Bei einem sozialethischen Ausgangspunkt hingegen würde nicht der Nutzen für den Einzelnen im Vordergrund stehen, sondern die Verantwortung für die Zukunft aller Menschen. Dabei wäre zunächst einmal zu fragen, woher die Wünsche und Bedürfnisse nach solchen Mitteln stammen: Werden sie vielleicht erst durch das Angebot erzeugt – das wiederum durch den möglichen ökonomischen Gewinn motiviert ist? Welche Folgen hätte der Gebrauch von Neuro-Enhancern für das soziale Miteinander? Je unabsehbarer diese Folgen sind, umso eindeutiger müssen die langfristigen Ziele des Gebrauchs sein. Über diese Ziele jedoch schweigt das Memorandum weit gehend. Stattdessen scheinen die Autoren vorauszusetzen, dass die Selbstverfügung über das Leben, die Steigerung des Glückserlebens, der Leistungsfähigkeit und des Ansehens einzelner Menschen bereits hinreichende Gründe sind, um Neuro-Enhancement allen Interessierten zugänglich zu machen. Etwaige Nachteile wie einen gesellschaftlichen Zwang zum "Hirndoping", der sich aus einem verbreiteten Gebrauch ergeben könnte, nehmen sie dabei in Kauf.
Um die Selbstbestimmung des Einzelnen nicht beschränken zu müssen, spielen die Autoren solche gesellschaftlichen Argumente bewusst herunter. So sprechen sie von pessimistischem Denken, wenn Kritiker den Menschen nicht zutrauen, eigenverantwortlich mit Neuro-Enhancement umzugehen. Doch dieses Vertrauen würde voraussetzen, dass der Einzelne die Vor- und Nachteile solcher Präparate genau abwägt und sich notfalls dem gesellschaftlichen Trend entgegenstellt. Die Gewöhnung an solche Methoden wird aber schleichend geschehen. Sobald die Mittel allgemeine Bedürfnisse wie das Streben nach Glück, Erfolg und Ansehen zu befriedigen versprechen, werden sie einen Sog zur Anwendung auslösen, in dem die Autonomie des Einzelnen schnell zusammenbrechen dürfte: Wer will sich schon dem "Fortschritt" entgegenstemmen – und dabei noch in Kauf nehmen, sich und seinen Kindern Nachteile einzuhandeln?
Neben der ethischen Orientierung ist auch interessant, welches Menschenbild das Memorandum leitet. In der christlichen Tradition galt der Mensch schon immer als ein begrenztes, unvollkommenes Geschöpf, als Ebenbild Gottes "im Fragment", auf die helfende Liebe anderer Menschen angewiesen. Nun kann man mit Friedrich Nietzsche der Meinung sein, dass, weil Gott für tot erklärt wurde, der Mensch nun auch seiner eigener Schöpfer sein müsse. Die Möglichkeiten, unsere natürliche Beschaffenheit zu verbessern – nicht zuletzt durch biochemische und technische Eingriffe ins Genom und ins Gehirn –, lässt die Vision näherrücken, dass der Mensch sich selbst als begrenztes Naturwesen überwindet.
Die Frage ist nur: Werden wir mit dieser neu gewonnenen Freiheit von unserer Natur wirklich freier, glücklicher und vor allem menschlicher? Oder verlieren wir uns nicht selbst, wenn wir die Grenzen unseres Geschöpfseins stetig erweitern und schließlich zu unseren eigenen Schöpfern aufsteigen? Schon Nietzsche hat geahnt, dass der Mensch auf diese Weise zwar dem von einem Gott oder der Natur gefügten Schicksal entrinnt, aber letztlich nur ein noch unfreieres Opfer der von ihm hervorgebrachten Zivilisation wird. Er ist dann, wie es der Philosoph Odo Marquard ausdrückt, nicht mehr dem Schicksal unterworfen, dafür aber den von ihm selbst erschaffenen "Machsalen". Wahre Freiheit dagegen bewährt sich gerade in der Anerkennung von Grenzen: Sie besteht darin, auf das Machbare zu verzichten, anstatt sich die Natur immer weiter zu unterwerfen.


Ulrich Eibach ist Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Bonn.

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1. Im Himmel nichts Neues
01.03.2010, Markus Eberl, LörrachHätten unsere Vorfahren sich der "wahren Freiheit" verpflichtet gefühlt und ihre Grenzen anerkannt, dann säßen wir noch heute im Schlamm. Ein Feuer ist nicht anderes als eine Krücke für unseren Verdauungstrakt, ein Handy die Grenzerweiterung unseres Mundwerks. Neuro-Enhancer vielleicht einmal die Turnschuhe für unseren Geist.
Die Frage ist nicht, ob wir Machbarkeitsgrenzen brechen sollen, das tun wir seit jeher, die eigentliche Frage ist, wo stecken wir im neuen Handlungsspielraum unsere moralischen Grenzen ab.
Diese Grenzziehung würde ich aber dann doch gerne von den Fakten und den Folgeabschätzungen beeinflusst sehen, als von einem alten starren Menschenbild.
2. Integral betrachtet
20.03.2010, Gerhard Höberth, WasserburgTatsächlich muss in diesem Fall nicht nur auf die Freiheit des Einzelnen Rücksicht genommen werden, sondern auch auf den sozialen Druck, den sich durch diese individuelle Freiheit der Rest ausgesetzt fühlen könnte. Wenn man dann ohne Gehirndoping keinen Job mehr bekommt, das Gehirndoping aber sicherlich nicht umsonst bekommt, könnte das eine zusätzliche Ursache für eine Spaltung der Gesellschaft in Übermenschen und Untermenschen werden. Die Frage ist, ob wir das wollen, oder ob es Steuermechanismen gibt, die dem entgegenwirken könnten.
Auf jeden Fall werden wir eine adäquate Antwort nur finden, wenn alle Perspektiven integriert werden.