Lesermeinung - Gehirn und Geist

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
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  • Leselehrgang

    15.12.2014, Reinhard Dümler
    Zum Thema "Lesen durch Schreiben" gibt es bei manchen Pädagogen und Bildungsforschern ein großes Missverständnis: Das Konzept von J. Reichen ist ein Leselehrgang und keine Methode für die Rechtschreibung! Mit "Lesen durch Schreiben" können Erstklässer wirklich stressfrei das Lesen lernen. Es entbindet die Lehrkräfte aber nicht davon, den Schülern die Rechtschreibung ordentlich beizubringen. Ich selbst habe als Sprachheilpädagoge mit Reichens Konzept gearbeitet und auch darüber publiziert. Zum Thema Lesen und Schreiben gibt es aber noch viel mehr Missverständnisse. Ich empfehle dazu mein Buch: Irrwege und Auswege bei der Förderung von Lesen und Rechtschreiben. (skript-Verlag)
  • Der Sinn des Lebens

    12.12.2014, Prof. Dr. med. Klaus-D. Hüllemann
    Die Sinnfrage begleitet mich nahezu täglich bei meiner Tätigkeit als Arzt und Kliniker. Sowohl von Seiten der Patienten wie auch von uns professionellen Helfern wird die Sinnfrage immer wieder „zwischen den Zeilen“ angestoßen.
    Wir Helfer sind primär handlungspraktisch orientiert: „Was nützt die Sinnfrage? Wozu soll sie gut sein?“ Ich habe da sehr viel von den Amerikanern lernen können, die keine Scheu vor philosophischen Begriffen haben und versuchen, philosophische Gedanken für angewandte Handlungsbeschreibungen zu konkretisieren. So am Kennedy-Institut für Ethik der Georgetown-University, Washington DC, wo Angewandte Ethik (applied ethics) gelehrt wird.
    Also nochmals vom Boden der Praxis aus: „Wofür soll die Sinnfrage gut sein?“
    Im G.&G. Beitrag wird Ludwig Wittgenstein zitiert, der die Sinnfrage als Scheinproblem bezeichnet. Auf Wittgensteins Knien saß als Kind Heinz von Foerster, der wiener Kybernetiker, der früher an der Stanford Universität lehrte. Von Foerster eklärte prakmatisch: „Es gibt unbeantwortbare Fragen,“ wozu sicher auch die Sinnfrage gehört. Paul Watzlawick, ebenfalls Wiener, der zu seinen Psychotherapieseminaren in Palo Alto (Stanfort Universität) von Foerster regelmäßig als Referenten einlud, spottete über die Sinnfrage: „Wenn mir Patienten sagen “, antworte er: „Ach ja, den suche ich auch. Wenn sie ihn gefunden haben, geh, sein´s so gut und schickens mir a Postkarten.“ Solche kecken Ansichten kann man natürlich nicht bei Patienten mit schweren Krankheiten vertreten, vielleicht bei jüngeren hystrionischen Psychotherapiepatienten in Ausnahmefällen. Aber ich rate eher zur Zurückhaltung.
    Die Sinnfrage bei organmedizinisch Schwerkranken wird am Ende dieses Briefes an einem Beispiel erörtert werden.
    Hier zunächst Hintergründe zum Warum der Sinnfrage bei Patienten ohne lebensberohliche Umstände, bei Ratsuchenden. Der Rahmen für solche vertiefenden Gespräche ist während eines stationären Aufenthaltes nicht gegeben, auch kaum in der allgemeinen Arztpraxis. Im Rahmen einer Psychotherapie sehe ich mich nach längerer Therapiedauer häufig mit sogenannten letzten Fragen konfrontiert, für die dann auch gnügend Zeit zur Verfügung gestellt werden kann.
    Warum taucht die Sinnfrage immer wieder auf? Der Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Columbia University Oliver Sacks schreibt in seinem auf deutsch 2013 erschienenen Buch:
    „... wir brauche Transzendenz, Entrückung und Flucht; brauchen Sinn, Erkenntnis und Erklärung; brauchen allgemeingültige Muster, die in unserem Leben sichtbar werden. Wir brauchen Hoffnung und das Gefühl, eine Zukunft zu haben. ...
    Vielleicht verlangt es uns auch manchmal ... nach Entrückungszuständen, in denen wir unser Wissen um Zeit und Sterblichkeit besser ertragen.
    Viele von uns finden ... Versöhnung und (James) in Natur, Kunst, kreativem Denken und Religion“ (ich konkretisiere und ergänze: Philosophie, Wissen und Wissenschaft, körperliche Aktivität, liebevolle zwischenmenschliche Beziehungen); „einige von uns können transzendente Zustände durch Meditation, durch ähnliche trance-induzierende Techniken oder durch Gebete und spirituelle Übungen erreichen..“
    Diese Überlegungen sind auch für den klinischen Alltag relevant. Besonders in Grenzsituationen erleben wir die Menschen nicht nur als beschädigte bio-psychosoziale Einheiten. Wir erleben, dass der Mensch darüber hinaus geistige Interessen hat und (zumindest bei vielen Menschen) ein Bedüfnis nach Transzendenz – „der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

    Was können Philosophie, Religion und kreatives Denken in diesem Zusammenhang leisten?

    - Nach Karl Jaspers ist es die Hauptaufgabe der Philosophie, zu lernen, dass das Leben begrenzt ist: „Philosphie heißt sterben lernen.“

    - Mit Religion kann man „leichter“ leben. In diesem Sinne äußerte sich Hans Küng, der große Schweizer katholische Theologe, Emeritus des Lehrstuhls für ökumenische Theologie an der Universität Tübingen. In einem Fernsehgespräch fragte ihn der Moderators Thomas Gottschalk, ob er an ein Leben nach dem Tod glaube. Der Priester Küng antwortete unverzüglich: „Ja – und wenn ich mich geirrt habe? Es lebt sich leichter.“

    - Das Kreative ist bei Albert Camus die Ausdauer im Schaffen. Er verdeutlicht seine Sichtweise, wenn er von den „dunklen und demütigen Schritten“ des Geistes eines großen Kunstwerkes fordert (1962, S.173 f): „ arbeiten und schaffen, in Ton meißeln, wissen, dass sein Werk keine Zukunft hat, sein Werk in einem Tag zerstört sehen und wissen, dass im Grunde nichts wichtiger ist als für Jahrhunderte zu bauen – das ist die schwierige Weisheit zu der das absurde Denken bevollmächtigt.
    Diese Aufgaben gleichzeitig nebeneinander durchzuführen, einerseits leugnen, andererseits erhöhen – das ist der Weg, der sich dem absurden Künstler öffnet. Er muss dem Leeren seine Farbe geben.“
    Und Camus´ Fazit: „Von allen Schulen der Geduld und der Klarheit ist das Schaffen das wirksamste. Es ist zudem das erschütternde Zeugnis für die Würde des Menschen: die eigensinnige Auflehnung gegen seine Lage. Die Ausdauer in einer für unfruchtbar erachteten Anstrengung.“
    Vor diesem Hintergrund ist Camus Aussage in dem Assay Mythos des Sisyphos zu verstehen: „Il faut imaginier Sisyphe heureux (Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen).“
    Die ärztliche Arbeit ist in diesem Sinn immer eine Sisyphos-Arbeit. Immer wieder rollt der Stein herab, früher oder später, bis er am Ende nicht mehr hinaufgerollt werden kann. Aber Ärzte wie alle professionellen Helfer können Erfolg und Glücklichsein erleben, wenn sie mit ihren irgendwie immer zeitlich begrenzten Erfolgen bei Patienten dankbar und zufrieden sein können. Dies sei an dem abschließenden Beispiel erörtert:

    Apoplektischer Insult (Schlaganfall) mit 42 Jahren bei einem Hünen von einem Mann.
    Halbseitenlähmung, bettlägeriger Pflegefall seit 4 Jahren.
    Die engagierte Krankenschwester, Frau Reiter, erreichte, dass der Patienten bei uns im Krankenhaus aufgenommen wurde, gewissermaßen als letzter Versuch. Besonders diese Krankenschwester, eine Ärztin und auch viele andere Fachkräfte bemühten sich mit Kompetenz und liebevoller Zuwendung, den trostlosen Zustand des Patienten zu verbessern. Es gelang. Im Verlauf von 10 Wochen wurde es dem Patienten möglich, wieder selbständig vom Bett aufzustehen und mit Gehhilfe allein den Fahrstuhl aufzusuchen und in den Speisesaal zu gehen. Die Sprachfähigkeit hatte sich deutlich verbessert. - Ehefrau und Kinder sprachen von einem Wunder. Die Entlassung war vorgesehen. Der Patient durfte
    probeweise übers Wochenende nach Hause. Wie uns die Ehefrau berichtete, verbrachte die Familie zwei wunderschöne Tage mit dem Vater. Die Ehefrau konnte nach über vier Jahren
    mit ihrem Mann wieder im Ehebett schlafen. Am Montagmorgen, als der Patient für die letzte Woche wieder in die Klink gebracht werden sollte, lag er tot im Bett.
    „Da waren alle unsere Bemühungen umsonst,“ sagte jemand. – Nein! Es war ein wundervoller Erfolg. Die Bemmühungen waren eine Art Camussche „Ausdauer im Schaffen“ in dem Wissen, dass das „Werk“ keine Zukunft hat, das „Werk an einem Tag zerstört“ sein kann. Wir können wie Sisyphos glückliche Menschen sein, wenn wir in unseren helfenden Berufen nach keinen Sinn (für die Ewigkeit) in unserem täglichen Schaffen streben.
  • Kleine Konformisten

    12.12.2014, Dr. Erika Butzmann
    Da Zweijährige eine begrenzte Aufmerksamkeit haben, darüber hinaus noch stark in der Nachahmungsphase stecken und die Gleichaltrigen besonders interessant finden, ist die Schokolade völlig unwichtig. Daraus eine „normative Konformität“ abzuleiten spricht nicht für ausreichende entwicklungspsychologische Kenntnisse der Forscher. Weder war den Kindern der potentielle Nachteil bewusst, noch haben sie darüber nachgedacht, aus der Reihe zu tanzen; sie haben wahrscheinlich nur so gespielt, wie sie in dem Augenblick wollten. Auch Ihre Bildunterschrift unterstellt den Zweijährigen Motive, die für deutlich ältere Kinder Thema sind.
  • Feedback oder Noten

    12.12.2014, Christiane Derra
    Im Artikel "Lernen! Aber wie?" wird der Lehrerverbands-Präsident Kraus mit den Worten zitiert: "Verzichten wir auf Noten, wachsen die Jugendlichen in einem Elfenbeinturm auf" Schulnoten seien ein eindeutiges Feedback zum eigenen Leistungsstand, wie es im späteren Leben üblich sei.

    Diese Aussage impliziert, dass es im "späteren Leben", womit wahrscheinlich die Arbeitswelt gemeint sein dürfte, Noten für abgeprüfte Inhalte vergeben werden. Diese Art der Bewertung ist mir bisher in meinem Berufsleben nicht begegnet. Anscheinend ist sie für Herrn Kraus und sein Kollegium Alltagsrealität - das würde bedeuten, sie werden regelmäßig von Schülerinnen, Schülern und Eltern benotet... Sehr wohl üblich in der Arbeitswelt ist es meiner Erfahrung nach, Feedback zu erhalten. Konstruktives Feedback zeigt, wie im Artikel beschrieben, auf, woran es lag, dass etwas geglückt oder misslungen ist und gibt vorallem auch Hinweise darauf, was beim nächsten Mal hilfreich sein kann. Neben der im Artikel erwähnten Untersuchung von Ruth Butler gibt es zahlreiche Untersuchungen die aufzeigen, wie durch Feedback spätere Leistungen verbessert und durch Notengebung verschlechtert werden.
  • Schulschwänzer - Lügner - Betrüger - Brandstifter - Tierquäler

    09.12.2014, Jürgen Schwartz
    Schulschwänzer - Lügner - Betrüger - Brandstifter - Tierquäler
    Diese alle in einem Atemzug im Artikel zu nennen, ist das Unreflektierteste, das ich seit langer Zeit gelesen habe.
    Kommt es Ihnen nicht in den Sinn, daß Schulschwänzer sehr oft - wenn nicht gar die klare Mehrheit - aus gaaaaanz anderen Motiven und mit ganz anderen Zielen handeln, als Lügner, Betrüger, Brandstifter und Tierquäler?
    Diese Gleichsetzung ist unfassbar!
    Antwort der Redaktion:
    Lieber Herr Schwartz,

    bei antisozialen Persönlichkeiten treten in der Entwicklung bestimmte Verhaltensweisen, darunter Schuleschwänzen, häufiger auf als im Bevölkerungsdurchschnitt. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass alle Schulschwänzer antisozial sind. Es wird nicht behauptet, dass Schulschwänzer und Antisoziale aus denselben Motiven oder mit denselben Zielen handeln.
  • Als Geschenk geeignet?

    08.12.2014, W. Windt
    Ist das Buch als Geschenk geeignet oder eher eine Scheußlichkeit?
  • Lernen! Aber wie?

    04.12.2014, Brigitte Götz
    Die in Ihrem Artikel vorgestellte Methode "Lesen durch Schreiben" ist keine Schreiblernmethode sondern eine Leselernmethode, mit demZiel den Kindern zu vermitteln, wie Sprache entsteht und dass sie aus vielen verschiedenen Lauten besteht.
    Schreibenlernen, vor allem orthografische Schreibung, ist ein jahrelanger Prozess, der von Eltern und Lehrern gleichermaßen begleitet werden muss. Leider wird er durch die Benotung der Schule zu einem Angstthema bei vielen Schülern.
    Deshalb würde die Aussetzung der Benotung von Rechtschreibung bis zur 6.Klasse, meiner Meinung nach, zu einer Verringerung von erworbenen Lese-Rechtschreibschwächen bei Kindern führen und die Schreib- und Lernlust erhalten.
  • Faktor Arbeit

    02.12.2014, Robin
    In diesem Artikel wird der Fokus auf das Individuum gerichtet, seine Lebensumstände, Verhaltensweisen und Vergangenheit, sowie biologische Daten.
    Es wird der Eindruck erweckt als wären in 1. Linie Pech und Unvermögen (biologisch wie psychsozial) konstitutiv für eine Depression.
    Was ist mit der modernen Arbeitswelt, inwiefern ist sie verantwortlich für eine klinisch nachgewiesene Depression von rund 12 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen?
    Wie beeinflusst zum Bsp. die Kommunikation in dieser, die oft ,,...mit ''doppeltem Boden''... (stattfindet), vorgeblich kooperativ, aber heimlich rivalitätsorientiert'' (vgl. Schulz von Thun 1978) die Faktoren für eine Depression?
    So oder so ist der Faktor Arbeit ein Grundlegender, da er für viele Menschen der Hauptlebensinhalt ist und nicht vom Rest des Lebens zu trennen ist.


  • Noten bei der Berufsausbildung (1. Lehrjahr)

    26.11.2014, Lutz Höfer
    Noten sind das Spiegelbild der Leistungen jedes Einzelnen. Die Bewertung der Auszubildenten in Theorie und Praxis ist für mich nur mit Benotung der einzelnen Tätigkeien möglich. Leider ist das Interesse der Lehrlinge sehr unterschiedlich bezüglich der Noten. Steht ein kopetenter Ausbildungsbetrieb ( Volkswagen AG) hinter dem Auszubildenten, ist ein Streben nach guten Leistungen mit entsprechender Benotung kein Problem. Das sieht aber anders aus bei Auszubildenten, die aus kleinen Unterrnehmen kommen und sich einer dualen Ausbildung bediehnen. Das Bildungsniveau ist nicht so hoch und die Jugendlichen orientieren sich, als Produkt der Erziehung durch ihre Eltern, an diesen. Diesen Persone motivieren Noten nicht. Da helfen auch nicht die verstärkt auftretenden Sozialpädagogen, die den " Kindern" ins Gewissen reden und somit eine Motivierung an der Ausbildung erreichen wollen. -Was soll mit diesem kleinstaaterischen Bildungssystem aus unserer Jugend werden?
    Lutz Höfer
  • Na klar!!

    24.11.2014, J.Clauss
    Wie heißt den noch IMMER die Parole??

    Durchhalten Jungs und Mädels...

    DURCH halten

    Zu nix anderem wird sie gebraucht und ganz ehrlich?

    WEN wundert das??
  • Sprichwort

    23.11.2014, Dr. Karl-Heinz Klär
    Auch ein blindes Huhn findet ein Korn.
  • Neu und wichtig?

    19.11.2014, Ulrich Heemann
    Ihre Schlussfolgerung (oder die der eteiligten Forscher):
    "Geld spenden ist eben nicht das Gleiche wie einen anderen vor leidvollen Erfahrungen zu bewahren."
    ist etwas voreilig. Die Probanden hatten ihr Geld gerade hart erarbeitet. Davon löst man sich nicht so schnell. Man empfände das als ungerecht. Hätte man die gleichen Personen später noch mal unabhängig um eine Spende gebeten oder sie das Geld leicht verdienen lassen, wäre vermutlich eine größere Bereitschaft zu verzeichnen.
    Leider hat man auch nicht um eine Spende gebeten, bei der das Geld zuvor nur durch fremdes Leiden erbracht worden wäre.
    Ungeklärt ist natürlich auch die Frage nach der persönlichen finanziellen Situation. War die bei allen Probanden gleich?
    Man sieht: Mit dem vorletzten Satz hatten Sie schon Recht: Nächstenliebe hängt stak vom Kontext ab!
    Aber welches neue Wissen haben wir dabei gewonnen?
  • Was soll man glauben?

    12.11.2014, Ulrich Heemann
    Leider wurde in Ihrem Beitrag zwar angegeben, wieviele Kinder an dem Experiment teilgenommen haben (ich nehme an, zu gleichen Teilen auf die Gruppen verteilt), aber nicht, in welchem Zahlenverhältnis die Schummler zu den Nichtschummlern standen.

    In dem von Ihrer Redaktion (!!) empfohlenen Buch "Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet" wurde völlig zu recht darauf hingewiesen, wie wenig aussagekräftig viele statistische Untersuchungen doch sind. Gerade in sozialwissenschaftlichen Studien hat sich ein großer Mangel an belastbaren bzw. reproduzierbaren Publikationen herausgestellt - ein m.W. unbestrittener Zustand.

    Da wäre es doch ein lohnendes Ziel, solche hinsichtlich der Belastbarkeit unklaren Berichte entweder nicht weiterzureichen (ich darf doch einen hohen Anspruch in Ihrer Redaktion unterstellen) oder aber zumindest derartige Mängel anzumerken. Andernfalls wären einige Angaben als Beleg der Glaubwürdigkeit angemessen, denke ich.
  • Testosteron

    07.11.2014, Heidrun Schaller
    Wie passt denn die in diesem Artikel geäußerte Vermutung, niedrige Testosteronlevel könnten die Männer dazu bewegen, weniger risikofreudig und weniger triebhaft zu sein, zu diesem Spektrum-Artikel zum Testosteron? Irgendwie gar nicht, oder?

    http://www.spektrum.de/news/das-verkannte-hormon/1303615
  • Lesekompetenz?

    03.11.2014, Jürgen Egle
    Das neue Buch von Gerhard Roth und Nicole Strüber „Wie das Gehirn die Seele macht“ hat bei mir nicht für „neuen Diskussionsstoff“ gesorgt, wohl aber die Rezension von Steve Ayan. Seit einiger Zeit schon fällt mir auf, dass Herr Ayan die Auffassung zu vertreten scheint: Schnelligkeit vor Genauigkeit. Im Blick auf seine Rezension stellt sich für mich die Frage, wie Herr Ayan zu der Behauptung kommt, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Therapierichtungen (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie etc.) seien zu vernachlässigen. Tatsache ist, die Autoren differenzieren sorgfältig: Zunächst kritisieren sie sowohl die „klassische Psychoanalyse“ als auch die klassische VT. Anschließend gehen Roth/Strüber auf moderne psychodynamische Theorien und auf die Kognitive Verhaltenstheorie (KVT) ein. Im Gegensatz zu den psychodynamischen Theorien die vom Standpunkt der neurobiologischen Forschung positiv beurteilt werden, kritisieren sie vor allem die Kognitive Verhaltenstheorie. So belegen sie anhand von Studien, dass eine KVT-Behandlung „umso wirksamer (war), je mehr ‚emotionale‘ Elemente sie enthielt, und umso weniger wirksam, je ‚kognitiver‘ sie war“ (S. 349). Eine ausführliche neurowissenschaftliche Begründung (vgl. die Studien) für die Verabschiedung vom Paradigma der kognitiven Kontrolle oder kognitiven Umstrukturierung findet der Leser auf den Seiten 346-349. Die Quintessenz lautet: „Aus neurobiologischer Sicht kritisch zu betrachten ist die zentrale Annahme der kognitiven (Verhaltens-)Therapie, dass die Gedanken die Emotionen bedingen und dass daher psychische Störungen das Ergebnis ‚falscher Kognitionen‘, d.h. unzutreffender Vorstellungen des Patienten von sich selbst, seinem Handeln und seinem Verhältnis zu Anderen seien. Dagegen steht die wohlfundierte Einsicht der Neurobiologie, dass es umgekehrt die bewussten oder unbewussten Emotionen sind, deren Fehlentwicklungen, etwa aufgrund einer frühen Traumatisierung, das ‚fehlerhafte‘ Denken bestimmen. Deshalb kann eine kognitive Umstrukturierung allein keinen therapeutischen Effekt haben. Vielmehr muss zuallererst eine emotionale Umstrukturierung stattfinden…“ (S.377f.). Die fundamentale Pointe heißt also: „Wenn eine KVT wirkt, dann nicht primär über eine kognitive, sondern über eine emotionale Umstrukturierung im Rahmen der therapeutischen Allianz“ (S. 378).
    Ein weiterer Vorwurf bezieht sich auf die „Naturalisierung des Geistes“. In Abgrenzung von LeDoux’ neurobiologischem Reduktionismus lesen wir bei dem Autorenteam: „Wir sind nicht unsere Synapsen, eine solche Formulierung ist schon aussagenlogisch nicht korrekt“ (S. 382). Und zur weiteren Klärung heißt es: „Synapsen, Neuromodulatoren, Neuronen und dergleichen sind aber eben nur Kommunikationsmittel, nicht die eigentlichen Ursachen. Viel eher könnte man sagen: Wir, also unsere Psyche und Persönlichkeit, sind das Ergebnis der Interaktion von Genen und Umwelt“ (S. 382).
    JÜRGEN EGLE
    Diplompsychologe, Diplompädagoge
    Antwort der Redaktion:

    Sehr geehrter Herr Egle,

    vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen. Es ist sicher richtig, dass Nicole Strüber und Gerhard Roth in ihrem Buch eine differenziertere Kritik verschiedener psychotherapeutischer Ansätze sowie der Stadien des Therapieprozesses vornehmen, als dies meine Rezension widerspiegelt. Einerseits verweisen die Autoren darauf, dass Freuds Vorstellungen "in wichtigen Punkten aus heutiger neurobiologischer Sicht unzutreffend" (S. 301) seien oder "bestenfalls jeglicher empirischer Fundierung entbehren" (S. 368). Andererseits bemängeln sie in der Tat die einseitig kognitive Ausrichtung der Verhaltenstherapie, welche dazu führe, dass das tatsächlich erforderliche emotionale Umlernen ausbleibe.

    Strüber und Roth sprechen von einer "multiplen Passung" (S. 330) je nach Symptomatik, Vorgeschichte und Persönlichkeit des Patienten sowie der Rolle des Therapeuten. Sie kommen allerdings, und darauf rekurriert das Fazit meiner Rezension, zu dem Schluss, "dass (…) durchaus Unterschiede in der Wirkung der KVT und PA festzustellen sind, auch wenn keine generelle Überlegenheit nachzuweisen ist." (S. 330) Die Autoren betonen, "dass der wichtigste Faktor für den Behandlungserfolg ein positives Verhältnis zwischen Klient/Patient und Behandelndem ist: die 'therapeutische Allianz'. (…) Im Klartext heißt dies: Wichtiger als die Zugehörigkeit des Therapeuten zur Psychoanalyse oder KVT ist seine Fähigkeit, eine emotionale Bindung und ein Arbeitsbündnis mit dem Patienten herzustellen." (S. 331) Insofern sind die Unterschiede zwischen Verhaltenstherapie und Psychoanalyse wenngleich nicht im Einzelfall, so doch in der Gesamtsicht auf therapeutische Wirksamkeitsfaktoren zu vernachlässigen.

    Was den zweiten Punkt betrifft, so schreiben Strüber und Roth: "Wir nehmen entsprechend eine naturalistische Sichtweise ein und sehen im Rahmen der 'Einheit der Natur' das Geistig-Psychische als einen Naturprozess an, ohne jeden Bezug auf eine metaphysische 'mentale Kausalität'" (S. 371) Dass die Autoren gleichzeitig eine drastisch verkürzte Sprechweise wie LeDoux' "Wir sind unsere Synapsen" ablehnen und die Seele als emergentes Phänomen auffassen, bleibt davon aus meiner Sicht unbenommen.

    Mit einem Wort: Ich halte meine Einschätzung – bei aller Unschärfe im Detail – für gerechtfertigt.

    Mit freundlichem Gruß
    Steve Ayan

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