Essay
Willkommen in der Wirklichkeit
Was, wenn alles, was wir mit den Sinnen wahrnehmen, gar nicht real wäre, sondern lediglich eine Schöpfung unseres Gehirns? Eine neuropsychologische Spurensuche
Müller hörte jedoch schon gar nicht mehr richtig zu, weil er sich vorstellte, wie die "roten" Photonen von der Oberfläche des Apfels geradewegs zu Rosas Auge geschnellt waren und in ihrer Netzhaut alle möglichen Reaktionen ausgelöst hatten. Dann verfolgte er mit seinem inneren Auge sogleich die Aktionspotenziale, die von den Ganglienzellen der Netzhaut über die Sehnerven ins Gehirn geschickt wurden. In seiner Fantasie klang die Sprache der Nervenzellen wie ein leises Knistern in einem Lautsprecher


Christian Hoppe ist promovierter Neuropsychologe und Diplomtheologe. Er arbeitet an der Klinik für Epileptologie in Bonn.
abrufen




Medicine & More |
NeuroKognition |
Gedankenwerkstatt |
Graue Substanz |
Anatomisches Allerlei | 





1. Versuch gescheitert
22.08.2008, Peter Ofenbäck, DortmundUnbelegte Behauptungen zu verwenden, ist beim Essay offenbar legitim. Es kann ja auch fruchtbar sein, wenn man einen Geistesblitz hat, diesen erstmal ins Unreine zu notieren, bevor er verloren geht. Vielleicht wird er ja ein Kondensationskeim fruchtbarer Gedanken.
Christian Hoppe allerdings benutzt mit seinem Hirnforscher ein schiefes Gleichnis und betreibt im weiteren Verlauf hauptsächlich Haarspaltereien und Begriffsverwirrungen. Ich fragte mich, wozu das alles gut sei, bis ich schließlich den Textkasten "Theologie und Hirnphysiologie" las. Nun ist mir klar, dass hier jemand verzweifelt bemüht ist, den Gottesbegriff zu bewahren, der ihm bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten offenbar abhanden zu kommen droht. All diese Wortklaubereien sollen irgendwie retten, was nicht zu retten ist. Mehr als ein erkenntnisfreies "Geheimnis des Glaubens" ist leider nicht drin.
Der Essay ist letztlich doch nützlich: Er dokumentiert, dass selbst ein naturwissenschaftlich gebildeter Theologe mit leeren Händen dasteht, wenn er seinen Glauben argumentativ begründen will. Auch die Verweise auf Thomas von Aquin und Meister Eckhart führen nicht zum Ziel, sondern belegen nur, dass auch jene bereits ziemlich herumeierten bei dem Versuch, ein stimmiges Gedankengebäude zu schaffen, in dem ein Platz für Gott reserviert ist.
2. Was ist wirklich? Naturalistisch betrachtet.
27.10.2008, Michael Grevé, ZürichAls Beleg für seine These verwendet Herr Hoppe das Gedankenexperiment des seelenlosen Roboters, der unverwechselbar menschliche Züge innehaben soll:
"Es wäre vorstellbar einen Androiden so zu perfektionieren, dass sein Verhalten dem eines Menschen ohne erkennbaren Unterschied gleicht." [C. Hoppe, G&G 9/2008]
[meine Hervorhebung]
Meint Hoppe es wirklich so, wenn er es sagt: "ohne erkennbaren Unterschied"? Bedeutet dies nicht, dass der von ihm postulierte "philosophische Zombie" in der Lage wäre uns als Zuschauer glaubwürdig vorzutäuschen, dass er dank seinen komplexen Programmen eine virtuelle Realität besitzt, die ihm selbst die Fähigkeiten der Reflexion und Introspektion vermitteln?
Der geistige Vater der modernen Informatik Alan Turing, hat 1950 seinen unter Anhängern der KI (künstliche Intelligenz) berühmt gewordenen "Intelligenztest für denkende Maschinen" vorgeschlagen. In diesem einfachen Test sollen Mensch und Maschine gleichermaßen einen (in einem getrennten Raum sich aufhaltenden) Unparteiischen davon überzeugen, dass sie menschliche Fähigkeiten besitzen, in dem sie ihm abwechselnd beliebige Fragen beantworten müssen. Gibt es einen strengeren Beweis als die reale Willkürlichkeit eines solchen Turing-Tests?
In seinem Buch "Consciousness Explained" (1991) wendet Daniel Dennett den Turing-Test sogar noch strenger an. Der Schiedsrichter könnte dem Roboter eine Aufgabe stellen (die dieser natürlich bravourös löst), und ihn im Anschluss bitten, zu erklären, wie er denn die Aufgabe gelöst hat. Der Roboter würde vielleicht antworten, er hätte in Gedanken dort ein Bild gezeichnet, oder hier einen Strich gezogen, usw ... Doch der Unparteiische lässt nicht locker, und fragt weiter nach dem wie. Je bohrender die Fragen des Schiedsrichters werden, desto reflexiver würde unser Roboter werden, unsicher wie er denn antworten solle.
Doch Halt! Was wir da im Roboter erkennen, meint Dennett, sind Gedanken über Gedanken. Diese mentalen Erkenntnisse sind Gedanken höherer Ordnung, die laut dem Kognitions-Psychologen David Rosenthal, stets nur als bewusste Zustände auftreten! Hat uns nun der Roboter getäuscht, oder irrt sich Rosenthal wenn er behauptet solche Gedanken höherer Ordnung könnten nur aus dem Bewusstsein entstehen?
Kann unser Roboter unbewusst glauben, er hätte die Fähigkeit den Turing-Test zu bestehen? Läge dann nicht der Roboter falsch in seiner Annahme er wäre bewusst? Oder ist er damit nicht selbst Opfer einer gutmütigen aber fatalen Illusion; der Illusion seiner eigenen virtuellen Realität erlegen? Müsste ein solcher Roboter am Ende nicht genauso bewusst sein wie ein Mensch, um uns menschliches Verhalten so echt und ohne erkennbaren Unterschied vortäuschen zu können, wie uns Hoppe zu Beginn glauben ließ? Entweder hat der Androide ein Bewusstsein, ist demnach nicht seelenlos, oder er besitzt tatsächlich erkennbare Unterschiede zu uns Menschen, was im Widerspruch stünde zu den anfänglichen Bedingungen des Gedankenexperiments.
Ein solcher "philosophischer Zombie", wie er uns hier vorgegaukelt wird, kann es laut Dennett gar nicht geben! Deshalb zeigt uns dieses Gedankenexperiment von Hoppe am Ende gar nichts, weil es auf falschen Voraussetzungen und Annahmen aufbaute.
Christian Hoppe führt im zweiten Teil seiner Ausführungen den Begriff der Subjektivität als zentrales Element seiner "Philosophie des Geistes" ein, ohne uns genauer zu erklären, was er mit dieser Philosophie eigentlich meint. Wir erfahren, nur, dass die Subjektivität eng mit der Frage nach der Existenz von Qualia verknüpft sein soll.
"Ohne Wahrnehmenden keine Wahrnehmung. Der Apfel hat keinen messbaren Geschmack, sondern dieser kann nur durch das individuelle Schmecken erkannt werden. Subjektivität ist somit die Weise, in der Wirklichkeit überhaupt wirklich ist. Wäre dem nicht so, käme es zur Trennung zwischen Subjekt und Objekt, was in der Philosophie als Dualismus bezeichnet wird." [C. Hoppe, G&G 9/2008]
Welche Trennung denn? Meint Herr Hoppe die Trennung der Qualia vom dazugehörenden Apfel? Sind diese nicht schon längst getrennt, wenn der "Hirnforscher Müller" zu Beginn konstatiert: "kein einziger Bestandteil des Apfels, kein einziges Apfelatom" sei in das Gehirn der Probandin gedrungen, sondern nur Empfindungen und Erfahrungen über den Apfel?
In einem berühmt gewordenen (realen) Experiment mit der Erfahrung der Inversion, werden den Probanden invertierende Brillen aufgesetzt, die die Welt "Kopf" stehen lassen. Die Versuchspersonen gewöhnen sich in erstaunlich kurzer Zeit an die neue invertierte Umgebung, und sind sogar sehr bald in der Lage selbst komplexe Aufgaben, wie Radfahren um enge Kurven, zu bewältigen. Nicht diese Tatsache ist jedoch interessant, vielmehr sind es die Antworten der Probanden auf folgende Frage: "Sehen die Dinge jetzt so aus wie zuvor, oder sehen die Dinge immer noch anders aus, aber sie gewöhnen sich daran?" Einige wählen die erste Variante, einige die zweite, doch es gab auch Probanden, die mit der Gegenfrage darauf antworteten: "Was soll die Frage denn?"
Das einzig wichtige bei der Wahrnehmung der Außenwelt scheint zu sein, dass der "Input" zum "Output" passt. Doch dieser Abgleich findet mehr oder weniger Zeitgleich in so vielen Hirnregionen unabhängig von einander, und auf so viele unterschiedliche Arten statt, dass es keine richtige oder falsche Antwort gibt auf die Frage "Steht mein Sichtfeld noch Kopf oder nicht?"
Dieses Experiment zeigt uns, dass die Frage ob Qualia etwas Einzigartiges darstellen, im Grunde sinnlos ist. Es spielt keine Rolle, ob jemand die Farbe "Rot" anders empfindet als ein anderer Beobachter, denn diese Empfindungen sind lediglich Dispositionen, einfache neuronale Zustände des Gehirns, die wir in der Erzeugung unserer Empfindungen verwenden. Wichtig ist letztlich, dass wir alle an einer roten Ampel anhalten und bei einer Grünen weiterfahren. Wenn es im Gehirn keine Qualia gibt, außer als Darstellung der Summe aller Dispositionen (Hirnzustände) auf die ein Mensch reagiert oder die er empfindet, so wird der Begriff der Qualia selbst völlig wertlos.
Ist dieses festhalten an die Qualia als Empfindungen unserer Wirklichkeit, nicht am Ende bloß ein Relikt des Dualismus von Descartes? Der Vorstellung also, eines im cartesianischen Theater des Gehirns beobachtenden und wirkenden Homunkulus? Eine Vorstellung die Christian Hoppe selbst in seinem Essay zu entkräften versucht? Und wenn der Begriff der Qualia nur epiphenomenal und unwirklich ist, was bleibt dann noch von der damit verbundenen Subjektivität der Philosophie des Geistes übrig?
Willkommen in der Wirklichkeit!
Welche der dargelegten Thesen richtig ist, wird sich aus der Bewusstseins-Debatte ergeben. Doch meine ich, kann der Naturalismus durchaus den Anspruch erheben, philosophische Erkenntnisse zu deuten und zu erklären. Ja in mancher Hinsicht vielleicht sogar besser als eine ontologische Subjektivität wie sie im Essay von Herrn Hoppe dargelegt wurde.
Michael Grevé