Ein Mensch ohne Hirnfunktion gilt medizinisch und juristisch als tot – auch wenn sich seine Brust dank Beatmungsgerät noch bewegt und das Herz weiterschlägt. Ist diese Praxis noch zeitgemäß? Oder sollten gar Komapatienten für tot erklärt werden – etwa um Organspenden zu erleichtern?
Yvonne Raley ist Philosophieprofessorin am Felician College in Lodi, US-Bundesstaat New Jersey. Ihre Spezialgebiete sind Metaphysik und Angewandte Ethik.
Alexander K. liegt auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Er wird künstlich beatmet, sein Herz schlägt, das Elektroencephalogramm (EEG) des Gehirns zeigt jedoch eine Nulllinie.
Petra M. ist ebenfalls an einem Beatmungsgerät angeschlossen. Ihr Gehirn ist irreversibel geschädigt. Sie wird nie wieder zu sich kommen, nie mehr selbst essen oder auch nur selbstständig atmen können. Ihr EEG offenbart allerdings immer noch eine – wenn auch sehr geringe – Hirntätigkeit.
Klaus S. wiederum liegt seit fünf Jahren mit einem schweren Hirnschaden in einem Pflegeheim. Er atmet ohne Hilfe von Maschinen, wird aber künstlich ernährt. Höchstwahrscheinlich wird er ebenfalls nie wieder aufwachen und auf das Geschehen um sich herum reagieren können. Doch wie bei Petra M. zeigt auch sein EEG noch eine minimale Hirnaktivität.
Drei Schicksale, jedes ohne Hoffnung auf Genesung. Aber welcher der drei Patienten kann als tot gelten?
12.12.2006, apl. Prof. Dr. med. Christoph J. G. Lang, 91096 Möhrendorf
Es ist ein Unding zu glauben, es sei hilfreich, Menschen selbst darüber befinden zu lassen, wann man sie als tot zu betrachten habe. Abgesehen davon, dass kaum jemand sich gern mit seinem eigenen Tod auseinandersetzt und ohne massiven Zwang niemals auch nur annähernd die erforderlichen Vorausverfügungen zu beschaffen wären (die Rate der spontanen Widersprüche gegen eine Organspende in Österreich bewegt sich im Promillebereich) - was tun, wenn sich jemand für unsterblich hält? Im Frühjahr 1998 ließ die Deutsche Transplantationsgesellschaft 1000 Männer und Frauen aus der Bevölkerung durch das Meinungsforschungsinstitut Emnid nach ihrer Einstellung zur Organspende befragen (Dt Ärztebl 1999;96:A-1160). Nur 89 Prozent sahen einen Menschen als tot an, wenn der Hirntod und zusätzlich der Kreislaufstillstand eingetreten waren!
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie absurd die Forderung von Veatch und Shewmon ist. Überlassen wir doch die Todesfeststellung wie seit dem 19. Jahrhundert weiterhin den Ärzten und rütteln wir nicht am Konzept des Hirntodes, das sich als eindeutig, vermittelbar, plausibel und sogar pragmatisch umsetzbar erwiesen hat. Auch in einer pluralistischen Gesellschaft darf übertriebene Individualität nicht zur Auflösung sinnvoller Normen und Maßstäbe führen.
Zum einen glaube ich, dass es sehr wohl einige Menschen gibt, die sich mit ihren Tod beschäftigen, obwohl keine Suizidgedanken im Raum stehen. Zum anderen ist es meines Erachtens schon wichtig, medizinisches wie auch ethisches Hintergrundwissen zu haben, um richtig mit diesem Thema umzugehen.
Ist es nicht so, dass mit dem Ausfall des Großhirns und des Cortex das Bewusstsein und Empfinden eines Menschen für immer erloschen ist, wenn es mehr als eine halbe Stunde ausfällt? Alles was diesen Menschen ausmacht, ist für niemanden mehr jemals erfahrbar. Nichts kann mehr zu einem Menschen vordringen, dessen Bewusstsein für immer verloren ist. Hier, so glaube ich, kann man nicht mehr von einem menschlichen Individuum sprechen, sondern nur noch von einer funktionierenden Hülle. All sein Wissen, seine Gedanken und vor allem seinen Willen hat dieser Mensch für immer mitgenommen.
Das Sterben ist die letzte und höchste Schule des Lebens, und nicht alle müssen wir diese Schule, diese Erfahrung des Sterbens bewusst erfahren. Ebenso unterschiedlich wie die Todesursachen von Menschen sein können, sind auch ihre Denkweisen und Einstellungen zum Tod anderer und auch zum eigenen Tod. Auch wenn es die Möglichkeit geben sollte, dass Menschen in einen gewissen Rahmen selbst über die Kriterien ihres Todeszustandes entscheiden können, muss dies nicht jeder tun, sondern nur jene, welche eine Patientenverfügung mit der entsprechenden Erweiterung hinterlegt haben. Und wer sich für unsterblich hält, ist dem Tod sowieso schon näher als dem Leben oder einfach nur geisteskrank.
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1. Untot? Ein Unding!
12.12.2006, apl. Prof. Dr. med. Christoph J. G. Lang, 91096 MöhrendorfVor diesem Hintergrund wird deutlich, wie absurd die Forderung von Veatch und Shewmon ist. Überlassen wir doch die Todesfeststellung wie seit dem 19. Jahrhundert weiterhin den Ärzten und rütteln wir nicht am Konzept des Hirntodes, das sich als eindeutig, vermittelbar, plausibel und sogar pragmatisch umsetzbar erwiesen hat. Auch in einer pluralistischen Gesellschaft darf übertriebene Individualität nicht zur Auflösung sinnvoller Normen und Maßstäbe führen.
2. Die Seele beginnt und endet im Gehirn
17.12.2006, Christian Miedl, IngolstadtIst es nicht so, dass mit dem Ausfall des Großhirns und des Cortex das Bewusstsein und Empfinden eines Menschen für immer erloschen ist, wenn es mehr als eine halbe Stunde ausfällt? Alles was diesen Menschen ausmacht, ist für niemanden mehr jemals erfahrbar. Nichts kann mehr zu einem Menschen vordringen, dessen Bewusstsein für immer verloren ist. Hier, so glaube ich, kann man nicht mehr von einem menschlichen Individuum sprechen, sondern nur noch von einer funktionierenden Hülle. All sein Wissen, seine Gedanken und vor allem seinen Willen hat dieser Mensch für immer mitgenommen.
Das Sterben ist die letzte und höchste Schule des Lebens, und nicht alle müssen wir diese Schule, diese Erfahrung des Sterbens bewusst erfahren. Ebenso unterschiedlich wie die Todesursachen von Menschen sein können, sind auch ihre Denkweisen und Einstellungen zum Tod anderer und auch zum eigenen Tod. Auch wenn es die Möglichkeit geben sollte, dass Menschen in einen gewissen Rahmen selbst über die Kriterien ihres Todeszustandes entscheiden können, muss dies nicht jeder tun, sondern nur jene, welche eine Patientenverfügung mit der entsprechenden Erweiterung hinterlegt haben. Und wer sich für unsterblich hält, ist dem Tod sowieso schon näher als dem Leben oder einfach nur geisteskrank.