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Quelle: Gehirn&Geist 9/2008
Wider Zahl und Formel
Ein Pädagoge will die Mathematik
humanisieren
Und was hat das mit mir zu tun? Das
fragt sich so mancher Schüler im
Matheunterricht. Der Psychologe André
Frank Zimpel, der selbst Mathematik an
einer Sonderschule unterrichtete, wertet
dieses Unbehagen an der Zahl als Ausdruck
eines tiefer liegenden Problems.
Allzu oft hätten die Formeln an der Tafel
nicht nur gar nichts mit unserem Alltag
zu tun; die Mathematik zwinge uns zudem
in ein Zahlenkorsett, schere uns über
den Kamm der Statistik und missachte
den Einzelfall, um unzulässig zu verallgemeinern.
Das Grundproblem liegt laut Zimpel
im Prinzip der Abstraktion: Wer abstrahiert,
entfernt sich vom Menschen und
verfehlt eine sinnvolle Beschreibung
komplexer Phänomene wie etwa Emotionen
oder menschengerechte Problemlösungen.
Der Psychologe plädiert deshalb
für eine "Humanmathematik". Sie
soll die Faustformeln stärken, mit denen
wir im Alltag rechnen, und die Forscher
aus den Klauen der Beschreibungsformalismen
befreien. Zimpel fordert, den
technikgläubigen Zeitgeist in Frage zu
stellen. Mittels der Mathematik lasse sich
auch Subjektives wie Emotionen und Bewusstsein
beschreiben – und auf diese
Weise werde aus der Wissenschaft der Axiome
und Beweise eine Mathematik der
"Sensibilisierung für Entwicklungsmöglichkeiten
".
Diese Neudefinition wird manchen
Leser
überraschen oder sogar befremden, dienen Zahlen und Formeln doch dazu,
Sachverhalte so zu beschreiben, dass sich
aus ihnen Schlussfolgerungen oder Vorhersagen
ableiten lassen – etwa in der Statistik
oder der Linguistik, die sprachliche
Phänomene mit formalen Mitteln beschreibt.
Vielen Sprachliebhabern missfällt
das aber, weil sie sich dagegen sträuben,
an geisteswissenschaftliche Inhalte
mit naturwissenschaftlichen Methoden
heranzutreten.
Psychologe Zimpel will das Beschreibungsinstrumentarium
der Mathematik
deshalb offenbar gleich ganz abschaffen –
jedenfalls in der Form, wie wir es kennen.
Denn eigentlich lehnt er nicht das Hantieren
mit Zahlen und Formeln ab, sondern
die Grundsätze wissenschaftlicher
Arbeitsweise: Abstraktion und Verallgemeinerung
bedeuten für ihn, lebende
in tote Materie zu verwandeln. Doch diese
grundsätzliche Abneigung begünstigt
ein anderes Extrem: zusammenhangloses
Beschreiben von Einzelfällen, ohne
damit zu einem verwertbaren Ergebnis zu
kommen.
Entsprechend unpräzise argumentiert
Zimpel selbst. So fragt er zum Beispiel,
warum Säuglingshirne nicht an Vogelhirne
heranreichen, was das Erfassen von
Zahlen betrifft, obwohl die reine Rechenkapazität
des größeren Babyhirns dies
leicht ermöglichen sollte. Folglich, so das
merkwürdige Argument, seien wir doch
nicht solch mathematische Wesen, wie
uns die Ingenieurwissenschaften vorgaukeln
wollten. Was er genau unter dem "Erfassen
von Zahlen" versteht und welche
Vögel das überhaupt können, führt der
Autor allerdings nicht aus. Überdies ist
die Metapher vom Gehirn als Rechner
heute längst veraltet.
Vielleicht hat die Mathematik Forscher
dazu verleitet, sich mehr mit dem Messund
Berechenbaren zu befassen als mit
dem, was den Menschen wirklich ausmacht.
Um ihn so präzise wie möglich zu
beschreiben, brauchen wir die Mathematik
(so, wie wir sie kennen) aber unbedingt.
Annette Leßmöllmann
ist Linguistin und Professorin für Wissenschaftsjournalismus an der Hochschule Darmstadt.
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