Seit jüngstem wird sogar mehr und mehr deutlich, wie wenige Prozesse unser Hirn überhaupt noch ins Bewusstsein dringen lässt. Haynes und seine Kollegen fragen sich nach ihren neuesten Erkenntnissen nun, ob selbst die von als bewusst getroffen wahrgenommenen Entscheidungen gar nicht so selbstbestimmt sind, wie sie scheinen.
Zweifeln lässt das Hirnforscherteam, zu denen auch Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig zählten, ein Experiment, bei dem 14 Freiwillige einige Entscheidungsaufgaben spontan lösen mussten. Dabei analysierten die Neuroforscher zeitgleich Veränderungen in den Hirnaktivitäten der Probanden mit einem Magnetresonanztomografen. Ziel des Experiments war es, herauszufinden, wo das Gehirn beginnt, etwas zu entscheiden – und ob dies sogar geschieht, bevor es uns bewusst wird.
Mit ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler Situationen, in denen eine Entscheidung zu einem selbst gewählten Zeitpunkt stattfindet. "Bisher hat die Forschung in der Regel Prozesse betrachtet, bei denen der Proband sich sofort entscheiden muss. Viele interessante Entscheidungen erfolgen aber in einem eigenen, selbst gewählten Tempo", erklärt Haynes. Die lange Zeitspanne, die seine Untersuchung umfasst, ist beispiellos. "Normalerweise untersucht man die Hirnaktivität einer Person, während sie eine Entscheidung trifft und nicht schon Sekunden vorher", sagt Haynes. "Dass selbst gewählte Entscheidungen vom Gehirn schon so früh angebahnt werden, hat man bisher nicht für möglich gehalten."
Schon vor über 20 Jahren ist es dem amerikanischen Neurophysiologen Benjamin Libet gelungen, ein Gehirnsignal, das so genannte "Bereitschaftspotenzial" zu messen, das einer bewussten Entscheidung um einige hundert Millisekunden vorausgeht. Libets Experimente lösten eine heftige Debatte um die Willensfreiheit aus. Wenn Entscheidungsprozesse unbewusst ablaufen, so argumentierten einige Wissenschaftler, ist der freie Wille eine Illusion – das Gehirn entscheidet, nicht das "Ich". Andere hingegen bezweifelten die Aussagekraft der Daten, vor allem wegen der kurzen Zeitspanne zwischen Bereitschaftspotenzial und bewusster Entscheidung.
Da Haynes und seine Kollegen die Vorbereitung der Entscheidung über weit längere Zeiträume beobachteten, konnten sie diese Zweifel an Libets Experimenten nun aus dem Weg räumen. Einen endgültigen Beweis gegen die Existenz eines freien Willens sehen sie darin noch nicht. "Nach unseren Erkenntnissen werden Entscheidungen im Gehirn zwar unbewusst vorbereitet. Wir wissen aber noch nicht, wo sie endgültig getroffen werden. Vor allem wissen wir noch nicht, ob man sich entgegen einer vorgebahnten Entscheidung des Gehirns auch anders entscheiden kann", sagt Haynes.





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