Nun stellt sich die Frage: Warum hängt der Mensch selbst ganz offenkundigem Unsinn an? Der Physiker und langjährige Wissenschaftsressortleiter der Süddeutschen Zeitung, Martin Urban, geht diesem Rätsel in seinem glänzend geschriebenen Buch "Warum der Mensch glaubt" nach. Religion und Glaube, erklärt er, seien evolutionär bedingte Konstanten der menschlichen Art, weil unser Gehirn "darauf angelegt ist, sich die Welt zu deuten".
Bei solchen Aussagen beruft sich der Autor auf namhafte Hirnforscher wie Wolf Singer und Gerhard Roth, für die das menschliche Denkorgan und seine Evolution der entscheidende Verursacher von Religion und Aberglaube sind. Es bringt nämlich die bemerkenswerte Begabung hervor, aus wenigen Informationen einen Gesamteindruck zu entwickeln. Vor allem für die Ahnen von Homo sapiens war es lebensnotwendig, unvollständige Informationen schnell und sinnvoll zu verarbeiten. Waren unsere Vorfahren etwa in der Lage, zwei Lichtreflexe im Gebüsch als Raubtieraugen zu identifizieren, sicherten sie sich einen klaren Überlebensvorteil.
Unsere Interpretationsfähigkeit ermöglichte es uns also, aus den kargen Daten der Umgebung komplexe Schlüsse zu ziehen. Mehr noch zwingt sie uns, Teilinformationen beständig zu ergänzen und zu Bildern und Geschichten zusammenzufügen. Mit weit reichenden Konsequenzen, meint Urban: Wenn wir hinter unserem Sein und Handeln Gründe annehmen müssen, ist Sinnstiftung keine Wahlfreiheit, sondern Notwendigkeit.
Der Mensch ist "zum Glauben verdammt". Letztendlich führt dieses Bedürfnis, Ereignissen immer Gründe und Absichten zu unterstellen, auch zur Erfindung unterschiedlicher Gottheiten: Himmelsfahrten, Opferkulte, Seelenwanderungen und Jungfrauengeburten, aber auch weltliche Glaubensvorstellungen wie Orakel oder Amulette halfen den Menschen, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Um das Phänomen des Glaubens zu erhellen, verbindet Urban gekonnt die neusten Erkenntnisse der Hirnforschung mit Beobachtungen anderer Forschungsgebiete.
Er bezieht psychologische, soziologische und theologische Überlegungen mit ein und fügt das Ganze zu einem kurzweiligen, spannenden Buch zusammen. Was seine Geschichten abwechslungsreich macht, sind die vielen eingestreuten Studien, Experimente und historischen Begebenheiten. Wussten Sie etwa, dass die Hälfte der Deutschen an Schutzengel glaubt, aber nur ein Drittel daran, dass es keine Engel gibt? Oder dass man religiöse Skeptiker zu Gläubigen machen kann, indem man ihnen ein Medikament verabreicht, das im Hirnstoffwechsel das Hormon Dopamin freisetzt?
Obwohl Urban eine ganze Palette an Disziplinen zu Wort kommen lässt – eine endgültige Lösung des Rätsels kann er natürlich auch nicht liefern. Schon gar nicht tritt er als Kritiker oder Streiter gegen die Religion auf. Denn ein Plädoyer gegen den Glauben lässt sich für Urban aus den Erkenntnissen der Neurowissenschaften und ihrer Nachbardisziplinen keineswegs ableiten. Ganz im Gegenteil: Das Geheimnis des Glaubens könne man vielleicht entschlüsseln, er verliere dadurch aber keinesfalls seinen Wert.


Der Rezensent ist promovierter Wissenschaftsphilosoph, Sozialwissenschaftler und freier Autor in München
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