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Quelle: Gehirn und Geist 04/2007
Dufte
Hörgeschichten
Was Riechzellen Erstaunliches leisten
Die meisten Säugetiere wären verloren,
wenn sie nicht schon kleinste Geruchsspuren
wahrnehmen und aus diesen eine
Fülle von Informationen ableiten könnten.
Umgekehrt bedeutet eine reizempfindliche
Nase aber auch viel Stress. Bei
Menschen können körperliche Ausdünstungen
keine größeren Schäden anrichten.
Ihr Geruchssinn ist im Vergleich zu
vielen Tieren geradezu verkümmert.
Trotzdem leistet er Dinge, von denen
man lange nichts wusste. Der Biologe
Hanns Hatt von der Universität Bochum
erzählt gern davon.
Der Hörer erfährt während der Laufzeit
von 155 Minuten beinahe alles, was
Laien wie Experten interessiert. So weiß
man mittlerweile, dass nicht weniger als
350 Gene für die Geruchswahrnehmung
des Menschen zuständig sind. Ihnen entsprechen
350 verschiedene Typen von
Riechrezeptoren, von denen jeder auf
eine bestimmte Gruppe chemischer Verbindungen
spezialisiert ist.
Mit diesen Rezeptoren ausgerüstet,
kann der Mensch Millionen von Gerüchen
und etwa 10 000 Duftmischungen
voneinander unterscheiden. Aber damit
nicht genug. Vor Kurzem machte ein Forscherteam
unter der Leitung von Hatt
eine weitere verblüffende Entdeckung:
Riechrezeptoren sitzen nämlich nicht nur
in der Riechschleimhaut, sondern weisen
auch Spermien den Weg zur Eizelle.
Auf diese Entdeckung und ihre Bedeutung
für die Medizin geht der Biologe
in
seinem neuen Hörbuch ausführlich ein.
Er erläutert, was in der Riechschleimhaut
und im Gehirn im Einzelnen geschieht
und warum der Hypothalamus,
der Hippocampus und das limbische
System direkt mit dem Riechhirn verbunden
sind. Hatt befasst sich auch mit
den Auswirkungen der Pheromone auf
das menschliche Sexualverhalten sowie
mit dem Eigengeruch, der möglicherweise
bei der Partnerwahl eine Rolle
spielt.
Der Autor erklärt zudem, warum einige
Körpergerüche als Krankheitsindikatoren
dienen und was die Alzheimer-
Demenz mit einem schlechten Riechvermögen
zu tun hat. Und er beklagt, dass
der Geruchssinn immer weniger geschult
wird. Die Fähigkeit, sich Gerüche vorzustellen,
sei heute häufig unterentwickelt.
Hatts Behauptung, Säuglinge könnten
gegenüber der Welt der Gerüche noch
eine völlig neutrale Einstellung einnehmen
und allein die Kultur entscheide,
was als Duft und was als Gestank empfunden
werde, ist allerdings fragwürdig.
Der Geruch der Sieger
Dazu hat der Autor übrigens auch einige
dufte Tiergeschichten parat – etwa von
den Tupajas, einer Baumspitzhörnchenart
aus Südasien. Der Bayreuther Verhaltensforscher
Dietrich von Holst ließ einst
Tupaja-Männchen gegeneinander kämpfen.
Die jeweils Unterlegenen sperrte er
schließlich in einen Raum, wo es alles im
Übermaß gab, was die Tiere brauchen
und mögen – doch wurde hierhin perfiderweise
auch der Körpergeruch des Siegers
geleitet. Ihn dauernd einzuatmen
machte den Verlierern so zu schaffen, dass
sie innerhalb weniger Monate starben.
Kurzum: Das Hörbuch bietet eine exzellente
Zusammenfassung der aktuellen
Erkenntnisse über die Funktionsweise
des menschlichen – und tierischen – Geruchssinns.
Dr. Frank Ufen
Der Rezensent ist promovierter Soziologe und freier Wissenschaftsjournalist, Marne
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