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Rezension | 21.12.2009
Quelle: Schwabulierkunst
 

Zwischen Wissenschaft und Spiritualität

"Gibt es ein Leben nach dem Tod?" und "Was ist Bewusstsein?" sind die zentralen Fragen im Buch "Endloses Bewusstsein" von dem niederländischen Kardiologen Pim van Lommel. Er gibt anhand seiner Forschung über Nahtoderfahrungen (NTE) Antworten, die sich im Spannungsfeld von Wissenschaft und Spiritualität bewegen.

Van Lommel und seine Kollegen veröffentlichten im Dezember 2001 in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" ihre Studie über NTE, die als erste prospektiv angelegte Längsschnittuntersuchung weltweit mediale Aufmerksamkeit erfuhr. Eine NTE ist definiert als ein außergewöhnlicher Bewusstseinszustand, der nach einem lebensbedrohlichen Ereignis, zum Beispiel einem Herzstillstand mit erfolgreicher Reanimation, auftritt und typische Elemente wie die Erfahrung eines Tunnels, eines Lichts, eines Lebensfilms, der Begegnung mit Verstorbenen oder der außerkörperlichen Wahrnehmung der eigenen Reanimation enthält.

Über einen Zeitraum von vier Jahren wurden in dieser niederländischen Untersuchung 344 Patienten mit insgesamt 509 erfolgreichen Reanimationen aufgenommen. Alle Patienten waren zeitweise klinisch tot. 62 Patienten (18 Prozent) berichteten in der Phase ihrer Bewusstlosigkeit von einer NTE, die anhand des Auftretens der charakteristischen Elemente unterschiedlicher Tiefe zugeordnet wurde. Nach zwei und acht Jahren wurden einige Probanden der Stichprobe erneut befragt. Laut den Ergebnissen resultiert eine NTE fast immer in einer tiefgreifenden und nachhaltigen Änderung der Einstellung gegenüber dem Leben und dem Tod. Die Furcht vor dem Tod verringerte sich signifikant, während der Glaube an ein Leben nach dem Tod signifikant zunahm. In dieser Gruppe stieg auch das Interesse für spirituelle Fragen, die familiäre Bindung und die Wertschätzung für die kleinen Dinge des Lebens.

Vor allem in der ersten Hälfte des Buches lässt der Autor viel Raum für die eindrucksvollen Schilderungen von Betroffenen. Er dokumentiert sorgfältig die Forschung zu Nahtoderlebnissen und natürlich auch die spektakulären Einzelfälle. Die einzigartige Erfahrungsqualität dieser Kasuistiken scheint jegliche naturwissenschaftliche Forschung überflüssig zu machen. Ein Eindruck, dem man sich als Leser kaum entziehen kann.

Die interessanteste Beobachtung ist für van Lommel, dass Menschen über einen erweiterten Bewusstseinszustand berichteten, obwohl in ihrem Gehirn keine Aktivität registriert wurde. Ungeachtet der Tatsache, dass der Zusammenhang zwischen Gehirn und Bewusstsein bislang ungeklärt ist, dominiert die naturwissenschaftliche Auffassung, dass Bewusstsein durch Hirnaktivität entsteht. Damit sind Nahtoderlebnisse im Rahmen des aktuellen medizinischen Wissensstandes nicht zu erklären. Van Lommel berücksichtigt in seinem Buch die zahlreichen materialistisch-orientierten Erklärungsversuche für Nahtoderfahrungen und kommentiert sie im Rahmen seiner Idee eines nicht-lokalen endlosen Bewusstseins. Er nimmt an, dass das Bewusstsein allgegenwärtig sei und keine materielle Grundlage besäße. Es existiere bereits vor der Geburt eines Menschen und bestehe auch nach seinem Tode fort. In ihm flössen Gefühle und Gedanken aller Menschen ein. Das Gehirn ermögliche in der Regel nur Wachbewusstsein, so dass wir nur Zugang zu dem Teil haben, den wir als unser Ich erleben. Damit fungiere unser Hirn als "eine Art Empfangsmodul des Bewusstseins". Van Lommel sieht seine These von einem nicht-lokalen Bewusstsein durch Erkenntnisse der Quantenphysik gestützt. Auch übersinnliche Phänomene, eigentlich fest in esoterischer Hand, wie Telepathie, Telekinese und Teleportation zieht er auf Basis seiner Idee eines endlosen Bewusstseins heran.

Mit diesen Annahmen bewegt er sich auf einem sehr schmalen Grat. Seine Publikation über NTE hat auch in wissenschaftlichen Kreisen für Aufsehen gesorgt und eine heftige Kontroverse entfacht. Van Lommel reagiert in seinem Buch mit einer deutlichen Kritik an der vorherrschenden materialistisch geprägten naturwissenschaftlichen Anschauung und einem Aufruf an die Forschung, sich eine offene Geisteshaltung und Neugierde - auch für anormale Phänomene - zu bewahren.

Van Lommels Werk gibt einen Überblick über die Forschung zu NTE. Auch wenn das Buch in sachlich-wissenschaftlicher Manier verfasst ist, sind die Formulierungen anschaulich und verständlich. Vor allem die Ausführungen zu den Veränderungsprozessen durch eine NTE laden den Leser ein, eigene Werte zu hinterfragen. Zwischen den Zeilen transportiert der Autor die Faszination am Thema, die ihn selbst erfasst hat. Er gründete 1988 die Merkawah-Stiftung mit, die Menschen in den Niederlanden Information und Begleitung zum Thema NTE anbietet. Seit 2003 praktiziert er nicht mehr als Kardiologe, sondern widmet sich ausschließlich der Erforschung und Publikation des Themas.

Der Tod ist nicht der Tod. Ich kann den Trost, der in der Hauptaussage der Schrift über unser "endloses Bewusstsein" liegt, nachvollziehen. Mit der Vorstellung, dass der Tod das unwiderrufliche Ende unseres Daseins sei, hat sich der Mensch seit jeher schwer getan. Solange es an empirischen Nachweisen fehlt, wird die Forschung über Nahtoderlebnisse die modernste Version des Glaubens an ein Weiterleben im Jenseits sein. Sokrates antwortete auf die Frage, was der Tod sei: "Doch wohl nichts anderes, als die Trennung der Seele vom Körper?" Und das Fragezeichen am Ende des Satzes ist nach wie vor berechtigt. Letztlich ist und bleibt die Frage nach einem Leben nach dem Tod eine Glaubensfrage.
Katja Schwab
Die Rezensentin ist Diplom-Psychologin.

 
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