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Sean B. Carroll Die Darwin-DNA
Fischer (S.), Frankfurt
ISBN: 3100102312
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Frans de Waal Primaten und Philosophen
Unter Mitarb. v. Robert Wright, Christine M. Korsgaard, Philip Kitcher u. a. Hrsg. u. eingel. v. Stephen Macedo u. Josiah Ober. Aus d. Amerikan. v. Hartmut Schickert, Birgit Brandau u. Klaus Fritz
Hanser
ISBN: 3446230831
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Quelle: Gehirn und Geist 1-2/2009
Hommage an Charles Darwin
Drei Wissenschaftler ehren den Schöpfer der Evolutionstheorie zu seinem 200. Geburtstag
Geburtstagskinder beglückwünscht
man erst am Jubiläumstag selbst,
denn es soll Unglück bringen, vorzeitig
zu gratulieren. Ist der Betreffende indes
schon verstorben und ein runder Geburtstag
zu feiern, nimmt es keiner mehr so
genau. So gedachten etliche Verlage schon
2008 des 200. Geburtstags von Charles
Darwin (* 12. Februar 1809, † 19. April 1882)
und des 150. Erscheinungsjahrs seines
Hauptwerks ("On the Origin of Species",
1859). Jeder, der in Sachen Evolutionsbiologie
etwas auf sich hält, ehrt den Begründer
der Disziplin mit einem eigenen
Buch.
Sean B. Carroll gratuliert voller Ehrfurcht:
Der Molekularbiologe von der
University of Wisconsin versucht, im Geiste
Darwins dessen Ideen fortzuführen.
Schon im Titel seines Buchs beruft er sich
auf den Altmeister seines Fachs und preist
"Die Entstehung der Arten" als bedeutendstes
Werk der Biologie. Carroll zitiert
viele Passagen und versucht Darwins Gedanken
mit den naturwissenschaftlichen
Befunden der Gegenwart zu untermauern
und weiterzuentwickeln.
Der Begründer der Evolutionsbiologie
hatte bekanntermaßen keine Vorstellungen
von der Genetik. Als er auf der "HMS
Beagle", einem Expeditionsschiff der britischen
Royal Navy, um die Welt segelte
und seine grundlegenden Studien betrieb,
war Gregor Mendel (1822 – 1884) noch weit
davon entfernt, überhaupt ans Erbsenkreuzen
zu denken. Auch der Träger der
Erbinformationen, die DNA, wurde erst
zehn Jahre nach Veröffentlichung der
"Entstehung der Arten" erstmals isoliert.
Heute gilt sie als unverzichtbar, um Verwandtschaftsbeziehungen
zwischen den
Spezies zu klären und die Evolution zu ergründen.
Wissenschaftler haben dazu das komplette
Erbgut (Genom) verschiedener Mikroorganismen,
Pflanzen und Tiere sequenziert
sowie miteinander verglichen.
Selbst Teile des Genoms ausgestorbener
Arten wurden analysiert und erzählen
nun die Geschichte des Lebens. Carroll illustriert
anhand der Entwicklung solcher
Gensequenzen, wie wir die Evolution beispielsweise
des Farbensehens an der DNA
ablesen können. Besonders hebt er die Bedeutung
der natürlichen Selektion hervor
– für Carroll die größte Kraft im Universum
– sowie die verblüffend gute Anpassung
mancher Spezies an extreme,
geradezu lebensfeindliche Räume.
Am Erscheinungstag vergriffen
"On the Origin of Species" wurde selbst
vom breiten Publikum so begierig aufgenommen,
dass die erste Auflage noch am
Erscheinungstag vergriffen war. So flott,
unkompliziert und anekdotenreich wie
Carroll schreibt, trägt er jetzt schon seinen
Teil zum Fortschreiben der darwinschen
Erfolgsgeschichte bei.
Von Richard Dawkins war ein ähnlicher
Versuch zu erwarten, hat sich der Biologe
von der Oxford University doch der naturwissenschaftlichen Betrachtung des
Lebens verschrieben. Wer seinen Klassiker
"Das egoistische Gen" oder auch "Der
Gotteswahn" kennt, wird provokante Thesen
erwarten, stößt in diesem (auf Englisch
schon 2004 erschienenen) Werk aber
auf einen gemäßigten Dawkins. Einen
kräftigen Seitenhieb gegen die Kreationisten
kann er sich zwar nicht verkneifen - sie glauben, dass die biblische Schöpfungsgeschichte
die einzig wahre Erklärung
fur die Entwicklung des Lebens und
der Menschen biete. Ebenso wenig die Kritik
an dem popularen Wunschbild, die
Evolution sei mit dem Menschen auf ihrem
Höhepunkt angelangt. Doch im Wesentlichen
gibt er sich sehr zahm und
plaudert geistreich und gelehrt uber den
Ursprung des Lebens.
Dafür blickt Dawkins Schritt für Schritt
zurück: auf gemeinsame Vorfahren der
Menschen und der Affen, weiter zu deren
Urahnen und so weiter bis hin zu den ersten
Zellen. Für den Biologen ist das wie
eine Expedition durch die Jahrmillionen, ein Marsch entlang den Entwicklungslinien
von Stammbäumen, bei dem die Pilger
aus allen Richtungen zusammenströmen,
um sich schließlich am Wallfahrtsort
zu vereinigen.
Während der Biologe der Entwicklung
von Gehirn und Geist zwar besondere Bedeutung
einräumt, legt er darauf jedoch
keinen Schwerpunkt. Anders Frans de
Waal: Der niederländische Primatenforscher
von der Emory University in Atlanta
(US-Bundesstaat Georgia) fragt in seinem
Buch danach, wie die Moral entstand.
Das Werk ist wie ein wissenschaftliches
Streitgespräch aufgebaut: Frans de Waal
eröffnet die Debatte mit einem evolutionsbiologischen
Ansatz, der moralisches Verhalten
als zur Natur des Menschen gehörig
einordnet. Gegen religiöse Eiferer und Relativisten
grenzt er sich bewusst ab, widerspricht
aber auch der so genannten Fassadentheorie,
wonach der Mensch im Kern
böse sei und moralisches Verhalten nicht
mehr als eine Fassade: ein kommunikativer
Akt, mit dem er seine Mitmenschen
über seine wahren, egoistischen Absichten
täuschen will. Diese Position kommentieren
die Philosophen Christine Korsgaard,
Philip Kitcher und Peter Singer sowie der
Journalist Robert Wright, die – mehr oder
weniger vorsichtig – die Fassadentheorie
vertreten. Zahlreiche neue Befunde geben
de Waal jedoch Recht.
Anders als seine Gesprächspartner
hebt der Biologe nicht die Unterschiede,
sondern die Gemeinsamkeiten zwischen
dem Menschen und seinen nahen Verwandten
hervor und quartiert die Tiere
auf verschiedenen Stockwerken in seinem
"Turm der Moral" ein. Im Kern laufen alle
Beiträge
auf die Frage zu, ob auch sie eine
"Theory of Mind" haben, also fähig sind,
die Perspektive eines Gegenübers zu begreifen.
So fein, wie die Beiträge miteinander
verwoben sind, ergibt sich daraus ein lebendiges
und gescheites Lehrstück über
Theorien der Entwicklungsgeschichte. Ein
Geburtstagsgeschenk, über das sich Darwin
sicher sehr gefreut hätte.
Olaf Schmidt
ist promovierter Biologe und arbeitet als freier Journalist in Essen.
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