Eckart von Hirschhausen
  Eckart von Hirschhausen

Helmut Schmidt muss vor Gericht aussagen, weil sein Fahrer wiederholt zu schnell gefahren ist. Nach dem Beruf befragt, antwortet er: "Größter Staatsmann aller Zeiten." Hinterher fragt ihn sein Regierungssprecher, ob man das nicht etwas diplomatischer hätte formulieren können. Schmidt antwortet: "Was sollte ich tun – ich stand unter Eid!"

Wie in jedem guten Witz steckt auch hierin ein Stück Wahrheit. Eine jüngst veröffentlichte Studie von Wirtschaftspsychologen ergab: Wer sich machtvoll fühlt, überschätzt auch ganz buchstäblich die eigene Größe. Die Versuchspersonen sollten ihre Körperhöhe aus einiger Entfernung anhand einer Leiste abschätzen. Wer mehr Macht verspürte, peilte seine leibliche Größe systematisch höher an, Männer wie Frauen. Auch wenn die Studenten sich einen Avatar am Bildschirm basteln sollten, der ihnen selbst möglichst gut entsprach, gerieten die Abbilder der gefühlten "Machtmenschen" größer.

Doch wie simuliert man Macht im Experiment? Die Forscher nutzten verschiedene Strategien. Entweder forderten sie die Probanden dazu auf, ein Ereignis aufzuschreiben, bei dem sie sich jemandem gegenüber überlegen gefühlt hatten. Oder sie teilten die Teilnehmer in Zweiergruppen: Ein Fake-Persönlichkeitstest attestierte per Zufall einem von beiden Managerqualitäten, dem anderen nur das Zeug zum Angestellten.

Schon länger ist bekannt, dass größere Menschen leichter zu Macht gelangen und auch besser bezahlt werden. Im Beruf soll bei Männern angeblich jeder zusätzliche Zentimeter 200 Euro pro Monat wert sein. Basketballspieler und Pornostars nicht mitgerechnet. Und wer hätte sich nicht schon mal ein paar Zentimeter größer gemacht, zum Beispiel im Personalausweis?

Aber diese Täuschung geschieht halbwegs bewusst. Was Michelle Duguid und Jack Goncalo erstmalig nachwiesen, ist der unwillkürliche Wachstumsprozess des Egos, sobald wir auf andere herabschauen – oder die zu uns aufschauen. Zu Berlusconis Zeiten kursierte das Bonmot: "Manchmal ist man auch nur der Größte, weil sich alle anderen bücken." Kurioserweise sind ja die europäischen Staatsmänner seit Kohl gar nicht mehr besonders groß. Rasch wird da der "Napoleon-Effekt" bemüht, der angebliche übertriebene Ehrgeiz kleiner Männer, es erst recht allen zu zeigen. Doch wer weiß, vielleicht fühlt sich ja Sarkozy innerlich wie Nowitzki?

Das Gegenteil kenne ich schon aus einem meiner liebsten Kinderbücher: den Scheinriesen Herrn Tur Tur aus "Jim Knopf". Je weiter man sich von ihm entfernt, desto größer scheint er. Nur wer sich ganz nah an ihn heranwagt, erkennt, dass er genauso groß ist wie jeder normale Mensch. Weil sich das aber niemand traut, ist Herr Tur Tur sehr einsam. Das unterstützt doch die moderne Forderung für praktisch jedes Gespräch, man solle sich "auf Augenhöhe begegnen". Und wenn sich jemand für größer oder kleiner hält, als er ist, wie sollte er sich dann noch selbst in die Augen schauen? Gegen den Zerrspiegel in unserem Kopf ist der Spiegel an der Wand machtlos.

Frühere Zeiten kannten noch keine sozialpsychologischen Studien, aber das Phänomen des machtinduzierten Größenwahns war unseren Vorfahren offenbar schon geläufig. Denn sie ersannen ein wirksames Gegenmittel: das Knien. An mehreren Orten der Welt gibt es heilige Treppen, auf denen einst die Mächtigen emporsteigen mussten, aber eben nicht erhobenen Hauptes, sondern gebeugt. Schlecht für den Meniskus. Gut für den Geist. Aber auch wenn solche öffentlichen Demutsübungen aus der Mode gekommen sind, bleibt das Bedürfnis bestehen, zuweilen Staatsmänner in die Knie zu zwingen. Dem Fortschritt sei Dank: Heute reicht dazu eine Mailbox.