Schon heute, schreiben die Autoren, würden geschätzte sieben Prozent der US-amerikanischen College-Studenten verschreibungspflichtige Medikamente nutzen, um damit ihre Aufmerksamkeit und ihre Erinnerungsfähigkeit zu steigern. Und diese jungen Leute seien nicht etwa überforderte Kopfarbeiter, sondern Trendsetter – Trendsetter einer Gesellschaft, in der das Doping des Denkapparats selbstverständlich sein werde. Denn, so schreiben Philipp Campbell, Barbara Sahakian und ihre Kollegen: "Kognitives Enhancement hat Individuen und der Gesellschaft viel zu bieten." Anschließend zählen sie aktuelle Psychopharmaka und deren möglichen Nutzen für Neuroenhancement auf: Ritalin etwa als Wachmacher, Donepezil als Erinnerungshilfe.
Dass die positive Wirkung dieser Medikamente auf Aufmerksamkeit und Erinnerungsfähigkeit bei Gesunden in ersten Studien kürzlich nicht bestätigt werden konnte, erwähnen die Autoren nicht. Dafür preisen sie die Vorteile des Hirndopings als eine Fortschreibung der menschlichen Verbesserungskunst – nach der Erfindung der schriftlichen Sprache, dem Buchdruck und dem Internet seien die Pillen gegen Gedankenschwäche nichts anderes als ein weiterer Schritt der Menschheit auf dem Weg zur Vollkommenheit.
Moralische Einwände gegen ihr Ansinnen schmettern sie ab: Unnatürlich? Das sei doch unser gesamter Lebensstil, inklusive der heutigen Medikamentenversorgung. Drogenmissbrauch? Davon könne man nur sprechen, wenn die Drogen auch gefährlich seien. Und Betrug? Betrügen könne man nur, wenn die Handlung gegen die Regeln sei. Und Regeln kann man ja bekanntlich ändern.
Auch den klassischen Einwand gegen Neuroenhancement lassen die Autoren nicht gelten: dass Hirndoping höchstwahrscheinlich teuer sein und damit eine Zwei-Klassen-Gesellschaft schaffen werde. Bei Uni-Examen sei eine solche unfaire Situation schnell behoben, schreiben sie: "Man könnte diese Ungleichheit abschwächen, indem alle Examenskandidaten freien Zugang zu kognitiven Verbesserungsmitteln bekommen, so wie Schulen während der Examenswoche auch die Computer allen Studenten zur freien Verfügung stellen." Schöne neue Bildungswelt.
Die Folgen solcher gesellschaftlicher Großzügigkeit – ein indirekter Zwang zum Konsum der Hirnstimulanzien – wird denn auch nicht weiter diskutiert. Interessanter scheint den Autoren, in welchen Fällen es vielleicht Sinn machen könnte, Einzelne konkret zum Schlucken der Pillen zu nötigen. Beim Militär etwa sei das ja schon üblich, bei Chirurgen vor einer schweren OP oder einer 24-Stunden-Schicht aber auch bedenkenswert.
Vielleicht, aber nur vielleicht, wäre es aber auch einen Gedanken wert, ob man nicht lieber die 24-Stunden-Schicht abschaffen könnte. Natürlich sind das sehr rückwärtige Einwände, aber man könnte ja mal ein anderes Bild entwerfen: Das Bild einer Gesellschaft, in der sich nicht der Mensch immer krasseren Arbeitsbedingungen und Leistungsanforderungen anpasst, sondern in der sich vielmehr die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen den Fähigkeiten ihrer Mitglieder unterordnen.
Denn nur weil die Wirtschaft nach einem System der unendlichen Leistungssteigerung funktioniert, heißt das noch nicht, dass wir dieselben Forderungen auch an unseren Körper stellen müssen. Die aktuellen Krisen zeigen recht deutlich, dass das permanente Leistungsstreben selbst in anderen Bereichen irgendwann an Grenzen stößt. Daraus könnte man seine Lehren ziehen. Es ist kein Makel, manchmal müde zu werden und oder hin und wieder einfach einmal einen Knoten im Hirn zu haben. Es ist heilsam. Weil man durchatmet.
Dass die Autoren das anders sehen, ist nicht verwunderlich. Zwei von ihnen arbeiten neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit als Berater für Pharmafirmen [2], andere stehen gerade am Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere, die ein paar Diskussionen und Zitate in anderen Fachpublikationen sicherlich befördern könnte. Eine argumentative Auseinandersetzung über Risiken und Vorteile von Neuroenhancement jedenfalls liefert der Kommentar nicht. Mit Genuss lesen werden ihn allenfalls die Pharmafirmen, die mit Ritalin und Co als Hirndoping-Mittel für Gesunde auf den ganz großen Markt hoffen. Ihnen haben die Autoren in dieser Woche ein Denkmal gesetzt.


Freie Wissenschaftsjournalistin 


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1. Überschuss an Denkleistung
09.12.2008, Hans Tappeiner, SüdtirolWissen an sich und für sich ist nutz- und sinnlos, wenn es nicht die sinnvolle Tat zur Folge hat.
Nur was ist sinnvoll?
Wenn doch diese Pille die Antwort darauf gäbe!
Aber ich glaube: wird sie nicht.
Denn sonst müsste die dümmste Biomasse namens Mensch erkennen, dass sie schon lange weit mehr getriebene als treibende Kraft in den von ihr geschaffenen Systemen ist und von ihnen auf die plumpeste Weise missbraucht wird.
Die Systeme sagen schon lange nicht nur was zu denken ist, sondern auch wieviel davon (Bildungswesen). Die Folge sind teure Kopffüßler, für die es schon längst zu wenig "Wertschöpfung" gibt, um sie zu finanzieren.
Diese Blindheit sollte wohl eher zu denken geben.
2. Spiel mit vielen Unbekannten
09.12.2008, Susanne Schoofs, MaintalDas große Pharma-Spiel mit den vielen Unbekannten!
Ist es doch so, dass z.B. zugelassene Psychopharmaka (für Kranke) in ihrer genauen Wirkung oft genug nicht wirklich verstanden sind.
Ich wäre mir zu schade, um als gutgläubiges Versuchskaninchen der Pillenindustrie mich zur Verfügung zu stellen - in einer A-SOZIALEN Marktwirtschaft, in der auf die mehr oder weniger gründlichen oder möglicherweise gefälschten Untersuchungen der Pharmaindustrie und ihrer Kooperationspartner an den Universitäten
m.E. grundsätzlich kein Verlass (mehr) ist.
Und einem unausgeschlafenen, aufgeputschten Chirurgen im 24 Stunden-Dienst wollte ich auch nicht als OP-Kandidatin begegnen.
Sind die bereitwilligen Pharmaschlucker mit ihrem grenzenlosen und unbedingten Vertrauen schon jetzt gedopt mit Oxytocin?
3. Denkhilfen
09.12.2008, Fritz Kronberg, RondeshagenDem schenkt sie aber selbst nicht viel Beachtung, wohl weil das ihre politisch motivierte Philippika auf ein wenigstens teilweise sachliches Fundament stellen könnte.
4. Hirndoping
09.12.2008, rd.bischoff@tele2.at321105. Besser Ethik-Doping als Hirn-Doping!
10.12.2008, Christine Behrendt, Hannover6. Danke für den Kommentar
10.12.2008, Ilse Raetsch, MünchenDas andere: Wir leben in einer Zeit der rasanten Beschleunigung. Das Argument, dass wir alle einen unnatürlichen Lebensstil pflegen, ist sicher richtig. Allerdings kann es kein Argument dafür sein, alles noch stärker zu beschleunigen. Unsere natürlichen Grundlagen, sprich die Erde, kommen schon jetzt nicht mehr mit. Muße könnte ein Mittel sein, zur Besinnung zu kommen - ganz persönlich gesehen, aber auch politisch. Für Muße scheinen aber die Pillen gerade nicht gedacht zu sein.