Sie haben nämlich eine Bürzeldrüse, jawohl, und vermutlich sitzen Sie gerade darauf, ohne es je gewusst oder bemerkt zu haben. Und ich und mein Doktorand, wir sind die einzigen Menschen auf der ganzen weiten Welt, die die Bürzeldrüse des Menschen beforschen. Und mein Doktorand ist der einzige Mensch auf der Welt, der die Bürzeldrüse des Menschen heraus präparieren kann (siehe Fußnote 1). Das ist nämlich ziemlich schwierig, denn das Ding ist winzig und sitzt an einer delikaten Stelle. An der Spitze des Steißbeins nämlich, vulgo also zwischen A und Schwanz (Fußnote 2), weil das Steißbein der verkümmerte Rest eines Affenschwanzes ist, den wir sozusagen verinnerlicht haben. Anatomisch gesprochen: Es handelt sich um ein kleines Organ auf der Innenfläche und an der Spitze des Os coccygis (3), das den Endästen der Arteria sacralis mediana anliegt.
Die Bürzeldrüse der Vögel liegt aber auf der Rückseite des Steißbeins, es ist eine sogenannte exokrine Drüse, das heißt sie gibt ihr (fettiges) Sekret nach außen ab. Die Vögel pflegen damit ihr Gefieder. Die Steißdrüse, die Glomera coccygea liegen an der Vorderseite des Steißbeins, innen also, und sind ergo endokrine Drüsen, die ihr Sekret ins Körperinnere, ins Blut entlassen.
Aber sind es wirklich Drüsen? Oder nur ein nutzloses Gimmick, so überflüssig und rudimentär wie unsere ganze Schwanzwirbelsäule? Denn bei Tieren, die einen richtigen Schwanz haben, liegen diese Glomera in großer Zahl an den Blutgefäßen, die an der Unterseite der Schwanzwirbelknochen entlanglaufen. Dort, so glaubt man, haben diese Glomera mit der Durchblutungsregulation des Schwanzes zu tun. Damit er, wenn's kalt wird, nicht abfriert oder so aber dann wären's ja auch gar keine Drüsen, sondern eher Ventile. Und es kommt noch dazu, dass auch wir Menschen solche "Glomera", solche Knötchen, noch an anderen Stellen im Körper haben. In den Fingerspitzen zum Beispiel, massenweise, wo sie tatsächlich der Regulation des Blutflusses dienen. Aber auch anderswo im Körper: Auf der Halsschlagader liegt so ein "Glomus", ein sehr großes sogar. Das ist ein Sinnesorgan, das den Blutdruck und die Sauerstoffsättigung misst. Und auf der Aorta, im Bauch, liegt noch so ein Knöllchen, das den drolligen Namen "Zuckerkandelsches Organ" trägt (7) und dieses Ding ist nun definitiv eine endokrine Drüse.
Was für ein Chaos, was für ein Gedankenknäuel, was allerdings hervorragend zu den Glomera passt: denn Glomus heißt "Knoten". Dennoch: Was nun? Was hat es mit den Glomera coccygea auf sich, wie sehen sie aus, was machen sie, wofür sind sie gut?
An dieser Stelle beginnt der Weg des Leidens und der Lust meines Doktoranden Alex Merkel, Denn er ist ein lustiger Mann, ein leidensfähiger Mann, und ebenso wie ich an allen Abseitigkeiten des Lebens im Allgemeinen und der Anatomie im Besonderen fast mehr interessiert als am faden Mainstream der Wesentlichkeit (8) – weswegen wir uns fanden und ich ihn heuerte. Und er kann etwas, was ich zum Beispiel nicht kann: Er kann diese winzigen, kaum mehr als stecknadelkopfgroßen Glomera heraus präparieren. Dann schneidet er sie mit einem Mikrotom in hauchdünne Scheibchen (so dass man sie im Mikroskop beschauen kann) und färbt diese Schnitte mit allen möglichen Methoden an. Und mitunter merkt er dann, dass das, was er beim Präparieren für ein Glomus hielt, gar keines war, sondern nur ein leicht geschwollenes Blutgefäß. Dann war die ganze Arbeit für die Katz', und er leidet.
Oft aber klappt es doch, dann hat er ein Glomus erwischt, und bekommt im Mikroskop Bilder wie dieses zu sehen:
Also sag' ich zu meinem Doktoranden, er möge doch mit den geeigneten Methoden mal nachsehen, ob in den Glomera coccygea jene Enzyme (9) zu finden sind, die Adrenalin machen. Er knechtet wochenlang im Labor – und ja. In der Zellmanschette und anderswo im Glomus finden sich diese Enzyme. Das Ding könnte Adrenalin produzieren, könnte eine "adrenerge endokrine Drüse" sein.
"Mach mal ein paar nette Fotos", sag ich zu meinem Doktoranden, "ich will 'ne Glosse über die Bürzeldrüse schreiben." Macht er. Danke, Alex!
Und jetzt? Jetzt muss er irgendwann mal eine Doktorarbeit und eine Veröffentlichung über die Glomera coccygea schreiben. Da muss er dann darlegen, dass das alles ganz furchtbar wichtig ist, am besten noch auf klinisch-epidemiologische Studien verweisen, die zeigen, dass hypoplastische Alterationen (10) der Glomera coccygea eine unerkannte Volksseuche sind, womöglich die verborgene Ursache der grassierenden Obstipationsleiden oder des kalten Hinterns, dass dringender Forschungsbedarf besteht, dass Millionen an Forschungsgeldern fließen müssen, und so sie fließen, wird seine Karriere und die seiner zukünftigen Mitarbeiter am seidenen Fädchen der Glomera coccygea hängen, so wie jene an den Ästen der Arteria sacralis mediana.
Ich gönn's ihm ja, aus meinen Doktoranden soll doch mal was werden! Dann also los, mit voller Kraft jetzt auf zum Widerruf des im ersten Absatz Gesagten! Die Glomera – ein funktionsloses Rudiment? Ha, von wegen! Ursache allen Übels! Verstopfung, kalter Hintern, Steißbeinkühle, Enddarmstress, Hämorrhoiden, Dysfunktion der Sphinkteren und anale Parästhesien (11) – alles von den Glomera coccygea!
Schließlich hat die ganze Hirnforschung ja auch mal damit angefangen, dass einer frech behauptet hat, dass (a) das Hirn etwas mit dem Denken zu tun habe, und dass (b) Denken irgendwie wichtig für die Volksgesundheit sei. Kühne Hypothese (12).
Helmut Wicht ist promovierter Biologe und Privatdozent für Anatomie an der Dr. Senckenbergischen Anatomie der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Fußnoten:
(1) Aus Körperspendern der Anatomie, versteht sich.
(2) "Schwanz" ist hier ganz und gar nicht vulgär: gemeint ist "Cauda", nicht "Membrum virile"
(3) Os coccygis: das Steißbein. Verbatim: das "Kuckucksbein", weil es dem Schnabel dieses Vogels ähnlich sehen soll. Tut es aber nicht wirklich, jeder andere leicht gebogene Vogelschnabel hätte auch zur Benennung herhalten können.
(4) Glomus (Plural: Glomera): das (Faden)knäuel, das Knötchen
(5) Subtil, nicht wahr? Wie lockt man den Leser in das Fußnotendickicht
(6) Herbert von Luschka, 1820-1875
(7) Das wird eine eigene Glosse
(8) Die Beschränkung aufs Wesentliche ist nämlich auch eine Form der Beschränktheit.
(9) Denn es ist – bei so altem "totem" Material, mit dem wir arbeiten (müssen) – einfacher, die Enzyme, die das Hormon machen, als das Hormon selbst nachzuweisen.
(10) Unterentwicklung
(11) Fehlfunktion der Verschlussmuskeln und Juckreiz
(12) Eigentlich, so merke ich gerade, habe ich diese ganze Glosse auf diese zwölfte Fußnote, auf diese Pointe hin geschrieben, die allerdings die Form einer Buchempfehlung hat:
Georg Steiner: Warum Denken traurig macht. Suhrkamp, Frankfurt 2006.






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1. Bürzeldrüsencreme
09.08.2008, Monika Armand, Halleschon daran gedacht:
Hier könnte doch die Entwicklung einer "Bürzeldrüsencreme" zur Anregung dieser Drüse und Beseitigung von "Verstopfung, kaltem Hintern, Steißbeinkühle, Enddarmstress, Hämorrhoiden, Dysfunktion der Sphinkteren und analen Parästhesien" vielleicht eine neue Geschäftsidee werden ;-)
Die weite Verbreitung der dort lokalisierten Leiden könnte einen reißenden Absatz garantieren ...
Damit stünde einer Erweiterung von "mein Haus, mein Auto, mein Bankkonto ..." nichts mehr im Wege, sozusagen ein echter "Bürzeldrüsengewinn" ;-))) für Sie, und für Ihren Doktoranden Herrn Alex Merkel ein toller Start, gleich mit größeren "Hausnummern" anzufangen ...
Herzlichst
Ihre M. Armand