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Quelle: Gehirn und Geist 12/2008
Mensch statt Patient
Ein Psychiater wirft einen kritischen
Blick auf den Rezeptblock
Rund jeder Dritte erkrankt im Lauf
seines Lebens an einer psychischen
Störung. Trotzdem gilt ein solches Schicksal
noch immer als Stigma. Und obwohl
jedes Jahr neue Psychopharmaka auf den
Markt kommen, lässt sich das Leid allein
damit meist nicht vertreiben. Stefan
Weinman, Gesundheitswissenschaftler
und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
in Berlin, geht diesen Problemen
auf den Grund.
Ohne jede Polemik erläutert der Arzt
und Forscher seinen Standpunkt: Sowohl
beim gesellschaftlichen Umgang mit den
Betroffenen als auch bei der Entwicklung
neuer Medikamente liegt so manches im
Argen. Um diese Missstände aufzuzeigen,
beruft er sich einerseits auf Studienergebnisse,
hinterfragt sie andererseits aber
auch kritisch. Denn empirische Befunde
spiegelten mitunter nicht die Wahrheit
wider, glaubt Weinmann. Kleine Stichproben
sowie der Wettbewerb um finanzielle
Fördermittel beeinträchtigten die
Qualität der Forschung.
Häufig würden Psychopharmaka etwa
nur dahingehend geprüft, ob sie überhaupt
eine Wirkung haben. Aber manchmal
sei eben nicht entscheidend, ob die
Symptome selbst, zum Beispiel Halluzinationen,
nachlassen, sondern ob sich der
Patient unter Medikation im Ganzen besser
fühlt. Untersuchungen, die diese Frage
nicht klären, seien nur begrenzt aussagekräftig.
Besonders spannend ist Weinmanns
Auseinandersetzung mit der eigenen
Zunft. Er gewährt einen Blick hinter die
Kulissen, schildert das enge Zeitmanagement
der Klinikangestellten, die sich vor
lauter Verwaltungs- und Etikettierungsarbeit
kaum mehr den Menschen zuwenden
können.
Noch ein weiteres Problem hat Weinmann
bei seinen Kollegen ausgemacht:
Sie nehmen eine schwierige Vermittlerposition
ein zwischen den psychisch
Kranken einerseits und dem Rest der Gesellschaft
andererseits, der nichts mit "denen" zu tun haben wolle. Manche
Psychiater
zementierten diese Grenzen,
indem sie den Rezeptblock zwischen sich
und die Patienten schöben. Und andere
bekämpften ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit
gegenüber den Schicksalen ihrer
Patienten, indem sie Medikamente verordneten.
Der Autor fordert, zwischen Gesunden
und Kranken eine Brücke zu schlagen und
jeden Patienten in erster Linie als Menschen
zu betrachten. Psychopharmaka
könnten, müssten aber nicht Teil der Behandlung
sein. Ärzte sollten zunächst den
Rezeptblock stecken lassen und den zwischenmenschlichen
Kontakt nutzen.
Dieses Buch gehört auf jede Lektüreliste
von Medizin-Studenten, weil es zum
kritischen Denken und zu einer offenen
Auseinandersetzung anregt. Deshalb ist
es auch allen zu empfehlen, die anderweitig
mit dem Gesundheitssystem zu tun
haben. Die (selbst)kritische Analyse des
Psychiaters
ist eine Freude für jeden Wissenschaftler,
der sich den Blick für die
großen sozialen Zusammenhänge bewahren
will.
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