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Quelle: Gehirn&Geist 06/2007
Leben wie Neo
Über die Dinge an sich
und wie sie uns erscheinen
Jim Baggott versucht mit "Matrix oder
Wie wirklich ist die Wirklichkeit" nicht
weniger, als die Welt zu erklären – besser
gesagt will er die Frage beantworten, wie
wirklich Materie, Raum und Zeit tatsächlich
sind. Dafür zitiert er die Theorien bedeutender
Denker aus der Antike bis in
die Gegenwart. Und er tut dies auf erstaunlich
unterhaltsame und verständliche
Weise – soweit bei Quantenphysik
eben von Verständlichkeit die Rede sein
kann. Baggott ist genau die Art von Physiklehrer,
die sich wohl mancher Schüler
sehnlich wünschen würde.
Sein Erfolgsrezept: Er wählt als Einstieg
ins Thema einen bekannten Film –
den Blockbuster "Matrix" aus dem Jahr
1999. In dem bildgewaltigen Streifen der
Wachowski-Brüder wird eine große Lüge
aufgedeckt: Der Leinwandheld Neo befindet
sich wie alle Menschen in Wahrheit
in einer Kapsel, wo er einer Maschinenintelligenz
als Energiequelle dient. Hoch
entwickelte Aliens wiederum versorgen
die verkabelte Menschheit mit virtuellen
Bildern, der Illusion eines wirklichen
Lebens.
Mit der glitzernden Scheinwelt aus
"Matrix" im Hinterkopf geht der Autor
sodann einige spannende Fragen an, etwa
die, wie die moderne Konsumgesellschaft
funktioniert oder wie soziale Regeln
entstehen. Besondere Aufmerksamkeit
widmet er dem Sozialtheoretiker
Jean Baudrillard und dessen Modell der
Hyperrealität – ein überhöhtes, idealisiertes Abbild der Wirklichkeit –, das erklärt,
warum uns materielle Werte oft weniger
wichtig sind als die damit verbundene
Botschaft, unser sozialer Status. Eine
Heerschar von Flüsterern wie Marketingstrategen,
Werbefachleuten oder Meinungsmachern
füttert uns tagtäglich mit
einer Illusion jener Welt, die wir gerne
hätten: einer Welt, in der wir schöner, klüger,
erfolgreicher und glücklicher sind.
Dafür müssen wir in erster Linie dieses
Auto, jenes Haus oder einen neuen iPod
besitzen. Wie ein Hamster im Rad mache
sich der Mensch zum "Lohnsklaven", um
sich materielle Wünsche zu erfüllen und
damit die soziale Leiter hinaufzusteigen.
Zur Rolle des Gelds folgt Baggott der
Analyse des amerikanischen Philosophen
John Searle.
Danach führt uns der Autor zu den
Pforten der Wahrnehmung. Hier geht er
mit Platons Höhlengleichnis der Frage
nach, in welchem Maß der Mensch darauf
bauen darf, dass seine Sinne ihm ein verlässliches
Bild der Außenwelt vermitteln.
Schließlich begibt sich Baggott auf die
kleinste Teilchenebene hinab und damit
auf das für den Laien wohl schwierigste
Terrain. Zwischen Quarks und Photonen
lernen wir, dass Erklärungen zur Struktur
des Universums mit solchen über seine
fundamentalen Bausteine nicht in einer
Theorie vereinbar sind. Baggott erörtert
die Spielarten der Quantenphysik bis hin
zu schwingenden Energiefäden in der elfdimensionalen
Raumzeit.
Dem Laien wird in diesen Passagen
schnell schwindelig. Das kann auch Baggott
nicht ganz verhindern, aber er versteht
es hervorragend, die schwere Kost
durch Anekdoten, Gedankenexperimente
und Filmzitate aufzulockern. Er zeigt
auf, dass Philosophie und Naturwissenschaften
seit Jahrhunderten der Wirklichkeit
auf der Spur sind, sich diese aber in
Messungen allein nicht offenbart. Je nach
Fragemethode erhascht der Mensch immer
nur einen flüchtigen Blick auf einen
Ausschnitt der Wirklichkeit, die sich ihm
gerade darbietet. Die "Weltformel" bleibt
also vorerst Utopie.
Türkan Ayan
Die Rezensentin ist promovierte Psychologin und arbeitet als freie wissenschaftliche Beraterin
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