und sonstigen "Zeichen") zunächst mit eingeprägt hatten.

Erst dann und nur dann kann das auftreten, worauf es bei "natürlichen Sprachen" aller Art ankommt: das für Sprache typische Phänomen, dass sich beim bloßen Wiederhören dieser Lautfolgen zu einem anderen und dann immer späteren Zeitpunkt und vor allem auch noch in ganz anderen Situationen mehr oder weniger zuverlässig auch die damit "assoziierten" Erinnerungen einstellen, innere "Bilder", die nötig sind, um sich den, treffender Weise als "Sinn" bezeichneten Gehalt oder "Inhalt" des Gesagten allein "im Kopf" vorzustellen.

Zur eminent wichtigen Rolle von Vorstellungen beim Reden und Sprachverstehen s. Kapitel 12 "Bedeutung" in dem Buch Das geistige Auge – Von der Macht der Vorstellungskraft von Colin McGinn, Darmstadt 2007, S. 163 ff.

Nach meiner Erfahrung wird dieser psychologische Zusammenhang bei Reflexionen auf Entstehung und Eigenart von SPRACHE selten berücksichtigt, wenn er überhaupt bekannt ist oder erkannt wird. M.E. hätte schon die Tatsache, dass die Erfindung der Schrift vor etwa 5000 Jahren gezeigt hat, dass für Sprache Sprechen weder nötig noch wesentlich ist, zu denken geben können, haben doch beliebige andere "Zeichen" das Lauteerzeugen seitdem ersetzt: Markierungen ("Keilschrift"), Schriftzeichen, Tastzeichen ("Blindenschrift") oder eigens erfundene "Zeichen" ("künstliche Sprachen", Programmiersprachen etc.) Gesten ("Gehörlosensprache"), ja selbst Bilder (Bilderschriften aller Art bis hin zu "Symbolen")! In beliebiger Ausweitung dazu kann man sogar "alles" als "Zeichen" auffassen bis hin zu dem Schritt, nachgerade alles und damit "die Welt" als Zeichen für etwas anderes oder von etwas anderem "jenseits" von ihr zu halten. Selbst die einfache Tatsache, dass Sprachen ineinander "übersetzbar" sind, hätte schon lange darauf hinweisen können, dass bloßes und beliebiges Lauteerzeugen nicht das ist, worauf es bei Sprache ankommt!
Ingo-Wolf Kittel, Augsburg
iw.kittel@gmx.de

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