Dass dieses böse Bonmot NICHT zu den Lieblingszitaten der Hirnforscher, damals wie heute, zählt, ist ohne Weiteres verständlich. Nur allzu gerne umgeben sie sich und ihren Forschungsgegenstand mit der Aura des Magischen und des Superlativs. »Das Hirn, das komplizierteste Stück Materie im Universum«, »das Hirn, das Organ der Seele« – das verkauft sich gut. Wie despektierlich klingt da der Vergleich zur Niere. Das Hirn, eine »Gedankendrüse«? Nimmermehr!
Oder doch?
Unsere Gehirne – Teile davon zumindest – sind eben auch Drüsen, und zwar ganz klassische: Es gibt Regionen im Gehirn, die voll von Zellen sind, die Hormone ins Blut abgeben. Endokrine (nach innen abscheidende) Drüsen nennen die Anatomen so etwas, im Gegensatz zu exokrinen (nach außen abscheidenden), wie etwa Schweiß- oder Tränendrüsen. Diese neuro-endokrinen Hirndrüsen sollten wir uns doch mal genauer ansehen, bevor wir der Frage nachgehen, ob das Hirn insgesamt nicht vielleicht doch eine »Gedankendrüse« ist.
Statt dessen produziert sie (zusammen mit dem Hypothalamus, das ist der Hirnteil, an dem sie hängt) so etwa 30, 40 verschiedene Hormone, ohne die unser Körper gar nicht funktionieren würde. Nach Entfernung der Hypophyse und des Hypothalamus kriegen Sie zwar unter Garantie nie wieder einen Schnupfen – aber hauptsächlich deshalb, weil Sie tot sein werden. So ziemlich alles, unser Wachstum, unsere generelle Stoffwechselgeschwindigkeit, die Ausscheidungsraten der Nieren, der Menstruationszyklus der Frauen – all das und noch viel mehr wird von der Hypophyse und dem Hypothalamus über Hormone geregelt. Zweifelsfrei: eine Karriere. Hypophyse und Hypothalamus: Königin und König unter den Drüsen.
Diametral entgegengesetzt: das Schicksal der nächsten neuro-endokrinen Drüse, der Zirbeldrüse, auch Pinealorgan geheißen (siehe wiederum die Abb.). Die sitzt an der Oberseite des nämlichen Gehirnabschnittes, an dem unten die Hypophyse hängt. Früher, in ihren besseren Tagen, als unsere Vorfahren noch als Fische durchs Wasser schwammen, da war sie mal eine Art von Auge: Sie konnte Licht wahrnehmen (siehe Fußnote 2). Ja, gleich in ihrer Nähe liegt das berühmte »dritte« Auge, manche Tiere, Echsen zum Beispiel, haben es heute noch. Und dann, im 16. Jahrhundert, kam die Blitzkarriere! Der Begründer der Philosophie der Neuzeit, der Überwinder des Mittelalters, der klügste Mann seiner Epoche, René Descartes, erklärte die Zirbel- zur Seelendrüse! Nun – nicht dass sie im Sinne des obigen Zitates die Seele absondern sollte, nein. Aber sie sollte der (einzige) Ort im Gehirn sein, an dem die Seele auf das materielle Geschehen im Gehirn einwirken kann.
Nun, die Hypophyse kam, wie wir gesehen haben, im weiteren Lauf der Neuzeit zu Ehren, die Zirbeldrüse aber kam zu Schanden. Der Thron des Seelensitzes wurde ihr (zu Recht?) vom Cortex entrissen, und der heutige Wissensstand über ihre Funktion lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Man schüttet ein Hormon drauf – nämlich Adrenalin – und sie spuckt sogleich gehorsamst ein anderes Hormon aus – Melatonin nämlich. Denn eigentlich ist sie nichts weiter als eine Sklavin des Hypothalamus, der zwar, wie wir sahen, im Souterrain residiert, aber der wahre Drüsenkönig ist. Wenn’s Nacht ist und dunkel, dann sendet der Hypothalamus ein Adrenalin-Signal an die Zirbeldrüse, und die produziert dann geflissentlich Melatonin, um dem Rest des Körpers mitzuteilen, dass man jetzt gefälligst müde werden sollte. Nichts von Seele, nichts weiter Aufregendes, alles nur Hormone.
Und es gibt noch mehr Drüsen im Gehirn! Da hätten wir noch das Subcommissuralorgan, dessen Produkt, Reissner’s Faden, bereits in einer früheren Kolumne (»Seemannsgarn? Nein! Hirnzwirn«) gewürdigt wurde. Außerdem sind da noch, an vielen Orten im Gehirn, die »Plexus chorioidei«, die das Hirnwasser absondern, den »Liquor cerebrospinalis« also, in dem das gesamte Hirn und das Rückenmark gebadet sind.
Und das Gehirn insgesamt? Ist es nun eine Gedankendrüse, oder ist es keine? Verführerisch ist die Analogie ja schon. Es gibt, wie wir sahen, Drüsen, die nach innen sezernieren (endokrine), und solche, die ihr Sekret nach außen abgeben (exokrine). Und ebenso gibt es ja auch Gedanken, die wir für uns, im Inneren behalten (oder, was leider auch vorkommt: in die Tat hätten umsetzen sollen) und solche, die wir in Wort und Tat nach außen tragen (oder, was leider ebenso oft vorkommt: die wir besser für uns behalten hätten). Das Hirn also als eine fakultativ, je nachdem, exo- oder endokrine Gedanken- und Tatendrüse?
Nun ja. Eine Drüse sondert Stoffe ab, Hormone, Sekrete, Schleim, Schweiß, Tränen, Talg und Ohrenschmalz, alles Sachen, die man auf Flaschen ziehen kann. Aber ein Gedanke ist ja kein Stoff. Oder doch? Schließlich gibt es Gedanken, die sind so zäh wie Nasenschleim, andere, die so schmierig sind wie alter Pickel-Talg, es gibt solche, die fließen leicht wie Tränenwasser, und mitunter gibt es bittere Gedanken, bitter wie die Galle, die das Sekret der Leber (auch eine Drüse) ist.
Und dieser ganze Gedankenschmant, sei er nun klebrig-zuckrig, gallig-giftig oder schwabbelnd-schleimig, verstopft er uns nicht mitunter dermaßen das Gehirn, dass es sich so ähnlich anfühlt wie eine übervolle Blase? Man müsste dringend mal aufs Klo, nur raus damit – oh, welche Erleichterung!
Ja. Das Hirn ist eine Gedankendrüse, so wie die Niere eine Harndrüse ist. Da kann man nichts machen. Was man aber dringend erfinden müsste, ist: das Gedankenklo.
Aber halt: Das gibts ja schon. Man nennt es: »Kultur«.
Helmut Wicht ist promovierter Biologe und Privatdozent für Anatomie an der Dr. Senckenbergischen Anatomie der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Fußnoten:
(1) Übrigens hielt der große Aristoteles, ja, DER Aristoteles, das Gehirn insgesamt für nichts weiter als eine schleimige, wässrig-kühle Drüse, die die Hitze des Geistes, die vom Herzen her kam, kühlen sollte.
(2) Dort oben, im Bereich dessen, was bei uns »Zirbeldrüse« heißt, gibt es bei vielen Tieren gleich mehrere lichtempfindliche Organe – das »Pineal-« und das »Parapineal-Organ«. Das Pinealorgan entspricht unserer Zirbeldrüse. Das Parapinealorgan, das zum Beispiel bei Amphibien und bei Echsen vorkommt und das uns völlig verloren gegangen ist, bildet deren berühmtes »drittes Auge«. Es guckt tatsächlich – durch ein kleines Fenster in den Schädelknochen – nach oben in die Weltgeschichte hinaus.





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1. Hirnig Hirnrissiges
11.09.2007, Ingo-Wolf Kittel, AugsburgNein, raus- und ausgedrückt, rausgelassen und geäußert werden Gedanken hier: in Sprache – in Aus- und Ansprachen aller Art, selbst schreiend, brüllend oder kreischend gar. Erst in Sprache gefasst kommen selbst hehrste Gedanken auf einen nieder, werden – um sie loszuwerden – runtergeschrieben und dann: abgeheftet in Tage-, Notiz- und anderen Büchern noch tiefer hinuntergebracht – in Magazine und Archive, Verließe von Verlass, für eine Ewigkeit gebaut... – Klo!? Iwo!!
2. Korrektur - und Ergänzung
27.08.2008, Ingo-Wolf Kittel, Augsburg"Kultur" leitet sich real ab von dem vieldeutigen lateinischen Verb COLERE! Dieses Wort hat eine Bedeutung, die von ursprünglich (be)bauen, bearbeiten, Ackerbau betreiben und (be)wohnen, ansässig sein über Sorge tragen und pflegen sowie verpflegen bis hin zu schmücken, putzen, ausbilden, veredeln, betreiben, üben, hochhalten reicht und sogar ehren und verehren, feiern sowie dann sogar heilig halten, anbeten und huldigen heißen kann. Auf colo gehen so bekannte Worte wie "Kolonie" und andererseits "Kult" zurück, über das Mittellateinische cultivare auch "kultivieren" bis hin zum engl. "Clown" (über "Bauerntölpel").
Interessanterweise besteht eine Verwandtschaft aller dieser Begriffe mit "Hals", lat. collum (s. Kollier, Dekolleté). Ihnen liegt die indogermanische Wurzel *kuel (o. quel) zugrunde, von der sich u.a. griech. kýklos Kreis (Zyklus) ableitet sowie pólos Achse, Drehpunkt (Pol) von pélein in Bewegung sein, sich regen, drehen, aufhalten und befinden sowie werden und sein. Auch der zweite Bestandteil in dem griech. Wort für Rinderhirt bou-kólos - von daher stammt "Bukolik" als Fachbezeichnung für "Hirtendichtung" - ist über keleúein antreiben (zu pélein) mit colere sprachverwandt (während das griech. bous, boós für Ochse, Rind, Kuh mit lat. bos sprachverwandt ist sowie mit franz. boeuf und engl. beef; übrigens stammt auch Bosporus im ersten Bestandteil hiervon ab, da es das griechischen Wort für bósporos für "Ochsenfurt" zurückgeht).
Grundbedeutung von colere und damit von Kultur dürfte nach dem Herkunftswörterbuch des Duden danach sein: "sich gewöhnlich irgendwo aufhalten (und) emsig beschäftigt, sein" und damit auf den historisch entscheidenden Schritt der Sesshaftwerdung von uns Menschen verweisen - vielleicht im Zusammenhang mit einer womöglich vorgängigen Tierhaltung.