Musikalische Prophezeiungen
Unser Gehirn spinnt gehörte Melodien laufend fort.
Psychologen um Joydeep Bhattacharya spielten 40 Probanden vereinfachte Melodien von Volksliedern und Chorälen vor. Auf ein Signal hin sollten die Testpersonen bei manchen Tönen angeben, wie unerwartet ihnen diese erschienen. Die Antworten verglichen die Forscher dann mit der statistischen Wahrscheinlichkeit, dass die jeweilige Note an dieser Stelle im Stück auftauchte. Dazu benutzten sie ein eigens entwickeltes Computermodell, das anhand vieler Musikstücke gelernt hatte, welche Tonhöhen in der westlichen Musik am ehestens auf welche anderen folgen. Tatsächlich schienen die Gehirne der Probanden nach einem ähnlichen Prinzip zu verfahren: Je unwahrscheinlicher die Töne, desto unerwarteter fanden sie die Testpersonen. Wer selbst ein Instrument spielte, war dabei insgesamt offener für "schräge Töne" als Nicht-Musiker.
In einem zweiten Versuch hörten 20 weitere Personen wiederum verschiedene Melodien. An jeweils zwei Stellen im Stück analysierten Bhattacharya und sein Team die Hirnströme der Probanden, die sie parallel per Elektroenzephalografie (EEG) aufzeichneten. Bei überraschenden musikalischen Wendungen traten regelmäßig charakteristische EEG-Antworten auf: verstärkte Beta-Wellen über dem Scheitellappen. Diese Aktivierungsmuster weisen laut der Wissenschaftler darauf hin, dass es dem Gehirn größere Probleme bereitet, statistisch unwahrscheinlichen Noten in das Gehörte zu integrieren.
Die Ergebnisse sind ein starker Hinweis darauf, dass wir laufend musikalische Erwartungen bilden. Komponisten nutzen diese immer wieder geschickt aus, um beim Hörer Emotionen auszulösen und ästhetische Wirkung zu hinterlassen. (ja)
Pearce, M. T. et al.: Unsupervised Statistical Learning Underpins Computational, Behavioural, and Neural Manifestations of Musical Expectation. In: NeuroImage 10.1016/j.neuroimage.2009.12.019, 2009.



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