szmtag
Spektrum der Wissenschaft spektrumdirekt Sterne und Weltraum Gehirn&Geist epoc SciLogs WIS wissenschaft-online naturejobs
 
Rezension | 10.06.2009
Quelle: Schwabulierkunst
 

Gefangen im Dschungel

Im Februar 2002 entführten FARC-Rebellen (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) Clara Rojas und ihre Freundin und Kollegin Ingrid Betancourt und hielten beide sechs Jahre im kolumbianischen Dschungel gefangen. Die beiden Frauen waren auf der Reise in den unsicheren Süden Kolumbiens, um für ihre Partei Oxigeno Verde Wahlkampf zu machen. Sie kamen nie dort an.

Wie einige der anderen Geiseln entschied sich Rojas nach ihrer Freilassung im Januar 2008, ihre Erlebnisse festzuhalten, um "mit der Fertigstellung des Buches eine Mission" zu erfüllen. Sie erzählt vom Alltag im Gefangenenlager: vom Tagesablauf, von den Entbehrungen und der Isolation, aber auch von der Freude über Zeitschriften und Nachrichten von ihrer Familie. Im Herbst 2003 wird Rojas schwanger und bringt 2004 im Dschungel per Kaiserschnitt einen Sohn zur Welt. Dieses Ereignis macht Schlagzeilen in Lateinamerika: Wer ist der Vater?

Mit Verweis auf ihre Privatsphäre macht die Autorin von "Ich überlebte für meinen Sohn" über die Hintergründe ihrer Schwangerschaft keine Aussagen. Der Leser erfährt detailliert die Umstände ihrer Gefangenschaft, aber wenig über die Protagonistin selbst, über ihre Gedanken und ihre Gefühle.

Das Buch geht kaum über Situationsbeschreibungen hinaus. Rojas berichtet zum Beispiel über unerträgliche Spannungen unter den Geiseln, die sich mit dem Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft noch steigern. Aber die Gründe für "die Grausamkeit ihrer Kameraden" bleiben im Dunkeln. Es wird nicht ersichtlich, weshalb ihre Mitgefangenen eine Front gegen sie aufbauen. Die Frage nach dem "Warum?" scheint die Autorin nicht zu beschäftigen, oder sie möchte ihre Antworten nicht der Öffentlichkeit preisgeben. Rojas erzählt die Dinge aus ihrer Sicht und klammert die zwischenmenschlichen Aspekte des Dramas fast vollständig aus. Es scheint, als wäre die Autorin frei von dem Wunsch, das Geschehen zu verstehen, politisch und psychologisch.

Vielleicht ist die Furcht, zu viel von sich preiszugeben, die Ursache dafür, dass sie sich nicht über Beschreibungen hinauswagt. Vielleicht ist es aber auch die einfache Sprache, die nicht mächtig genug ist, dem Leser die Zusammenhänge und Hintergründe ihrer Geschichte nahezubringen. Damit bleibt Rojas autobiografisches Buch leider an der Oberfläche und geht in der Masse der klassischen Erfahrungsberichte unter.
Katja Schwab
Die Rezensentin ist Diplom-Psychologin.

 
LESERBRIEFE

Leserbrief schreiben


wird nicht angezeigt
E-Mail-Adresse darf angezeigt werden
Beitrag darf veröffentlicht werden
Folgende Zahl bitte eingeben.
Anzeige
 
Anzeige
 
Lesershop
Der Sammelordner bietet Platz für 12-15 Hefte. »
Schönheit: Die Gesetze der Ästhetik • Im Rausch der Töne: So wirkt Musik auf die Psyche • Neuro-Art: Hirnscans als Kunst • Geniale Grenzgänger: Leonardo da Vinci und Georg Büchner • Kreativität: Wie... »
 
Abonnement
Verschenken Sie ein Jahresabonnement von Gehirn&Geist, damit sind Information und Faszination für das ganze Jahr garantiert! »
 
Science-Shop
Thorsten Havener
Gedankenlesen ohne Hellseherei, sondern allein durch Beobachtung: Gestik, Mimik und Körpersprache »
 

Science Jobs der Woche


Mehr Jobs von naturejobs.com und Spektrum der Wissenschaft finden sie hier.
 

Spektrum finden Sie auch hier



 

DenkMal

Welche Sportler haben die Gedächtnisforschung nachhaltig geprägt?
Taucher
Hammerwerfer
Marathonläufer
Segelflieger
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
Impressum - AGB - Datenschutz - Spektrum Custom Publishing