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Quelle: Gehirn und Geist 11/2008
Hirnforscher trifft Mönch
Was im Gehirn von meditationserfahrenen
Buddhisten anders läuft
Was passiert, wenn zwei hochrangige
Vertreter unterschiedlicher Erkenntnistraditionen
– der wissenschaftlichen
des Westens und der buddhistischen
des Ostens – aufeinandertreffen?
Im besten Fall entsteht ein spannender Dialog
wie der zwischen dem renommierten
Hirnforscher Wolf Singer und dem buddhistischen
Mönch Matthieu Ricard. Mit
diesem Büchlein führen die beiden ihre
Leser auf eine Reise, die einerseits exotische
Themen wie das Wesen der Meditation
und die buddhistische Philosophie
berührt, andererseits die Möglichkeiten
persönlicher Entwicklung diskutiert.
Dabei ist der Titelzusatz "Dialog" wörtlich
zu verstehen: Aufzeichnungen
jüngster Gespräche von Singer und Ricard
wurden zu diesem Zweck transkribiert
und anschließend von den beiden überarbeitet.
Für Neulinge auf diesem Gebiet
dürften vor allem die Berichte über besondere
Fähigkeiten meditationserfahrener
Mönche interessant sein, die inzwischen
von mehreren Forschungsgruppen
bestätigt wurden. Die Experimente
zeigten, dass diese Menschen Gesichtsausdrücke
besonders gut zu deuten wissen
und weniger stark erschrecken, wenn
sie etwa einen lauten Knall hörten. Ricard,
ein Molekularbiologe, der vor 35 Jahren in
den Himalaja zog, nahm an solchen Studien
selbst als Versuchsperson teil.
Der Neurophysiologe Wolf Singer, Direktor
am Max-Planck-Institut für Hirnforschung
in Frankfurt am Main, berichtet im Gegenzug von Studien, an denen
seine Arbeitsgruppe maßgeblich beteiligt
war: Im Zentrum stehen Phänomene wie
neuronale Synchronizität und Hirnaktivierung
im so genannten Gamma-Frequenzbereich.
Unter normalen Bedingungen
treten sie vor allem dann auf,
wenn man sich auf einen bestimmten
Wahrnehmungskanal konzentriert, und
beschränken sich zum Beispiel auf die
Sehrinde. Doch bei Meditierenden fanden
die Forscher solche Aktivierungen auch
im EEG des Frontalhirns – ein mögliches
Zeichen der extremen Fokussierung.
Bei allem Bemühen, sich inhaltlich
auszutauschen, haben Singer und Ricard
durchaus unterschiedliche Ziele vor Augen.
Während der Hirnforscher darüber
nachdenkt, wie sich Aufmerksamkeitstrainings
technisch optimieren lassen,
geht es dem Mönch um eine "Transformation
der Persönlichkeit". Dabei macht Ricard keinen Hehl daraus, was seine
eigentliche Botschaft ist – nämlich "die
Möglichkeit zur Veränderung unserer
geistigen Verfasstheit nicht unterschätzen" und "ein besserer Mensch zu werden,
um unser eigenes Glück und das der
anderen zu mehren".
Meditationserfahrene werden zwar
kaum eine neue Einsicht aus dem Befund
gewinnen, dass kontemplative Versenkung
mit einem Hirnzustand einhergeht,
wie er auch bei hoher Aufmerksamkeit
auftritt. Wer sich jedoch für den Dialog
und die Berührungspunkte zwischen
buddhistischer Philosophie und Hirnforschung
interessiert, dem kann der Dialog
zwischen Singer und Ricard uneingeschränkt
empfohlen werden.
Stephan Schleim
ist Philosoph und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Universitätsklinikum Bonn
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