Tierethik
"Bonobos bauen keine Kathedralen"
Der Philosoph Klaus Peter Rippe von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe stellt die gängige Praxis der Tierversuche radikal in Frage: Ihm zufolge gibt es zwischen Mensch und Tier ethisch betrachtet keinen grundlegenden Unterschied. Der Mediziner Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main hält Laborexperimente mit Tieren dagegen für gerechtfertigt – ja für unverzichtbar.
Wolf Singer: Viele Erkrankungen des Gehirns haben wir bis heute schlicht deshalb nicht unter Kontrolle, weil wir ihre Ursachen nicht kennen. Wenn wir verstehen wollen, wie Nervennetze funktionieren, müssen wir die Aktivität einzelner Nervenzellen erfassen, um deren Zusammenwirken zu analysieren. Methoden wie die Kernspintomografie, bei der Hirnaktivität indirekt gemessen wird, liefern nicht genügend Informationen, um etwa auf die Aktivität einzelner Nervenzellen zu schließen. So bleibt uns derzeit nur die Möglichkeit, die Forschung an Tiermodellen durchzuführen.
Folgen Sie dieser Argumentation, Herr Professor Rippe?
Klaus Peter Rippe: Aus der wissenschaftlichen Logik heraus mögen invasive Versuche notwendig sein. Allerdings beruht die Tierforschung auf einer Methodik, deren ethischer Unterbau noch aus dem 19. Jahrhundert stammt: Damals veröffentlichte der französische Physiologe Claude Bernard (1813-1878) ein einflussreiches Buch, in dem er von einer klaren Trennung zwischen Mensch und Tier ausgeht und beide ethisch verschiedenen Welten zuordnet. Dabei setzte er empirische Annahmen voraus, die gegen Erkenntnisse der Evolutionsbiologie und der Hirnforschung sprechen. Erstere lehrt uns, dass es keine Artgrenzen gibt, sondern graduelle Unterschiede; die Zweite stellt die Willensfreiheit in Frage, eines der klassischen Merkmale, das den Menschen über das Tier hinaushebt. Die Tierforschung mag ehrbare Ziele verfolgen, aber sie fußt auf Voraussetzungen, die ich nicht unterschreiben kann. Eine moralische Sonderstellung des Menschen lässt sich nicht länger aufrechterhalten. Die Säulen, die diese Auffassung stützen, sind nicht mehr tragfähig


Das Gespräch moderierten die G&G-Mitarbeiter Sarah Zimmermann, Rabea Rentschler und Andreas Jahn.



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1. Den Spieß umgedreht
25.11.2010, Detlef Schroedter, HamburgWürde ich diese Argumentation verfolgen, käme ich zu einem 180 Grad anderen Ergebnis. Wir heben uns in keinster Weise von anderen Tieren ab, also müssen wir uns wie andere Tiere in keinster Weise um Ethik kümmern!
Will man denn nach einer Grenze suchen, die uns "abhebt" (ein wertneutralerer Ausdruck wäre vielleicht "abgrenzt"), dann ist es aber gerade diese Fähigkeit, Ethik zu entwickeln.
Apropos abgrenzen: Herr Rippe argumentiert weiterhin, dass diese Abgrenzung nicht möglich sei, da Evolution nur graduell statt findet. Doch spielt das kaum eine Rolle. Denn wer sagt, dass ein Wurm viel weiter (als ethisch relevantes Wesen) von mir entfernt ist als z.B. mein Nachbar, der argumentiert nicht nach Kategorie, sondern nach Distanz. Ob ich die Distanz in kategorischen Schritten zähle (etwas Wurm, Fisch, Reptil, Säugetier, Mensch) oder in einem fließen Kontinuum messe, ändert an der Entfernung letzten Endes nichts.
In der ganzen Debatte um die Tierversuche ermüdet mich schon länger die entweder realitätsferne oder zu oft völlig unreflektierte Argumentation der Gegner. Die einen Argumente sind so praxistauglich wie der ethisch wünschenswerte Versuch, jedem Straftätäter sämtliche denkbaren sozialen Mittel zur Verfügung zu stellen, um zu einem "besseren" Menschen zu werden (das ist aber einfach weder bezahlbar noch personell zu bewältigen). Die anderen Argumente sind nicht relevanter als die Aussage: "Aber die sind doch so süß."
Dabei muss ich grundsätzlich den Gegnern zustimmen. Ich wünschte mir auch, wir kämen ohne Tierversuche aus, und sicher sind bestimmte Tierversuche (z.B. die im Artikel erwähnten Versuche zu der Erzeugung von Schädeltraumata) grundsätzlich zu verachten. Doch zum einen würden wir ohne Versuche heute nicht annähernd den medizinischen Standard genießen, den wir genießen. Zum anderen sind die Zustände in Schlachthöfen, Zuchtbetrieben und Legebatterien nur zu oft um Größenordnungen schlimmer.
Wir müssen den Blick auf das objektiv Wesentliche lenken. Tierversuche beleidigen unsere ethische Eitelkeit, weil die meisten von uns keinen notwendigen Bezug dazu haben. Fleisch und Eier sind lecker, Milch hat zudem ein gesundes Image, und Haustiere schenken uns Geborgenheit. Ich denke, es ist ethisch nicht zulässig, dass die Tierversuche als Sündenbock herhalten müssen.
2. Unwissenschaftliche Argumente für Affenversuche
27.11.2010, Johanna BornkesselDie Argumentationen von Wolf Singer empfinde ich nicht als seriös und wissenschaftlich.
So meint Singer, dass Tiere nicht in der Lage wären, ihren eigenen Tod zu antizipieren. Doch warum leiden Tiere dann unter Todesangst, bevor sie sterben?
Weiterhin rechtfertig er Tierversuche mit der Begründung: "Die speziell für Laborversuche gezüchteten Tiere wachsen in Forschungsinstituten auf - ihnen fehlt die Sozialisierung in einem Rudel oder einer Herde. Wenn solch ein Tier stirbt, gibt es in der Zuchtkolonie keine Trauer." Ich sehe diese Aussage nicht als eine Rechtfertigung für Tierversuche, sondern finde es umso schlimmer, dass den Tieren zusätzlich zu den Versuchen auch noch die Möglichkeit genommen wird, in einem artgerechten Sozialverband zu leben.
Den Vergleich von Tierversuchen mit dem Wegsperren von Triebtätern empfinde ich befremdlich, ich käme niemals auf die Idee ein Versuchstier mit einem Triebtäter zu vergleichen.
Es folgen weitere Vergleiche und Rechtfertigungsversuche. Singer erwähnt trainierte Delfine in Delfinparks, die Haltung von Haushunden und die Haltung von Nutztieren, die seiner Meinung nach von der Gesellschaft eher toleriert werden als Tierversuche. Meiner Meinung nach sind jedoch die Haltung von Delfinen, Haustierhaltung durch ungeeignete Personen und die Haltung von Nutztieren in Form der Massentierhaltung ethisch ebenso unvertretbar und dementsprechend auch keine Rechtfertigung für Tierversuche an Primaten.
Auf die Frage hin, ob die Affen in seinen Versuchen leiden, argumentiert er damit, dass die Tiere die für die Versuche nötige Konzentrationsleistung unter Schmerzen oder Stress nicht erbringen könnten und es ihnen demzufolge gut ginge. Dabei denkt er nicht an die vielen Abstufungen von Schmerzen und Stress, die möglich sind. Erst ab einem hohen Maß an Schmerzen und Stress ist definitiv keine kognitive Leistung mehr möglich.
Die krasseste Aussage von Singer ist seine Antwort auf die Frage, ob denn Erkenntnisse aus Tierversuchen überhaupt auf den Menschen übertragen werden könnten: "Ja, sogar fast eins zu eins." Diese Aussage ist schlichtweg falsch.
Auch Aussagen wie: "Ich habe zumindest noch kein Tier erlebt, dass einem anderen ewige Liebe schwor" oder: "Wie deuten Sie denn den Unterschied zwischen einem Virus und einem denkenden, leidenden, Musik komponierenden Menschen?" - obwohl es hier um Versuche an Primaten geht - zeigen den Mangel an Respekt gegenüber Tieren, den Singer zu Tage legt.
Singer scheint außerdem ein verzerrtes Bild von Tierschützern zu haben, wenn er meint: "Im Augenblick machen es sich Tierversuchsgegner zu leicht: Sie greifen die Grundlagenforschung heraus und verorten dort sämtliche Schwierigkeiten der Tierethik." Eine einseitige Fixierung von Tierschutzorganisationen auf Tierversuche ist mir aber bisher noch nicht aufgefallen.
Wenn er sagt, dass In-vitro-Präparate von Tieren stammen und nur acht Stunden am Leben erhalten werden können, spricht er dabei nur von speziellen Präparaten; das lässt sich jedoch nicht verallgemeinern. Bereits manche Primärkulturen von Tieren können tagelang überleben, und dann gibt es noch die immortalisierten tierischen Zellinien und vor allem auch menschliche Zelllinien, die dauerhaft im Labor verwendet werden können.
Die Aussage: "Außerdem kann ich an Zellkulturen nun mal keine Kognitionsforschung betreiben. Eine Zellkultur hat meines Wissens noch nie über irgendetwas nachgedacht" versteht sich natürlich von selbst - hierfür gibt es jedoch auch tierexperimentelle Methoden wie das Training von Tieren mit Hilfe positiver Verstärkung (Belohnung), die das Tier nicht belasten und mit deren Hilfe dennoch Erkenntnisse z.B. über das visuelle oder auditorische Unterscheidungsvermögen des Tieres gewonnen werden können.