Besonders kritisch sollte dies bei Untersuchungen geprüft werden, die noch nicht austherapierte Patienten einschließen. Bei Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen wie zum Beispiel Depression oder Zwangsstörung bedürfen Diagnose und Therapieabwägung zudem nicht nur des Urteils eines Neurochirurgen oder Neurologen, sondern auch eines erfahrenen Psychiaters.
Zudem sollte man eine etwaige Verbesserung des Krankheitszustands oder der Lebensqualität nicht (wie vielfach üblich) nur an Fragebogen- oder Beurteilungsskalen festmachen. Vielen Patienten geht es trotz Verbesserung eines abstrakten Punktwerts keineswegs insgesamt besser – oft sind Sinnkrisen, Beziehungsprobleme und Anpassungsstörungen nach THS zu verzeichnen. Ein solcher Eingriff stellt einen bedeutenden Einschnitt ins Leben dar: Selbst wenn er die Krankheitssymptome lindert, muss der Betreffende seinen Alltag und seine Beziehungen neu gestalten.
Wird die THS umgekehrt ausgeschaltet oder die Elektroden entfernt, etwa weil die erhoffte Wirkung ausblieb, so ist die Situation des Patienten nicht einfach wie vorher. Nach derzeitiger Studienlage erleben sechs von zehn Patienten mit Depression oder Zwangsstörung keine Verbesserung; gerade bei ihnen kann die Enttäuschung folgenschwer sein. THS ist also nicht – wie vielfach behauptet – eine reversible Maßnahme.
Hirnstrukturen wie der Nucleus subthalamicus, an denen die THS zur Therapie von Bewegungsstörungen ansetzt, dienen nicht nur motorischen, sondern auch emotionalen oder kognitiven Funktionen. Wir halten die Veränderung von Gedanken und Gefühlen und damit der Persönlichkeit eines Menschen nicht für grundsätzlich unethisch. Gerade bei Demenz, Zwang oder Depression ist gerade dies Teil des Therapieziels. Die ethisch entscheidende Frage ist nicht, ob THS geistige Funktionen verändert, sondern wie sie dies tut – und ob das im jeweiligen Fall wünschenswert ist.
So lässt sich durch Reizung des Belohnungszentrums im Gehirn die Stimmung vieler Depressiver heben. Warum sollte man nicht auch stimulieren, wenn keine klinische Depression vorliegt, der Betreffende aber gerne glücklicher wäre? Oder zumindest am Wochenende "per Knopfdruck" in Partylaune kommen will? Diese Fragen bedürfen einer breiten gesellschaftlichen Diskussion.


Matthis Synofzik ist promovierter Mediziner und Philosoph. Er arbeitet am Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung der Universität Tübingen.


abrufen




Graue Substanz |
Analogia |
NeuroKognition |
Anatomisches Allerlei |
braincast | 




