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Rezension | 19.05.2007
Quelle: Gehirn & Geist 05/2007
 

Kommode Urteile

Über Sinn und Unsinn von Schubladen im Kopf
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer wieder die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch." Dieser Ausspruch wird dem irischen Dramatiker George Bernard Shaw (1856 – 1950) zugeschrieben.

Für den Schneider rächt es sich schnell, wenn er nicht immer wieder neu Maß nimmt. Im Alltag sind vorgefertigte Urteile dagegen oft nützlich. Das Schubladendenken reduziert die Informationsfülle, erleichtert Entscheidungen und hilft, die Welt zu interpretieren, schreibt der Bremer Sozialpsychologe Jens Förster. Wer einen Werkzeugkasten braucht, fragt ja auch nicht bei einer Freundin nach, sondern zum Beispiel beim Schwiegervater. Und im Normalfall liegt er damit goldrichtig.

Während ein Stereotyp emotional neutrales Pseudowissen beinhaltet, sind Vorurteile mit Gefühlen beladen. "Ein Vorurteil ist ein Urteil auf Grund einer vorgefertigten Einstellung gegenüber Mitgliedern einer Gruppe, die man nicht genügend kennt", definiert der Autor. Derartige Schubladen erlauben es, sich von bestimmten Gruppen abzugrenzen und darüber eine eigene Identität zu entwickeln.

Die Kehrseite: Vorurteile begünstigen diskriminierendes Verhalten und neigen dazu, sich selbst zu bestätigen, wie Förster anhand eines bekannten Experiments beschreibt. Wenn Lehrer vorab die Information erhalten, dass Max klug ist und Egon dumm, wird Max plötzlich zu einem guten Schüler und Egon bekommt schlechtere Noten – auch wenn es eigentlich Egon ist, der mehr auf dem Kasten hat.

Gegen die Macht der Vorurteile helfen auch keine Sprachregelungen wie die politisch korrekten "Menschen mit Migrationshintergrund". Förster demonstriert die paradoxe Wirkung solcher Verklausulierungen anhand von Experimenten: Sie zeigen, dass Tabuwörter einen Boomerang- Effekt auslösen, weil die Unterdrückung von Stereotypen diese mehr denn je aktiviert. Das Prinzip der Political Correctness erscheint in diesem Licht kontraproduktiv.

Vorurteile wieder zu "verlernen", hält Förster zwar für schwer, aber nicht für unmöglich. Umlernen hieße: Vorurteile identifizieren und rational sezieren. Schon Kinder und Jugendliche sollten nichtdiskriminierende Kategorien einüben. Dass diese im Lauf des Lebens wieder verloren gehen können, spiegele die Gesellschaft wieder, erklärt er. "Nur über den gesellschaftlichen Wandel bewirken wir eine Änderung dessen, was wir im Gedächtnis haben, weil wir Dinge eben nicht so schnell verlernen, solange sie bleiben, wie sie sind."

Förster weiß, wovon er spricht. Er berichtet von eigenen Erfahrungen – als kleiner Junge, der im falschen Viertel wohnt, als Sohn von Flüchtlingen, als Homosexueller, als Künstler und als Weißer in New Yorks afroamerikanischem Stadtteil Harlem. Der Bremer Hochschullehrer präsentiert in diesem ebenso lesbaren wie lesenswerten Buch Experimente und Einsichten in einer ganz und gar unprofessoralen Art: leichthändig, ohne oberflächlich zu sein, ungezwungen und sehr persönlich.
Alexander Kluy
Der Rezensent ist freier Journalist und lebt in München.

 
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