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Quelle: Gehirn & Geist 05/2007
Kommode Urteile
Über Sinn und Unsinn von
Schubladen im Kopf
Der einzige Mensch, der sich vernünftig
benimmt, ist mein Schneider. Er
nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich
trifft, während alle anderen immer wieder
die alten Maßstäbe anlegen in der
Meinung, sie passten auch heute noch."
Dieser Ausspruch wird dem irischen
Dramatiker George Bernard Shaw (1856 –
1950) zugeschrieben.
Für den Schneider rächt es sich schnell,
wenn er nicht immer wieder neu Maß
nimmt. Im Alltag sind vorgefertigte Urteile
dagegen oft nützlich. Das Schubladendenken
reduziert die Informationsfülle,
erleichtert Entscheidungen und
hilft, die Welt zu interpretieren, schreibt
der Bremer Sozialpsychologe Jens Förster.
Wer einen Werkzeugkasten braucht,
fragt ja auch nicht bei einer Freundin
nach, sondern zum Beispiel beim Schwiegervater.
Und im Normalfall liegt er damit
goldrichtig.
Während ein Stereotyp emotional
neutrales Pseudowissen beinhaltet, sind
Vorurteile mit Gefühlen beladen. "Ein
Vorurteil ist ein Urteil auf Grund einer
vorgefertigten Einstellung gegenüber
Mitgliedern einer Gruppe, die man nicht
genügend kennt", definiert der Autor.
Derartige Schubladen erlauben es, sich
von bestimmten Gruppen abzugrenzen
und darüber eine eigene Identität zu entwickeln.
Die Kehrseite: Vorurteile begünstigen
diskriminierendes Verhalten und neigen
dazu, sich selbst zu bestätigen, wie Förster
anhand eines bekannten Experiments beschreibt.
Wenn Lehrer vorab die Information
erhalten, dass Max klug ist und Egon
dumm, wird Max plötzlich zu einem guten
Schüler und Egon bekommt schlechtere
Noten – auch wenn es eigentlich Egon
ist, der mehr auf dem Kasten hat.
Gegen die Macht der Vorurteile helfen
auch keine Sprachregelungen wie die politisch
korrekten "Menschen mit Migrationshintergrund". Förster demonstriert
die paradoxe Wirkung solcher Verklausulierungen
anhand von Experimenten: Sie
zeigen, dass Tabuwörter einen Boomerang-
Effekt auslösen, weil die Unterdrückung
von Stereotypen diese mehr denn
je aktiviert. Das Prinzip der Political Correctness
erscheint in diesem Licht kontraproduktiv.
Vorurteile wieder zu "verlernen", hält
Förster zwar für schwer, aber nicht für
unmöglich. Umlernen hieße: Vorurteile
identifizieren und rational sezieren.
Schon Kinder und Jugendliche sollten
nichtdiskriminierende Kategorien einüben.
Dass diese im Lauf des Lebens wieder
verloren gehen können, spiegele die
Gesellschaft wieder, erklärt er. "Nur über
den gesellschaftlichen Wandel bewirken
wir eine Änderung dessen, was wir im Gedächtnis
haben, weil wir Dinge eben nicht
so schnell verlernen, solange sie bleiben,
wie sie sind."
Förster weiß, wovon er spricht. Er berichtet
von eigenen Erfahrungen – als
kleiner Junge, der im falschen Viertel
wohnt, als Sohn von Flüchtlingen, als Homosexueller,
als Künstler und als Weißer
in New Yorks afroamerikanischem Stadtteil
Harlem. Der Bremer Hochschullehrer
präsentiert in diesem ebenso lesbaren
wie lesenswerten Buch Experimente und
Einsichten in einer ganz und gar unprofessoralen
Art: leichthändig, ohne oberflächlich
zu sein, ungezwungen und sehr
persönlich.
Alexander Kluy
Der Rezensent ist freier Journalist und lebt in München.
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