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Rezension | 04.01.2010
Quelle: Schwabulierkunst
 

In guten wie in schlechten Zeiten

In seinem vierten Buch "Lob der Vernunftehe" schreibt der Systemiker und Psychologe Arnold Retzer über realistische und unrealistische Erwartungen in der Ehe. Seine "Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe" beinhaltet die Gedanken eines Paartherapeuten, der seine Klienten sehr gut kennt, und eines Ehemanns, der bereits 22 Jahre verheiratet ist.

Während in der Liebe der Bauch regiere, habe der Kopf in der Ehe die Entscheidungshoheit. Die klassische Metapher für die Liebe ist der platonsche Mythos von den Kugelmenschen, die einst von den Göttern entzweit nun ewig auf der Suche nach ihrer passenden Hälfte sind - das Liebespaar als ein Herz und eine Seele auf der einen Seite, die Ehe als ein Vertragsverhältnis zu gegenseitigem Nutzen auf der anderen. Retzer spitzt die Unterschiede zwischen Liebe und Ehe weiter zu: "Die wahre Liebe muss, um sich zu erhalten, ihre institutionelle Verankerung - und damit im Grunde sich selbst - vermeiden." Die Liebe sei unvereinbar mit dem Leben. Sie sei nichts weiter als "ein psychiatrisches Durchgangssymptom mit der Betonung auf Durchgang". Die Ehe dagegen sei eine Organisationsform, die auf dem Prinzip des Tauschhandels basiere und dem längerfristigen Zusammenleben diene. Die Liebe und die Ehe sind widersprüchliche Beziehungsarten, daher ist es laut dem Autor nicht ratsam, sie zu vermischen, sondern es könne beide "lediglich als unterschiedliche Formen eines balancierten Nebeneinanders" geben. Daher fußt die Vernunftehe, wie Retzer sie verstanden haben will, auf der Liebe, obwohl ein vernünftiger, pragmatischer Umgang miteinander auf Dauer im Vordergrund steht.

Jede Beziehung lebt von der Erfüllung der Bedürfnisse des anderen. Und obwohl wir über unsere cineastisch geprägte Sehnsucht nach romantisch-leidenschaftlicher Liebe wissen, führen hohe Erwartungen und feste Vorstellungen über Partner und Partnerschaft häufig zu Problemen. Und Probleme wollen in der Regel gelöst werden. Dabei komme es laut Retzer nicht darauf an, "sich zu vertragen, d.h. Probleme zu lösen, sondern darauf, sich zu ertragen und mit Restriktionen zu leben". Das bedeutet, die Lösung ist der Verzicht auf die Lösung, denn Probleme sind alltägliche Beschränkungen: "Sich einen dauerhaften Partner aussuchen heißt, sich ein paar dauerhafte Probleme auszusuchen."

Anhand von praktischen Fallbeispielen seziert der Autor typische Illusionen in langjährigen Beziehungen und zeigt alternative Deutungsmuster auf. Die Hauptaussage dieser Streitschrift lädt kaum zum Streiten ein. Eine Liebesbeziehung braucht eine gehörige Portion Realismus, um den Alltag zu überleben. Streitbarer sind schon eher die weiterführenden Analysen zum Beispiel zu Gleichheit und Gerechtigkeit in der Ehe.

Retzer findet eine klare und verständliche Sprache, um seine Thesen zu verdeutlichen. Doch in einigen Passagen geht die Eindeutigkeit zu Ungunsten einer differenzierten und nuancierten Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt. Ich habe das Buch gern gelesen, so dass ein paar Seiten mehr mit tiefer gehenden Ausführungen zu den einzelnen Kapiteln sicher informativ und aufschlussreich gewesen wären.

Trotz einiger Empfehlungen an die Leser ist das Buch kein klassischer Ratgeber für Paare. Zum Beispiel rät Retzer dem Leser, den Partner ab und zu in rosarote Illusionen zu hüllen, aber wie man das macht, verrät er nicht.
Katja Schwab
Die Rezensentin ist Diplom-Psychologin.

 
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