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Quelle: Gehirn und Geist 9/2009
Revolution – oder fauler
Zauber?
Die Hirnforschung und ihre Folgen
Die Fallhöhe könnte kaum größer
sein: Für die einen revolutionieren
die Erkenntnisse der Neurowissenschaften
unser Menschenbild und die
Gesellschaft, da sie das Zuschreiben von
Verantwortung und Schuld am eigenen
Tun als naiven Irrtum entlarven. Für die
anderen ist das alles nur ein fauler Zauber
– ein von den Medien und einigen
Hirnforschern inszeniertes Tamtam, das
die wissenschaftlichen Fakten in keiner
Weise rechtfertigen. Wer hat nun Recht?
Eine Tagung in Bonn ging 2007 dieser
Frage nach. Neuroforscher, Psychologen,
Philosophen und Juristen tauschten dabei
ihre Argumente aus: über den neuronalen
Determinismus ("Ist das Verhalten
eines Menschen aus Hirnpozessen ableitbar?"), über die gerichtliche Verwertbarkeit
von Hirnscans ("Sind Straftäter mit
verminderter Frontalhirnaktivität nur
bedingt schuldfähig?") sowie über die
Willensfreiheit an und für sich. Ein wichtiger
Beitrag zum interdisziplinären Austausch
über neuroethische Fragen.
Dieser Band versammelt nun die zehn
wichtigsten Diskussionsbeiträge jener
Veranstaltung. Die teils namhaften, wenn
auch ausschließlich deutschsprachigen
Autoren, darunter der Gedächtnisforscher
Hans J. Markowitsch und der Philosoph
Dieter Birbaumer, stoßen im Großen
und Ganzen in das gleiche Horn: Die
weit reichenden Schlussfolgerungen bestimmter
Hirnforscher (Gerhard Roth
und Wolfgang Singer an vorderster Front) gingen von unzulässigen Voraussetzungen
aus. Weder könne man anhand neuronaler
Parameter das Verhalten eines
Menschen vorhersagen noch Lügner enttarnen.
So weit sei die Hirnforschung
noch lange nicht, und ob es jemals dazu
komme, bleibe ungewiss. Zu vielschichtig
erscheine das Verhältnis von Gehirn und
Verhalten.
Letztlich rührt das Ganze an den Unterschied
zwischen deskriptiver Wissenschaft
und normativer Gesellschaftsordnung,
wie etwa der Strafrechtler Günther
Jakobs in seinem Beitrag darlegt. Soll heißen:
Begriffe wie "Störung" oder "Schuld"
haben in erster Linie ordnende Funktion –
sie sind aber nicht naturgegeben.
So existiert, bei aller fachlichen Expertise,
schlichtweg kein objektives Kriterium
dafür, wann ein Mensch "psychisch
krank" oder "schuldunfähig" ist. Solche
Kategorien müssen somit als das akzeptiert
werden, was sie sind: gesellschaftliche
Konstruktionen.
Der Sammelband bringt den Leser auf
den aktuellen Stand der Diskussion – eine
gute Grundlage zum Beispiel für Universitätsseminare
über Neuroethik. Auf
Grund seiner nüchternen bis akademisch-
spröden Sprache jedoch eher von
Insidern (oder solchen, die es werden wollen)
zu goutieren.
Schönheit: Die Gesetze der Ästhetik • Im Rausch der Töne: So wirkt Musik auf die Psyche • Neuro-Art: Hirnscans als Kunst • Geniale Grenzgänger: Leonardo da Vinci und Georg Büchner • Kreativität: Wie... »