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Leserbrief | 19.11.2007
zu: Wo Gott wohnt
in Gehirn&Geist, 2/02, S.10

Oh Gott!

Nach so langer Zeit wiedergelesen stößt noch mehr auf als früher, wie "flott" der Artikel vor Jahren geschrieben wurde: So gut wie nichts von dem, worauf es darin ankommt, ist eindeutig und unmissverständlich formuliert. Wie es scheint, haben allerdings schon die genannten Wissenschaftler mit all den unklaren Begriffen hantiert, die in ihm vorkommen. Dem Autor wäre dann allenfalls anzulasten, dass seine Angaben zu den vorgestellten Untersuchungen ähnlich vage sind und in einem Detail - wenn es schon erwähnt wird - vielleicht sogar zu korrigieren: Binden die dabei verwendeten "Tracer" nicht an Blut- statt wie angegeben an Hirnzellen? Doch es gibt Wichtigeres.

Unklar bleibt in dem Artikel schon, wie gebetet wurde. Wegen seiner Ähnlichkeit zum Meditieren wird der mitdenkende Leser am ehesten ein "stilles" Beten oder "Kontemplieren" annehmen (müssen). Dass auch keine weiteren, für die Deutung der Ergebnisse der Untersuchungen evtl. wichtige oder auch nur in Betracht gezogene Details dieses Betens genannt werden, dürfte zu verschmerzen sein.

Gravierender erscheint dagegen, dass auch die Methoden, die von den untersuchten Meditierern angewendet wurden, nicht charakterisiert wurden; denn buddhistische Meditationen sind ausgesprochen differenziert und können selbst dann bemerkenswert unterschiedlich sein, wenn sie nur in gewöhnlichen Konzentrationsleistungen bestehen, auf die der Autor als einzige anspielt. (Während der Volksmund eher von "hoher Konzentration" redet, hält er es durchgehend mit z.T. größter Tiefe. Wenn er allerdings von "tiefer Konzentration" schreibt, nachdem er zuvor von "tiefster Versenkung" gesprochen hat, bringt er Meditieren in die Nähe von Versenkungszuständen wie Trance oder Hypnose oder solchen eher volkstümlicher Art wie Dösen und Tagträumen; zumindest buddhistische Meditationen haben mit all dem jedoch nicht das Geringste zu tun.)

Die wahrscheinlich bekannteste, weil "einfachste" buddhistische Meditation, das stille "Beobachten des Ein- und Ausatmens" (Anapanasati) zur Entwicklung von konzentrierter "Geistesruhe" (Shamatha), besteht beispielsweise in einem konstanten aufmerksamen Registrieren der Körperempfindungen beim Atmen und damit in reinem Wahrnehmen. Das soll nicht nur ein Abgleiten in beliebiges Phantasieren und erst recht in meist tranceartiges Tagträumen vermeiden; vielmehr ist diese geistige Übung in erster Linie gezielt auf die "Ausschaltung" gewöhnlichen Denkens wie z.B. des gewohnheitsmäßigen "inneren Mitredens", also ständigen Mitdenkens und Selbstkommentierens gerichtet. Es ist dann trivial, dass im dafür "zuständigen" präfrontalen Cortex unseres "Denkorgans" andere neuronale Aktivitäten als gewöhnlich festzustellen sind.

Auf ihrem "Trip ins Nirvana", wie der Autor phantasievoll formuliert oder eher fabuliert, könnten die Probanden allerdings auch etwas anderes gemacht haben. Als erfahrene Meditierer haben sie sich möglicherweise auf aktiv selbstgebildete und aufrecht erhaltenen visuelle Vorstellungen konzentriert. Seit mehr als zweitausend Jahre und damit lange vor Entwicklung einer wissenschaftlich fundierten Psychotherapie werden derartige "Visualisierungen" nämlich in der buddhistischen "Geistesschulung" bewusst und gezielt zur Selbstbeeinflussung und hier vor allem zur Entwicklung und Übung der Fähigkeit der Steuerung von solchen Reaktionen genutzt (z.B. bei der Entwicklung von "Metta": Liebe und Mitgefühl), die wie emotionale Reaktionen "von Natur aus" reflexhaft aufkommen und "ablaufen" .

Das bloße Registrieren von Körperwahrnehmungen ist eine derart andere Tätigkeit als die aktive Bildung und Aufrechterhaltung von Vorstellungen, dass dabei neurophysiologisch erhobene Daten über Aktivitätsverteilung und -veränderungen im Gehirn noch deutlichere Unterschiede zeigen müssten. Nur geht aus dem Artikel nirgends hervor, womit die Untersucher ihre Befunde "korreliert", also worauf sie diese bezogen haben, so wenig wie erwähnt wird, ob es bei den Untersuchungen etwa nach wissenschaftlichen Standards durchgeführte psychologische Explorationen der Probanden gegeben hat. (Im Gegenteil lesen sich die zitierten Aussagen, als seien die Meditierer und Beterinnen lediglich darum gebeten worden, ihr "inneres Erleben" und damit psychologisch gesehen weiter nichts als ihre Selbstwahrnehmungen aus ihrem persönlichen und damit subjektiven Selbstverständnis heraus sprachlich darzustellen. Selbst dieses wurde aber offenbar nicht differenziert oder gar kritisch hinterfragt und diskutiert, wie es ein wissenschaftliches Vorgehen erfordern würde.)

Das Fehlen genauer Angaben ist besonders deswegen misslich, weil es eine buddhistische Meditationsmethode von ganz Art gibt. Als überhaupt wichtigste und zentrale buddhistische Geistesübung könnte sie von den, wie eigens hervorgehoben wird, damit "vertrauten" Meditierern jedoch auch angewendet worden sein: die sog. Achtsamkeits- oder Einsichtsmeditation (Vipassana).

Bei dieser Meditationsweise wird Aufmerksamkeit im Gegensatz zu den zuvor genannten nicht wie üblich "konzentriert" und gezielt auf ein Erlebensdetail oder einen geistigen bzw. gefühlsmäßigen ("seelischen") Vorgang gerichtet sowie willentlich eine Zeit lang darauf fokussiert. Diese Beschränkung wird im Gegenteil zusammen mit der dabei nötigen Konzentrationsleistung vollständig aufzugeben geübt, man könnte auch sagen: aufgelöst, los- oder sein "gelassen" oder auch, dass man sich dabei von dieser Einstellung oder Einengung "befreit".

Damit geht zwar eine für Gelassenheit typische geistigen Entlastung einher. (Sie ist ähnlich der, die man empfindet, wenn man, statt etwas scharf und genau anzusehen, mit sog. "weichem Blick" entspannt "ins Leere" schaut.) Hier liegt besonders die Gefahr eines Abgleitens ins Dösen nahe. Doch besteht die meditative Leistung hier just darin, eine diesmal allseits offene weite Wahrnehmungsbereitschaft zu entwickeln, die nunmehr "gegen" die ständige und normale, weil natürliche Tendenz zur gegenläufigen konzentrativen Einengung und Engstellung der Aufmerksamkeit gerichtet ist.

"Achtsamkeit" dieser Art, wie Buddhisten sie verstehen (s. den Eintrag Achtsamkeit), besteht deswegen in einer gelassenen und gewahrsamen "Präsenz", wie oft gesagt wird, die auch als wache und offene "situative Allgegenwärtigkeit" umschrieben werden könnte. Es handelt sich um einen weitgestellten, panoramaartigen Wahrnehmungsmodus, den zu beschreiben deswegen schwierig ist, weil er so wenig bekannt ist, dass es keine vertrauten Bezeichnungen dafür gibt. Es versteht sich von selbst, dass bei Einnahme einer zu Konzentrationsleistungen derart gegensätzlichen Geisteshaltung wiederum andere Hirnaktivitätsverteilungsmuster zu erwarten sind.

Ob die geschilderten Untersuchungen in solche, wenn überhaupt in Details gingen, geht aus dem Artikel jedoch nirgendwo hervor - auch nicht, was derartige Geistestechniken, die Buddhisten in zweieinhalb Jahrtausenden entwickelt, erprobt und herausdifferenziert haben, mit Gott, Gottesvorstellungen, Gotteserfahrungen, ja überhaupt mit irgendwelchen, in welchem Sinn auch immer "religiösen", "übernatürlichen" oder "transzendenten" Erfahrungen zu tun haben. Dass sie in den zentralen Lehren des Buddhismus, auf denen die Praxis von Buddhisten ruht, nirgendwo vorkommen, ist dem Autor keine Erwähnung wert, genauso wenig wie die Überlieferung, dass Buddha sich in seiner Anatman- oder Anatta-Lehre ausdrücklich gegen die Annahme einer ewigen Seele oder "Atman" - unser "Atmen"! - gestellt haben soll und aller damit verbundenen "Vorstellungen" und "Gedankenspielereien", fast wörtlich die Bedeutung unseres Fremdwortes "Illusion"! Aber nicht erst seit ihm ist die explizite Aufforderung in der Welt, alle Illusionen - "Maya" - zu "durchschauen" ...
Ingo-Wolf Kittel, Augsburg
iw.kittel@gmx.de
 
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