Im Fokus

Glaube und Wissenschaft

Die Mehrheit der Deutschen bezeichnet sich als spirituell - doch ohne feste konfessionelle Bindung. Auch für Wissenschaftler ist Religion wieder ein Thema. So fahnden Hirnforscher nach Spuren Gottes im "Allerheiligsten" des Menschen.
Das Ende der Religion schien schon so gut wie besiegelt. Doch im noch jungen 21. Jahrhundert erlebt der Glaube offenbar eine Renaissance. Umfragen zeigen: Für immer mehr Menschen spielt die Suche nach Gott und dem "Sinn des Lebens" wieder eine Rolle.

Woran wir heute glauben, unterliegt freilich längst nicht mehr dem Diktat der Kirchen. Ob buddhistische Meditationen, christliche Gottesdienste oder selbst gebackener Multi-Kulti-Glaube – die Möglichkeiten spirituelle Bedürfnisse zu befriedigen, scheinen grenzenlos. Selbst ein Neuheidentum findet Zulauf.

In einer Zeit, in der viele Menschen nach persönlichen Antworten auf die Fragen von Leben, Liebe und Tod sowie den Spielregeln unseres Zusammenlebens suchen, boomen nicht nur Lebenshilfe und pseudoreligiöse Gruppen. Auch besonders strenge Glaubensverbände erfahren Zulauf. Dabei scheinen zeitaufwändige, anstrengende Rituale wie das Zölibat oder Gebets- und Speisevorschriften aus evolutionsbiologischer Sicht zunächst völlig unsinnig. Doch Anthropologen haben eine neue Theorie über derartige Rituale entwickelt: Glaube als Selektionsvorteil – je komplexer und anspruchsvoller die Anforderungen an den Einzelnen, desto stabiler und solidarischer die Gemeinschaft.

Zeitgleich entstehen neue Forschungsgebiete, so etwa die Neurotheologie. Diese relativ junge Disziplin versucht religiöse Phänomene mit Methoden der Hirnforschung zu erklären. Doch die Frage nach Gott bleibt dabei ungeklärt. Und auch ein Ende des alten Streits um den Leib-Seele-Dualismus ist nicht in Sicht.

Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger prophezeit einen grundlegenden Wandel des menschlichen Selbstbildes als Folge der neuen Kenntnisse der Hirnforschung. Würde uns erst einmal bewusst, dass Mensch und Tier nichts unterscheide außer ein paar evolutionäre Zufälle, so erübrige sich auch die Diskussion über die Existenz einer höheren Macht. Es gehe nicht mehr darum, wie der Mensch ist, sondern wie er sein sollte.

Viele Hirnforscher freilich weisen solche Interpretationen von sich: Neuroforschung gehöre zum Spannendsten, was die Wissenschaft gegenwärtig zu bieten habe. Dennoch verfolge sie nur einen Erkenntnisansatz unter vielen, betont der Neurophysiologe Michael Madeja von der Universität Frankfurt.

Aktuell begeben sich Forscher außerdem auf die Suche nach den biologischen Wurzeln des Glaubens. So spricht für den Religionswissenschaftler Michael Blume von der Universität Heidelberg vieles dafür, Spiritualität und Frömmigkeit als "segensreiche" Resultate der Evolution zu begreifen. Dass sich über diese These trefflich streiten lässt, zeigen der Philosoph Franz Wuketits von der Universität Wien und der Theologe Richard Schröder von der Humboldt Universität zu Berlin im Gespräch über die Folgen der Evolutionstheorie für unser Weltbild.

Es liegt auf der Hand: Aussagen über die Existenz oder Nichtexistenz Gottes sowie transzendente Phänomene im Allgemeinen können aus neurologischen und biologischen Forschungsergebnissen nicht abgeleitet werden. Dennoch helfen sie sehr wohl, besser zu verstehen, warum uns auch im Zeitalter der rationalen Wissenschaft noch immer so viel an religiösen Ritualen und spirituellen Erfahrungen liegt. (rr)
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