Porträt: Michael Pauen
Ein Philosoph, der über das Gehirn nachdenkt
Lässt die moderne Hirnforschung von Begriffen wie Bewusstsein, Ich, Autonomie und Handlungsfreiheit am Ende nichts mehr übrig? Michael Pauen warnt vor einem "naturalistischen Missverständnis".
Doch die Zeiten ändern sich, denn genau diese spannenden Fragen hat sich der Philosoph Michael Pauen vorgenommen. In zahlreichen Publikationen und als Sprecher der Berlin School of Mind and Brain an der Berliner Humboldt-Universität untersucht er, wie die Befunde der Neurowissenschaften sich mit unserem traditionellen Menschenbild vertragen. Bedeuten die viel diskutierten Experimente des amerikanischen Hirnforschers Benjamin Libet tatsächlich, dass unser Wille nicht frei ist? Besteht eine unüberbrückbare "Erklärungslücke" zwischen der physiologischen Beschreibung einer Farbwahrnehmung und dem subjektiven Farberlebnis? Bilden wir uns nur ein, als autonomes Ich Entscheidungen zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse treffen zu können? Kurz, erscheinen wir im Spiegel der modernen Hirnforschung bloß als seelenlose Automaten, als pure Reizreaktionsmaschinen, als Zombies?
Anhand historischer Beispiele zeigt Michael Pauen, dass wissenschaftliche Einsichten zunächst immer wieder als Bedrohung des spezifisch Menschlichen empfunden wurden. Erst mit wachsender Erkenntnis gewöhnen wir uns allmählich daran, neue Erklärungen für uns selbst zu akzeptieren. Das wird nach Pauens Überzeugung auch mit der modernen Hirnforschung nicht anders sein – sofern es gelingt, das "naturalistische Missverständnis" aufzulösen, das sie derzeit noch umgibt. Was das ist, versuchen wir in angeregtem Gespräch zu klären


Michael Pauen studierte
Philosophie in Marburg,
Frankfurt und Gießen, Musik in Hamburg; er pro-
movierte 1989 und habilitierte sich 1995. Derzeit ist
er Professor am Institut für
Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin
sowie Sprecher der Berlin School of Mind and
Brain. Er war Gastprofessor
am Institute for Advanced
Study in Amherst (Massachusetts) und Fellow an der
Cornell University in Ithaca (New York) sowie am
Hanse-Wissenschaftskolleg
in Delmenhorst. 1997 wurde er mit dem Ernst-Bloch-
Förderpreis ausgezeichnet.
Sein Forschungsinteresse
gilt der Philosophie des
Geistes, dem Problem der
Willensfreiheit, dem Verhältnis von Neurowissen-
schaften und Philosophie
sowie den Konsequenzen
der neurowissenschaftlichen Forschung für
Menschenbild und Ethik.
Michael Springer ist promovierter Physiker, Schriftsteller und freier Mitarbeiter von "Spektrum der
Wissenschaft". Das Interview führte
er zusammen mit Reinhard Breuer,
Chefredakteur von "Spektrum der
Wissenschaft".
abrufen





MENSCHEN-BILDER |
Landschaft & Oekologie |
Mente et Malleo |
Polarstern unterwegs |
WIRKLICHKEIT |
Robotergesetze |
NeuroKognition |
bildungslücke |
braincast |
Fischblog |
Detritus |
Uhura Uraniae | 






1. Philosophenhirn
28.01.2009, Wolfgang Schaufler, Bad Mergentheim2. Zufall ermöglicht Freiheit
02.02.2009, Prof. Paul Kalbhen, GummersbachZu Seite 60: "Dann wird sich zeigen: auch Bewusstseinsprozesse sind erklärbar". Hier bietet sich zur ganzheitlichen Deutung des scheinbaren Leib-Seele- bzw. Gehirn-Geist-Dualismus ein Vergleich mit dem Hard-/ Software-Zusammenspiel der Informatik an: Erst die Wechselwirkung von "Leib und Seele", von Gehirn und Geist macht den sich selbst bewussten Menschen aus (wobei der ideelle Hintergrund - der Programmierer als Ideengeber - ausgeblendet werden soll).
3. Kopernikanische Kränkung aus zeitgenössischer Sicht
20.02.2009, Jörg Michael, HannoverEs könnte sein, dass die Zeitgenossen das damals etwas anders gesehen haben.
Dies ist mir vor Kurzem durch einen Artikel über Galileo klar geworden (siehe "The Moon, the Telescope, and the Birth of the Modern World", Sky & Telescope, Februar 2009, S. 28). Die Autoren machen Folgendes deutlich:
Seit Aristoteles war das westliche Weltbild davon ausgegangen, dass Körper der Himmelssphäre nichts mit der irdischen Sphäre zu tun haben. Irdische Dinge waren veränderlich, weil sie aus den vier Grundelementen
Erde, Luft, Feuer und Wasser zusammengesetzt waren.
Körper der Himmelssphäre waren im Gegensatz dazu vollkommene und unveränderliche Objekte aus "himmlischer" Substanz (besser bekannt als "Äther"). Der Mond als Bestandteil der Himmelssphäre wurde natürlich
ebenfalls als vollkommen angesehen und dies beinhaltete insbesondere eine perfekte Kugelform.
Als Galileo nun entdeckte, dass der Mond Gebirge, Täler und Ebenen hat, also quasi irdische Landschaften besitzt, war sein Weltbild ziemlich erschüttert. Durch Messungen der täglich wechselnden Schattenlängen konnte er sogar nachweisen, dass einige Mondberge mehrere Kilometer
hoch sind.
Einige Zeitgenossen konnten sich mit diesen Tatsachen überhaupt nicht anfreunden und versuchten, die Mondgebirge als optische Täuschung wegzudiskutieren. Um die perfekte Kugelgestalt des Mondes zu "retten",
nahmen sie an, dass der Mond in eine unsichtbare Hülle aus Glas eingebettet sei, die alle Mondgebirge umhüllt.
Die Entdeckung der Sonnenflecken und der vier größten Jupitermonde hat ähnlich ungläubige Reaktionen hervorgerufen. Es war undenkbar, dass die Sonne
als Urbild der Reinheit Flecken haben könnte. Und neben dem Erdmond waren weitere Monde ebenfalls nicht vorgesehen.
Kurz gesagt, aus Sicht der Zeitgenossen war es so, dass der Himmel mit jeder Entdeckung immer mehr in den Dreck gezogen wurde.
Eine letzte Bemerkung:
Es dürfte korrekt sein, was man verschiedentlich im Internet nachlesen kann, dass nämlich Kopernikus bei der "Kopernikanischen Kränkung" nur als Namensgeber
fungiert hat, denn der "Ärger" (aus Sicht der Zeitgenossen) fing eindeutig mit Galileo an.
4. Zufall ermöglicht tatsächlich erst die Freiheit
09.04.2009, Dr. Gunter Berauer, München