Auf unsere Augen verlassen wir uns offenbar nicht. Nur zu oft würde ein Physiker andere Helligkeiten, Farben oder räumliche Verhältnisse messen, als wir wahrzunehmen glauben. Und doch scheinen wir die Welt meist richtig zu sehen. Mit dieser Unstimmigkeit befasste sich schon der irische Philosoph und Theologe George Berkeley (1685-1753). In einer Schrift von 1709 (deutsch: "Versuch einer neuen Theorie der Gesichtswahrnehmung") wies er auf, dass beispielsweise die Entfernung eines Objektes allein von seinem Bild auf der Netzhaut nicht herleitbar ist. Denn eine Linie kann dort genauso lang sein, wenn sie von einem kleinen nahen oder einem entfernteren großen Gegenstand herrührt.

Alles, was die Netzhaut an visueller Information erhält, ist in dieser Weise mehrdeutig, doch gewöhnlich merken wir das nicht einmal. Auch die Farbe eines Gegenstands kann, abhängig von Beleuchtung oder Umfeld, bei den Sehzellen völlig verfälscht eintreffen. Blau wird dann vielleicht zu Grau. Gleiches gilt für die Helligkeit: Statt Weiß empfängt die Netzhaut etwa Dunkelgrau. Wie aber können wir uns zurechtfinden, wenn die Beziehung zwischen der physikalischen Welt und unserer Wahrnehmung dieser Welt ihrem Wesen nach unbestimmt ist? Wieso wissen wir anscheinend trotzdem meistens genau, was wir sehen?

Biologisch gesehen ist die richtige Wahrnehmung der Gegenstände lebenswichtig. Schließlich hängt schon bei Tieren das Überleben davon ab, dass sie auf ihre Umwelt angemessen reagieren, Gefahren erkennen und sie richtig einschätzen. Sie müssen wissen, wie nah und wie groß das Objekt im Blickfeld wirklich ist, ob die Frucht eine reife Farbe hat oder ob im Schatten der Feind lauert. Wie verschaffen wir uns trotz der falschen Netzhautbilder die angemessene Information?

Statistik bewährt sich

Anscheinend arbeitet das Sehsystem stets mit Erfahrungen, gelernten oder auch genetisch überlieferten. Wir sehen die Welt gar nicht wirklich so, wie sie die Netzh