Psychotherapie
Auf dem Prüfstand
Rund jedem zehnten Patienten geht es nach einer Psychotherapie schlechter als davor. Die Psychotherapeuten Carsten Spitzer, Rainer Richter und Bernd Löwe vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sowie Harald Freyberger von der Universität Greifswald informieren über Risiken und Nebenwirkungen der Behandlung seelischer Leiden.
Die behandelnden Ärzte waren jedoch unerfahren und hatten kein durchdachtes Konzept. Sie bemerkten nie, dass ihr Patient große Angst vor seinem gewalttätigen Vater hatte. Das erfuhr erst die Therapeutin Erica Brühlmann-Jecklin, als sie eines Tages vertretungsweise die Visite übernahm und den ihr unbekannten Mann kurz nach seiner Geschichte fragte. "Bis heute bin ich überzeugt davon, dass bei diesem Patienten ein massiver Behandlungsfehler begangen wurde", berichtet sie in dem Buch "Therapieschäden", in dem etliche ähnliche Fälle geschildert werden.
Heute besteht kein Zweifel mehr daran, dass Psychotherapie vielen Menschen helfen kann. Demgegenüber ist nach wie vor unzureichend geklärt, was sie wann bei wem und wie bewirkt. Sie hilft nicht immer – und schlimmstenfalls kann sie sogar schaden


Carsten Spitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Rainer Richter ist Psychologe und Psychoanalytiker, und Bernd Löwe ist Facharzt für Innere sowie Psychotherapeutische Medizin. Sie arbeiten am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
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1. Suggestiv, aber bedeutungslos
12.08.2010, Dr. Christian Hoppe, BonnDieselbe Kritik trifft auch das Diagramm auf S. 36: Die eindrucksvollen Daten klinisch relevanter Verbesserungen nach Psychotherapie stellen solange keine Verbesserungen auf Grund der Psychotherapie dar, wie man keine Verlaufsdaten von unbehandelten Patienten kennt.
Sehr irritierend finde ich zudem die Wiederbelebung des psychoanalytischen Mythos der Symptomverschiebung (S. 35); empirisch gibt es keine Belege für dieses Konzept. Die Autoren sind Psychiater und Psychoanalytiker. Die Psychiatrie kämpft derzeit damit, dass die Wirksamkeit z.B. der Antidepressiva bei genauerer Betrachtung weit geringer ist als gedacht und die häufigen Nebenwirkungen (einschließlich erhöhter Suizidalität) kaum aufwiegt. Die Psychoanalyse ist potenziell gefährlich (vgl. Suizidrate in der Menninger-Studie), häufig wirkungslos und in jedem Fall ineffizient. Vertreter dieser keinesfalls aus wissenschaftlichen Gründen immer noch sehr einflussreichen Therapierichtungen sollten nicht suggestiv und mit statistisch fragwürdigen Hinweisen auf mögliche "Nebenwirkungen" gegen etablierte und wissenschaftlich bewährte psychologische Psychotherapieverfahren querschießen. Letztlich wurden mit diesem Beitrag unnötigerweise Patienten verunsichert, die von einer qualifizierten Psychotherapie sehr wahrscheinlich profitieren könnten.
2. "Psychotherapie"- Nur noch für ältere Semester?
13.08.2010, Stefani Rebbam, Bonn3. Zum Leserbrief von Frau Rebbam
18.08.2010, Ingo-Wolf KittelAuch Interesse und Hoffnung bereits des Medizinstudenten und Arztes, der Freud in Wirklichkeit war, galt schon der Hirnforschung; für Neuropathologie war er sogar habilitiert, wie in dem Wikipedia-Eintrag zu seiner Person jederzeit nachgelesen werden kann. Er scheint es selbst auch durchaus bedauert zu haben, dass er in der Praxis nicht mit den Hirnen seiner Patienten arbeiten konnte, sondern sich leider mit diesen selbst abgeben und mit ihren Selbstbeschreibungen abmühen musste.
Er hat allerdings auch dabei sein naturwissenschaftlich geübtes Denken beibehalten und dessen Grundnormen entsprechend gearbeitet, indem er fassbare psychische Einzelleistungen seiner Patienten, überwiegend Frauen, so genau wie (ihm*) möglich beschrieb und sie des Weiteren auf ihre hypothetischen oder tatsächlichen Zusammenhänge hin analysierte - in einem Verfahren, dass dann als "psychoanalytisches" Vorgehen bekannt und standardisiert wurde, aber schon vor und zu seiner Zeit nicht die einzige psychotherapeutische Vorgehensweise war.
Entgegen dem "Eindruck", den Frau Rebbam angibt, von "der Mehrheit der Befragten" einer nach ihrer eigenen Feststellung "natürlich nicht repräsentativen" Gruppe von 40 Kommilitonen gewonnen zu haben (Angabe zur Geschlechterverteilung fehlt), führte die real schon seit dem 19. Jh., also seit weit über einhundert Jahren "heraufziehende Erforschung des Gehirns mit naturwissenschaftlichen Mitteln" selbst bei einem gelernten Naturwissenschaftler und Hirnforscher wie Freud nicht zum Ende "der Zeit der Psychotherapie", sondern im Gegenteil zu ihrer Erweiterung und zwar in einem derartigen Ausmaß, dass es heute trotz seines einflussreichen, naturwissenschaftlichen Kriterien verpflichteten spekulativen Gedankengebäudes, von dem ein Teil in mechanistischer Tradition sogar als "psychischer Apparat" bezeichnet wird, nach der Zählung einiger Eifriger nachgerade Hunderte von Psychotherapieverfahren geben soll.
Widersinnige Folgen haben Ansichten und Bemühungen von Hirnforschern ersichtlich also schon damals gehabt. Angesichts dessen drängt sich natürlich die Frage auf, wie realistisch die theoretischen Annahmen von Neurowissenschaftlern eigentlich sind; die theoretischen Konstruktionen von Freud wurden schon 1912 für unzureichend befunden, während sein praktisches Vorgehen für bestimmte Zwecke heute nach wie vor sinnvoll und insoweit auch zweckmäßig ist.
Die Zuschrift von Frau Rebbam nötigt dagegen nachgerade zu fragen, wie realistisch eigentlich die Gesundheitspolitik hierzulande sein kann, wenn Denken und Wissen von Studenten der Politikwissenschaft derart miserabel ist, wie es nach ihrer Zuschrift scheint.
4. Psychotherapie gehört auf den Prüfstand
23.08.2010, Matthias RathAndererseits macht Frau Rebbams Leserbrief auf eine wichtige Thematik aufmerksam. Psychoanalytische Therapie ist durch die Ergebnisse gerade der bildgebenden Verfahren der Hirnforschung, was ihre Effektivität angeht, zu Recht auf dem Prüfstand und muss mehr den je hinterfragt werden. Freilich haben wir damit noch Jahrzehnte vor uns, denn kaum jemand, der sein ganzes Leben lang psychoanalytisch nach Freud gearbeitet (oder ausgebildet) hat, wird sich plötzlich ändern können und wollen und sich anderweitig weiterbilden. Hirnbiologisch müsste man sagen, dass seine neuronalen Netzwerke bezogen auf Psychoanalyse autobahndick so verschaltet sind, dass es viel Aufwand benötigen würde, dort neue, z.B. ressourcenorientierte Behandlungsbahnen - und Möglichkeiten - einflechten zu können.
Gerade die hirnbiologische Forschung hat hier gezeigt, dass das Sprechen über Probleme diese nur bedingt lösen kann, da die damit verbundenen Vernetzungen im Gehirn noch verstärkt werden und nur durch Zufallstreffer neue entstehen können, auf die der Patient zurückgreifen kann. Und: Analysen fallen darüber hinaus nahezu bei jedem Analytiker verschieden aus.
Zum Gesundheitssystem: Es sollte offen diskutiert werden, dass viele Psychotherapeuten froh darüber sind, wenn Patienten lange zu ihnen in die Praxis kommen - das sichert die Existenz. Leider auf dem Rücken der Patienten, denn sie müssen dafür herhalten, lange dafür Therapie machen zu müssen, um auf Heilung oder Verbesserung ihrer Situation hoffen zu können. Auf Fortbildungen von und mit Psychotherapeuten wird dies offen diskutiert(!).
Politisch zeigt sich die Landschaft der gesetzlichen Krankenkassen äußerst schmal, und nur Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und tiefenpsychologische Verfahren werden bezahlt. Gerade die Psychoanalyse gilt bis heute als so genannte Pseudowissenschaft - wie viele andere Methoden auch, welche jedoch nicht finanziert werden, auch wenn mitunter schneller und anhaltende Ergebnisse erzielt werden können.
Angebracht und zeitgemäß wäre es, die methodische Handlungsbreite zu erweitern, um Patienten je nach Problemlage und Ziel so effektiv und schnell helfen zu können wie möglich. Das ist unter den gegebenen Voraussetzungen nicht gewährleistet. Klaus Grawe, ein anerkannter Forscher auf diesem Gebiet hat außerdem festgestellt, dass es ohnehin nahezu irrelevant ist, welche Methoden durchgeführt werden - die Beziehung zum Patienten ist der entscheidende Faktor. Immer wieder erlebe ich jedoch, dass nur sehr wenige Therapeuten darin geschult sind, um erfolgreiche Therapie durchführen zu können und einen vertrauensvollen, "guten Draht" wirklich herstellen zu können. Hier wird oft im Dunkeln getappt und falls dieser Aufbau einer tragfähigen Beziehung nicht gelingt, wird dann davon gesprochen, der "Patient sei im Widerstand".
Sicher - wem eine psychoanalytische Therapie hilft, der soll sie bekommen. Aber ob z.B. Zwänge oder Panikattacken mit Psychoanalyse geheilt werden können, stelle ich kritisch zur Diskussion. Zu oft erfahre ich, dass Patienten mir mitteilen, dass sie "nun schon zwei Jahre Psychotherapie machen, aber ohne Erfolg" - und leider die Krankenkasse keine weitere Therapie bezahlt. Der Therapeut wird sich in den zwei Jahren gefreut haben.
5. Scheinerfolge
26.01.2011, Amrei Spalek, BraunschweigUntersucht hat man die Zustände der Patienten zu Beginn und zum Ende einer psychotherapeutischen Behandlung. Gibt es auch Untersuchungen über Langzeiterfolge bzw. -folgen?
Meines Erachtens lässt sich der Erfolg einer Therapie nur subjektiv aus der Perspektive des Patienten ableiten, wenn er sich auf Dauer besser oder sogar gut fühlt und sich in der Folge seine Lebensgestaltung positiv entwickelt.
Was wertet ein Therapeut als Erfolg? Wenn sein Patient hinterher begeistert von ihm spricht und ihm die Treue hält? Das kann ein gefährlicher Scheinerfolg sein.
Ich kenne mehrere Fälle aus meinem privaten Umfeld, in denen Patienten glücklich die Therapie hinter sich gebracht hatten, denn sie wussten nun, wer an all ihren Problemen schuld war: Die Mutter! Zweifellos erfuhren die Patienten dadurch eine große Entlastung. Alle waren glücklich: Die jeweilige Therapeutin hatte ihren Erfolg, und die Patienten konnten sich nun als Opfer fühlen, ohne jede Eigenverantwortung übernehmen und ohne selbst einen Beitrag leisten zu müssen. In einem Fall lebt der erwachsene Sohn seit Jahren wieder bei und auf Kosten seiner Mutter und führt ein wahres Terrorregime, das so weit gegangen ist, dass er die Mutter mehrfach mit einer Waffe bedroht hat - denn sie war ja an allem schuld. Aber er verehrt heute noch seine Therapeutin, die ihm die Augen geöffnet hat.
Im zweiten Fall konnte die Mutter nicht mehr bestraft werden, weil sie schon tot war. Dafür schrieb die Frau - offenbar stellvertretend für die nicht mehr greifbare Mutter - an alle, die sich jahrelang trotz aller Schwierigkeiten in der Beziehung um sie gekümmert hatten, bitterböse, anklagende Briefe, was sie ihr alles angetan hätten, und verdrehte dabei eklatant alle Fakten. Die Freunde zogen sich samt und sonders daraufhin zurück - die Patientin blieb in einer bodenlosen Einsamkeit zurück - aber sie schwört auf ihre gute Therapeutin.
Die Erhebungen in Ihrem Bericht sprechen von Symptomverstärkung, sagen aber nichts über Symptomverschiebungen. Eine mir bekannte Frau litt stark unter Klaustrophobie. Mit Hilfe der Verhaltenstherapie lernte sie, mit dem Lift zu fahren. Aber dann stellte sich eine andere Angst ein: Agoraphobie: Sie traute sich über keinen Platz mehr und kaum mehr unter Menschen. Auch diese Angst wurde ihr genommen. Daraufhin bekam sie eine Gürtelrose, unter der sie viele Monate litt. Als diese durch ärztliche Kunst halbwegs geheilt war, bekam sie eine Bronchitis, die sich über einen langen Zeitraum nicht heilen lassen wollte.
Es wird oft außer Acht gelassen, dass Ängste - wenn sie sich nicht direkt auf ein traumatisches Ereignis zurückführen lassen - oft frei flottierende Ängste sind, die meistens atmosphärische und daher schwer greifbare Ursachen haben und fast immer aus der familiären Situation in der Kindheit stammen. Ängste zeigen die seelische Not an und äußern sich dann zum Beispiel als Klaustrophobie oder Agoraphobie. Wenn diese seelische Not nicht verstanden und behoben werden kann, reagiert der Mensch mit körperlichen Erkrankungen in zunehmender Schwere. Werden diese Erkrankungen dann noch in Zusammenhang gebracht mit der "erfolgreichen" Verhaltenstherapie?
Trotz aller Einwände ist es natürlich gut, dass es die Psychotherapie gibt, denn vielen Menschen kann auf diesem Wege geholfen werden. Es gibt jedoch keine Therapie, die für alle Menschen Erfolg versprechen kann, so wie es der Bericht ja auch als Fazit anspricht. Meine Kritik richtet sich auch nicht gegen die Zunft - der ich ja auch angehöre - als solche. Aber Erfolge wirklich evaluieren zu wollen, halte ich für sehr problematisch.