Die panischen Angstzustände des Patienten ließen trotz intensiver Behandlung nicht nach. Er konnte nirgendwo hingehen, ohne sich vorher zu vergewissern, dass ein Arzt in unmittelbarer Nähe war. Seit 30 Jahren suchte er regelmäßig psychiatrische Kliniken auf. Dort konfrontierten ihn die Therapeuten jedes Mal vorsichtig mit seiner Furcht vor Menschen: Er übte, nach und nach wieder ins Dorf zu gehen, unter Leute – eigentlich eine bewährte Methode.
Die behandelnden Ärzte waren jedoch unerfahren und hatten kein durchdachtes Konzept. Sie bemerkten nie, dass ihr Patient große Angst vor seinem gewalttätigen Vater hatte. Das erfuhr erst die Therapeutin Erica Brühlmann-Jecklin, als sie eines Tages vertretungsweise die Visite übernahm und den ihr unbekannten Mann kurz nach seiner Geschichte fragte. "Bis heute bin ich überzeugt davon, dass bei diesem Patienten ein massiver Behandlungsfehler begangen wurde", berichtet sie in dem Buch "Therapieschäden", in dem etliche ähnliche Fälle geschildert werden.
Heute besteht kein Zweifel mehr daran, dass Psychotherapie vielen Menschen helfen kann. Demgegenüber ist nach wie vor unzureichend geklärt, was sie wann bei wem und wie bewirkt. Sie hilft nicht immer – und schlimmstenfalls kann sie sogar schaden …