szmtag
Spektrum der Wissenschaft spektrumdirekt Sterne und Weltraum Gehirn&Geist epoc SciLogs WIS wissenschaft-online naturejobs
 
Rezension | 26.11.2008
Quelle: Gehirn und Geist 12/2008
 

Mensch statt Patient

Ein Psychiater wirft einen kritischen Blick auf den Rezeptblock
Rund jeder Dritte erkrankt im Lauf seines Lebens an einer psychischen Störung. Trotzdem gilt ein solches Schicksal noch immer als Stigma. Und obwohl jedes Jahr neue Psychopharmaka auf den Markt kommen, lässt sich das Leid allein damit meist nicht vertreiben. Stefan Weinman, Gesundheitswissenschaftler und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin, geht diesen Problemen auf den Grund.

Ohne jede Polemik erläutert der Arzt und Forscher seinen Standpunkt: Sowohl beim gesellschaftlichen Umgang mit den Betroffenen als auch bei der Entwicklung neuer Medikamente liegt so manches im Argen. Um diese Missstände aufzuzeigen, beruft er sich einerseits auf Studienergebnisse, hinterfragt sie andererseits aber auch kritisch. Denn empirische Befunde spiegelten mitunter nicht die Wahrheit wider, glaubt Weinmann. Kleine Stichproben sowie der Wettbewerb um finanzielle Fördermittel beeinträchtigten die Qualität der Forschung.

Häufig würden Psychopharmaka etwa nur dahingehend geprüft, ob sie überhaupt eine Wirkung haben. Aber manchmal sei eben nicht entscheidend, ob die Symptome selbst, zum Beispiel Halluzinationen, nachlassen, sondern ob sich der Patient unter Medikation im Ganzen besser fühlt. Untersuchungen, die diese Frage nicht klären, seien nur begrenzt aussagekräftig.

Besonders spannend ist Weinmanns Auseinandersetzung mit der eigenen Zunft. Er gewährt einen Blick hinter die Kulissen, schildert das enge Zeitmanagement der Klinikangestellten, die sich vor lauter Verwaltungs- und Etikettierungsarbeit kaum mehr den Menschen zuwenden können.

Noch ein weiteres Problem hat Weinmann bei seinen Kollegen ausgemacht: Sie nehmen eine schwierige Vermittlerposition ein zwischen den psychisch Kranken einerseits und dem Rest der Gesellschaft andererseits, der nichts mit "denen" zu tun haben wolle. Manche Psychiater zementierten diese Grenzen, indem sie den Rezeptblock zwischen sich und die Patienten schöben. Und andere bekämpften ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit gegenüber den Schicksalen ihrer Patienten, indem sie Medikamente verordneten.

Der Autor fordert, zwischen Gesunden und Kranken eine Brücke zu schlagen und jeden Patienten in erster Linie als Menschen zu betrachten. Psychopharmaka könnten, müssten aber nicht Teil der Behandlung sein. Ärzte sollten zunächst den Rezeptblock stecken lassen und den zwischenmenschlichen Kontakt nutzen.

Dieses Buch gehört auf jede Lektüreliste von Medizin-Studenten, weil es zum kritischen Denken und zu einer offenen Auseinandersetzung anregt. Deshalb ist es auch allen zu empfehlen, die anderweitig mit dem Gesundheitssystem zu tun haben. Die (selbst)kritische Analyse des Psychiaters ist eine Freude für jeden Wissenschaftler, der sich den Blick für die großen sozialen Zusammenhänge bewahren will.
Verena Liebers
ist promovierte Biologin

 
LESERBRIEFE

Leserbrief schreiben


wird nicht angezeigt
E-Mail-Adresse darf angezeigt werden
Beitrag darf veröffentlicht werden
Folgende Zahl bitte eingeben.
Anzeige
 
Anzeige
 
Lesershop
Der Sammelordner bietet Platz für 12-15 Hefte. »
Schönheit: Die Gesetze der Ästhetik • Im Rausch der Töne: So wirkt Musik auf die Psyche • Neuro-Art: Hirnscans als Kunst • Geniale Grenzgänger: Leonardo da Vinci und Georg Büchner • Kreativität: Wie... »
 
Abonnement
Verschenken Sie ein Jahresabonnement von Gehirn&Geist, damit sind Information und Faszination für das ganze Jahr garantiert! »
 
Science-Shop
Thorsten Havener
Gedankenlesen ohne Hellseherei, sondern allein durch Beobachtung: Gestik, Mimik und Körpersprache »
 

Science Jobs der Woche


Mehr Jobs von naturejobs.com und Spektrum der Wissenschaft finden sie hier.
 

Spektrum finden Sie auch hier



 

DenkMal

Welcher dieser Männer ist in seiner Disziplin wahrlich unsterblich?
der Mathematiker Alessandro Binomi
der Arzt Jakob Pilzbarth
der Jurist Friedrich Nagelmann
der Politiker Jakob Maria Mierscheid
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
Impressum - AGB - Datenschutz - Spektrum Custom Publishing