Die Fallhöhe könnte kaum größer sein: Für die einen revolutionieren die Erkenntnisse der Neurowissenschaften unser Menschenbild und die Gesellschaft, da sie das Zuschreiben von Verantwortung und Schuld am eigenen Tun als naiven Irrtum entlarven. Für die anderen ist das alles nur ein fauler Zauber – ein von den Medien und einigen Hirnforschern inszeniertes Tamtam, das die wissenschaftlichen Fakten in keiner Weise rechtfertigen. Wer hat nun Recht?

Eine Tagung in Bonn ging 2007 dieser Frage nach. Neuroforscher, Psychologen, Philosophen und Juristen tauschten dabei ihre Argumente aus: über den neuronalen Determinismus ("Ist das Verhalten eines Menschen aus Hirnpozessen ableitbar?"), über die gerichtliche Verwertbarkeit von Hirnscans ("Sind Straftäter mit verminderter Frontalhirnaktivität nur bedingt schuldfähig?") sowie über die Willensfreiheit an und für sich. Ein wichtiger Beitrag zum interdisziplinären Austausch über neuroethische Fragen.

Dieser Band versammelt nun die zehn wichtigsten Diskussionsbeiträge jener Veranstaltung. Die teils namhaften, wenn auch ausschließlich deutschsprachigen Autoren, darunter der Gedächtnisforscher Hans J. Markowitsch und der Philosoph Dieter Birbaumer, stoßen im Großen und Ganzen in das gleiche Horn: Die weit reichenden Schlussfolgerungen bestimmter Hirnforscher (Gerhard Roth und Wolfgang Singer an vorderster Front) gingen von unzulässigen Voraussetzungen aus. Weder könne man anhand neuronaler Parameter das Verhalten eines Menschen vorhersagen noch Lügner enttarnen. So weit sei die Hirnforschung noch lange nicht, und ob es jemals dazu komme, bleibe ungewiss. Zu vielschichtig erscheine das Verhältnis von Gehirn und Verhalten.

Letztlich rührt das Ganze an den Unterschied zwischen deskriptiver Wissenschaft und normativer Gesellschaftsordnung, wie etwa der Strafrechtler Günther Jakobs in seinem Beitrag darlegt. Soll heißen: Begriffe wie "Störung" oder "Schuld" haben in erster Linie ordnende Funktion – sie sind aber nicht naturgegeben.

So existiert, bei aller fachlichen Expertise, schlichtweg kein objektives Kriterium dafür, wann ein Mensch "psychisch krank" oder "schuldunfähig" ist. Solche Kategorien müssen somit als das akzeptiert werden, was sie sind: gesellschaftliche Konstruktionen.

Der Sammelband bringt den Leser auf den aktuellen Stand der Diskussion – eine gute Grundlage zum Beispiel für Universitätsseminare über Neuroethik. Auf Grund seiner nüchternen bis akademisch- spröden Sprache jedoch eher von Insidern (oder solchen, die es werden wollen) zu goutieren.