Streitgespräch
Ergotherapie für Kinder - Modebehandlung oder sinnvolle Förderung?
Seit einigen Jahren ertönt ein Klageruf der Erzieher: Viele Jungen und Mädchen im Vorschulalter scheitern heute selbst an einfachen Aufgaben wie Malen oder Balancieren auf einem Bein. Und auch Lehrer bemängeln, dass Abc-Schützen oft nicht den Anforderungen entsprechen, wenn es etwa um das Schreibenlernen oder um ein friedliches Miteinander geht. Viele Kindergarten- und Grundschulkinder, die von der Entwicklungsnorm abweichen, bekommen Ergotherapie verordnet. Sie soll die fehlenden Basisfertigkeiten vermitteln: durch Spielen, Bewegungsübungen – und viel individuelle Zuwendung. Was leistet diese spezielle Behandlung? Ist sie überhaupt nötig, oder stempelt sie die Kleinen nur als »Patienten« ab?
Gehirn&Geist fragte den Bonner Kinderneurologen Helmut Hollmann und den Vorsitzenden des Deutschen Verbands der Ergotherapeuten Arnd Longrée.
Hollmann: Zum einen liegt das an den Bedingungen, unter denen viele Kinder heute aufwachsen: zu viel Fernsehen etwa, zu wenig Bewegung und oft auch zu wenig Zuwendung. Manche haben kaum noch Gelegenheit, sich und ihren Körper draußen beim Toben auszuprobieren. Gleichzeitig müssen Kinder heute aber auch viel mehr leisten als früher. Sie nehmen einen höheren Stellenwert in der Lebensplanung ihrer Eltern ein. Daher erwarten diese auch viel mehr von ihnen – und werden schnell nervös, wenn die Entwicklung nicht so läuft wie gedacht


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1. Forschungslücken schließen
10.10.2007, Daniela Rolf, Triftstraße 1, 47533 KleveIhr Beitrag veranschaulicht die kontroverse Diskussion, die zurzeit über Ergotherapie bei Kindern geführt wird. Leider mangelt es in Ihrem Beitrag an mancher Stelle an der dazugehörenden Sachlichkeit. Bezüglich des Evidenznachweises, insofern wir ihn nur aus wissenschaftlicher Forschung beziehen wollen, können wir immerhin im Kinderbereich auf ausländische Studien zurückgreifen.
Therapeuten, die über den Tellerrand schauen und evidenzbasierte Praxis in ihre Arbeit integrieren möchten, werden sich diese Quelle sicher zu nutzen machen. Ich tue es ja auch.
In Deutschland mangelt es an Effektivitätsnachweisen, dies wird von Ihnen richtig geschildert. Leider erwähnen Sie nicht, worauf der fehlende Evidenznachweis in Deutschland beruht.
Vielleicht interessiert den Leser Folgendes:
Forschung kostet (viel) Geld und benötigt Berufangehörige die Forschungskompetenzen besitzen. Das Ausbildungsniveau in Therapieberufen wie Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie schneidet in Deutschland im europäischen Vergleich schlecht ab. Ein höheres Ausbildungsniveau, was die Umstrukturierung auf Fachhochschulniveau beinhalten würde, wird bildungspolitisch wenig stimuliert.
Wie aufstrebend und wissbegierig diese Berufsgruppe jedoch ist, lässt sich daraus ableiten, dass freiwillig Bachelor-Aufbaustudiengänge absolviert werden und in einem deutschlandweiten, ersten Masterstudiengang Forschungskompetenzen erworben werden.
Es ist also eine Frage der Zeit, dass auch im Kinderbereich Wirksamkeitsnachweise in Deutschland erfolgreich erbracht werden, sofern finanzielle Ressourcen dafür bereitgestellt werden. Was die Einzelfallberichte betrifft, sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass auch die ersten Erkenntnisse über Alzheimer auf solchen beruhten …
Zukünftig werden in der Ergotherapie "prozessorientierte" Behandlungsmethoden wie z.B. sensorische Integrationstherapie, neuen "Aufgaben-orientierten" Behandlungsmethoden weichen, für die es bereits eine Reihe (ausländische) Wirksamkeitsnachweise gibt.
Die Heil- und Hilfsmittelreporte der Krankenkassen sollten anstelle zu bissiger Kommentare zum Nachdenken anregen. Inhaltlich ernst genommen veranschaulichen auch sie den dringenden Forschungsbedarf. Schließlich basieren diese Zahlen auf Verordnungen durch einen akademisierten Berufstand.
Hohe Ausgaben für die Krankenkassen entstehen meiner Meinung nach auch dadurch, dass sich der Trend durchzusetzen scheint, dass eine Indikation für eine Erstverordnung zur Ergotherapie in einem SPZ zu erfolgen hat. Für eine entsprechende Empfehlung hat die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie mit einer Leitlinie zur Indikation von Ergotherapie selber gesorgt. Inwieweit diese Empfehlungen auf Forschungsergebnissen beruhen, ist fraglich und geht aus der Leitlinie nicht eindeutig hervor. Ihr niedriger Qualitätsstandard auf S1-Niveau lässt Raum für viele Interpretationen.
Inhalte zur Indikation von Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie gehören meinem Erachten nach in die medizinische Aus- und Weiterbildung. Nur bei komplexen Fragestellungen sollte eine teure SPZ-Diagnostik durchgeführt werden.
Das abschließende Beispiel von Herrn Hollmann soll sicherlich das "wächst sich schon raus"-Prinzip verdeutlichen. In dem beschriebenen Logo-Bagger Beispiel handelt es sich in der Tat nicht um eine Therapieindikation. Gut erkannt, Herr Hollmann.
Wenn Ihnen besagtes Kind aber jeden Mittag bei den Hausaufgaben gegenübersitzt, weint und verzweifelt ist, weil es mit dem Schreiben einfach nicht klappt, entscheiden Sie hoffentlich anders. Tatsächlich wachsen sich motorische Entwicklungsauffälligkeiten bei einem geringen Prozentsatz von Kindern mit umschriebenen Koordinationsstörungen raus. Es darauf ankommen zu lassen, scheint aber riskant zu sein, da die sekundären Probleme erheblich sein können.
Im Mittelpunkt einer Therapieindikation für Ergotherapie steht immer ein alltagsrelevantes Probleme, keine Funktionsstörung. Wenn ein Kind bei der U-9, den Ein-Bein-Stand nicht beherrscht, ansonsten aber Rad und Inliner fährt, beim Klettern und Balancieren vielleicht ein bisschen unsicher ist, aber mit Spaß seine Freizeit auf dem Spielplatz und beim Sport verbringt, dann benötigt dieses Kind keine Therapie.
Daniela Rolf, Ergotherapeutin bc. NL
Triftstraße 1, 47533 Kleve
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