Ernst Pöppel
Der Rahmen
Hanser
ISBN: 3446207791
Dieses Buch können Sie im Science-Shop für 25,90 € (D), 26,70 € (A) kaufen. »
Ernst Pöppel, Hirnforscher und Psychologe
aus München, erhielt eines Tages
Besuch von einem holländischen Fernsehteam,
das sich nach den so genannten
Bunkerexperimenten erkundigte. In diesen
Versuchen hatte der Wissenschaftler
vier junge Männer beobachtet, die drei
Wochen lang unter künstlichem Dauerlicht
lebten – völlig abgeschottet von der
Außenwelt. Pöppel wollte herausfinden,
wie sich die Probanden auf die neuen
Bedingungen einstellen und ob sie alle
einen ähnlichen Lebensrhythmus ausbilden
würden. Die TV-Leute zeigten sich
ungewöhnlich interessiert und fragten
nach weiteren Details. Wenig später lief
die erste Staffel von "Big Brother" an.
Der Rahmen
Hanser
ISBN: 3446207791
Dieses Buch können Sie im Science-Shop für 25,90 € (D), 26,70 € (A) kaufen. »
Diese Geschichte ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie der 66-jährige Pöppel in seinem Buch "Der Rahmen" wissenschaftliche Arbeit mit persönlichen Begegnungen verwebt. "Ein Blick des Gehirns auf unser Ich" verspricht der Untertitel und der Leser erwartet eine exakte, nüchterne und lehrbuchhafte Darstellung des Gehirns und seiner Funktionen - ganz so wie von vielen anderen Titeln zum Thema Hirnforschung. Doch Pöppels Buch hebt sich inhaltlich und strukturell deutlich davon ab. Lustvoll und kundig erzählt der Autor in 34 kurzen Kapiteln von seinen eigenen Forschungsarbeiten sowie denen der Kollegen und plaudert aus dem Privatleben. Es gelingt ihm, den Wissenschaftler als Menschen näher zu bringen. Pöppel berichtet von Forschungen und Freunden, von Reisen nach China und Besuchen chinesischer Wissenschaftler in Deutschland. Klug verweist er auf die Bedeutung der eigenen Erfahrung für die Deutung wissenschaftlicher Beobachtungen. Autobiografisches mischt er mit Fachlichem, ohne sich dabei zu verzetteln.
Dank der Kürze der Kapitel sind so kleine, aber brillante Preziosen entstanden, sie tragen Titel wie "Kniekehlenkunde" oder "Hexenküche". In letzterem nimmt Pöppel eine Szene aus Goethes Faust zum Anlass, über auswendig gelernte Gedichte, Drogen und den Wunsch nach ewiger Jugend zu sinnieren. Wenn sich Pöppel an den Krieg erinnert, denkt er an seine traumatisierte Mutter. Im "An-Denken" sieht er eine Konstruktion der eigenen Identität, meditiert über das Ich und landet bei seiner Vorliebe für Squash.
Vieles wirkt sprunghaft und ohne roten Faden in diesem Buch – doch den Rahmen bildet ja unser Gehirn. Seine Plastizität ermöglicht dem Menschen, sich stets auf unbekannte Situationen einzustellen und sie zu meistern. Der scheinbar unsystematische Aufbau und die persönlichen Einblicke, die dieses Buch auszeichnen, zeigen, wie sehr Pöppel offenes Denken schätzt. Der Leser darf sich durch die Kapitel treiben lassen; er kann beliebig irgendwo anfangen und muss sich nicht an die vorgegebene Reihenfolge halten.
In Pöppel begegnet dem Leser ein Autor, der das Leben wichtig nimmt – nicht so sehr sich selbst. Vielleicht sind die Lust am Spiel, an der Selbstironie oder einfach die Ehrlichkeit der Grund, warum dieses Buch so fasziniert. Der Autor stellt sich mitunter selbst in Frage und gesteht, dass er im Lauf seines Arbeitens vor einigen Problemen kapitulierte. Das gilt selbst für sein eigenes Forschungsgebiet: die Zeit und wie wir Zeit erleben. Wer auch immer über die Zeit nachdenkt - sei es noch so tiefgründig und umfassend –, ist am Ende ratlos. So die Konsequenz eines Seminars, das über Jahre in Pöppels Institut stattfand.
Pöppel vermittelt dem Leser viel Wissenswertes, plaudert intelligent und stellt Fragen über Fragen. So gelingt ihm, was viele Sachbuchautoren möchten: unterhalten und gleichzeitig zum Nachdenken anregen.


Der Rezensent ist promovierter Biologe und freier Wissenschaftsjournalist in Duisburg
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