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Magazin | 08.09.2009
KINDESENTWICKLUNG

Macht Armut dumm?

Christian Wolf
Wie sich das Gehirn und die geistigen Anlagen eines Kindes entwickeln, hängt auch von Wohlstand und Bildung seiner Eltern ab. Unter einem niedrigen "sozioökonomischen Status" leiden vor allem Sprache, Arbeits­gedächtnis und Handlungsplanung.
Kein Raum zur Entfaltung
Es ist ein Armutszeugnis im wahrsten Sinne für eines der reichsten Länder der Erde: Laut dem "UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland" von 2007 leben bei uns 2,4 Millionen Kinder in Armut oder sind davon bedroht. Experten sprechen in diesem Zusammenhang auch von einem niedrigen "sozioökonomischen Status" – ein demografisches Maß, in das neben dem Familieneinkommen der Beschäftigungsstand und die Bildung der Eltern einfließen. Sprösslinge aus diesbezüglich benachteiligten Familien ziehen nicht nur beim Taschengeld und bei teuren Freizeitaktivitäten wie Reisen oder Schifahren den Kürzeren. Sie weisen statistisch ein erhöhtes Krankheitsrisiko auf und neigen stärker zu Verhaltensstörungen. Außerdem erleben sie häufiger familiäre Streitereien und häusliche Gewalt als sozial besser gestellte Kinder.
In den letzten Jahren nahmen Wissenschaftler verstärkt unter die Lupe, wie sich der soziale Status von Kindern auf die Hirnentwicklung auswirkt und ihre mentalen Fähigkeiten beeinflusst. Seit Längerem schon ist bekannt, dass sozial schwächere Schüler schlechtere Noten und Abschlüsse erzielen. Nur woran genau liegt das? Die Psychologen Martha Farah und Daniel Hackman von der University of Pennsylvania in Philadelphia dokumentierten kürzlich den Stand der Erkenntnisse in einer Überblicksstudie. Fazit: Die Umwelt entscheidet maßgeblich darüber, ob das geistige Potenzial von Heranwachsen­den ausgeschöpft wird. So hängt das Abschneiden adoptierter Kinder bei Intelligenztests ungefähr zur Hälfte mit dem sozialen Status der – genetisch nicht verwandten – Adoptiveltern zusammen. Zudem wirkt sich Armut umso negativer aus, je früher ihr die Kinder in ihrer Entwicklung ausgesetzt sind. Letzteres widerlegt auch den gelegentlich zu hörenden Einwand, dass hier Ursache und Wirkung verwechselt würden.
Bereits 2005 hatte Farah zusammen mit Kollegen untersucht, welche mentalen Fähigkeiten die soziale Herkunft besonders beeinflusst ...
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» Gehirn&Geist, Oktober 2009
zum Thema
Quellen
Evans, G. W., Schamberg, M. A.: Childhood Poverty, Chronic Stress, and Adult Working Memory. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 106(16), S. 6545-6549, 2009.

Farah, M. J. et al: Environmental Stimulation, Parental Nurturance and Cognitive Development in Humans. In: Developmental Science 11(5), S. 793-801, 2008.

Hackman, D. A., Farah, M. J.: Socioeconomic Status and the Developing Brain. In: Trends in Cognitive Sciences 13(2), S. 65-73, 2009.
Die aktuellste Überblicks­studie zum Thema

Noble, K. G. et al.: Brain-Behavior Relationships in Reading Acquisition are Modulated by Socioeconomic Factors. In: Developmental Science 9(6), S. 642-654, 2006.

Noble, K. G. et al.: Neurocognitive Correlates of Socioeconomic Status in Kindergarten Children. In: Developmental Science 8(1), S. 74-87, 2005.

Raizada, R. et al.: Socioeconomic Status Predicts Hemispheric Specialisation of the Left Inferior Frontal Gyrus in Young Children. In: NeuroImage 40(3), S. 1392-1401, 2008.

Smith, P. K et al.: Lacking Power Impairs Executive Functions. In: Psychological Science 19(5), S. 441-447, 2008.
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