Was kommt heraus, wenn ein Natur- und ein Geisteswissenschaftler gemeinsam ein Buch über das menschliche Bewusstsein schreiben? Um eins vorwegzunehmen: etwas sehr Lesenswertes. Werner Siefer ist Biologe und wie der zweite Autor, der Politologe Christian Weber, Wissenschaftsredakteur beim "Focus". Von Berufs wegen haben sich beide in den vergangenen Jahren viel mit einer Frage beschäftigt, um die sich Hirnforschung, Philosophie, Psychologie, Soziologie und Religionswissenschaften gleichermaßen bemühen: Was ist das "Ich"?

Siefer und Weber provozieren in ihrem ersten Gemeinschaftsprojekt mit der These, dass man das eigene Ich nicht so wichtig nehmen sollte, weil es doch nur ein Konstrukt unseres Gehirns sei – zerbrechlich und wandelbar. Schon kleine Verletzungen, Hirnläsionen, ein Schlaganfall verändern das Bewusstsein für die eigene Person. Die beiden Autoren argumentieren auch evolutionsbiologisch und rütteln an der Idee, dass Homo sapiens die Krone der Schöpfung gebühre, schließlich sei er doch seinem Vetter, dem Schimpansen, sehr ähnlich. Auch entwickle ein Menschenkind erst über viele Stufen hinweg ein eigenes Selbstbild und lerne nach und nach "ich" zu sagen.

Sind wir also nur neurophysiologisch determiniert? Siefer und Weber jedenfalls demontieren auch unsere soziale Identität und erklären, wie sich das von uns selbst und von anderen wahrgenommene Ich im Lauf des Lebens wandelt: Als Beispiel muss die Sängerin Madonna herhalten, eine Ikone unserer Zeit, gerade weil sie allenthalben in verschiedene Rollen schlüpft, mal die Heilige, mal die Hure gibt und die Grenzen dieser Selbstdefinition immer wieder aufhebt. Brüchige Biografien sind Normalität. Nicht mehr ein Beruf oder die Zugehörigkeit zu einem Milieu bestimmen unser Dasein. Selbst politische Feindbilder würden immer mehr verschwimmen. Neoliberale setzen sich für ein Recht auf Cannabis ein und bayerische Kirchgänger erklären ihre Ökogesinnung.

Die lesenswerten interdisziplinären Überlegungen von Siefer und Weber wollen vor allem eins: desillusionieren. Weil der Mensch sich ständig selbst erfindet, könne das Ich keine festgeschriebene Größe sein. Die Suche danach sei eine Verschwendung von Zeit und Energie; Appelle wie jener im Apollo-Tempel zu Delphi, das legendäre "Erkenne dich selbst", reiner Unsinn. Allerdings: Was bleibt als feste Größe im Leben, das wir stets auf Neue konstruieren, selbst definieren? Wir sind absolut frei, das Leben in vollen Zügen zu genießen, antworten die Autoren. Wir müssen uns nicht selbst verwirklichen, nicht erkennen. Und wir können uns auf etwas besinnen, das den Menschen dorthin gebracht hat, wo er heute steht: sein Dasein als soziales Wesen.

Das Buch der "Focus"-Redakteure ist eine bewusste Provokation, die eines der populärsten Zeitgeistthemen – die Selbstfindung – ad absurdum führt. Tatsächlich ist die These der Autoren bestechend, und allein der Umfang an zusammengetragenem Material imponiert. Das wird allerdings an der Sicht des Einzelnen nicht viel ändern, wissen die Autoren. Denn selbst "wenn wir niemand sind und hinter unseren Augen ein Nichts regiert", werden wir uns stets als die Hauptprotagonisten in unserem Theater fühlen.

Ganz egal also, ob man die Ideen der beiden Journalisten gutheißt oder nicht: Siefer und Weber haben ein kluges, informatives Buch geschrieben. Es beinhaltet eine gut lesbare Synopsis der verschiedenen Aspekte des Ich, die es zu überdenken gilt. Und es vermittelt noch eine andere Botschaft: "Nimm dein Ich nicht so wichtig, aber nimm dein Leben ernst!" Bewiesen haben die Autoren auch, dass Natur- und Geisteswissenschaften keine Gegensätze bilden. Erst die gemeinsame Betrachtung gibt Antworten auf existenzielle Fragen.