Moralentwicklung
Vom Bengel zum Engel
Nicht allein das Prinzip "Zuckerbrot und Peitsche" dient der moralischen Entwicklung von Kindern: Um sie zu optimal fördern, sollten wir die Kleinen schon früh als Partner ernst nehmen. Denn bereits im zweiten Lebensjahr können sie teilen, trösten und helfen - wenn sie die Chance dazu bekommen.
Wieso denken Kleinkinder nur an sich? Kommen Menschen als Egomanen auf die Welt und haben als Dreijährige einfach noch nicht gelernt, auf die Bedürfnisse und Gefühle anderer Rücksicht zu nehmen? Diese Fragen werden in der Forschung derzeit kontrovers diskutiert


Monika Keller arbeitet am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und lehrt dort an der Freien Universität Entwicklungspsychologie.
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1. Moralentwicklung
11.03.2008, Dr. Rüdiger Posth, Februar 2008-02-16, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und BuchautorDer Begriff Intuition basiert gewöhnlich auf dem Verständnis desjenigen Mosaiksteins im menschlichen Gefühls- und Geistesleben, der das "fehlende Glied" zwischen emotionaler Intelligenz und kognitiver Erkenntnisleistung abbildet. Aber wie bildet sich dieser Mosaikstein im menschlichen Gehirn heraus? Dazu favorisiere ich eine neue Version zur Moralentwicklung beim Menschen, die allein auf emotionalen und psychosozialen Grundlagen basiert (und die den Begriff Intuition vielleicht ganz überflüssig macht). Gemeint ist die Balance von Stolz und Scham im frühen Kindesalter. Stolz und Scham sind attributive Empfindungen zum Selbst, welche die eigene Wertigkeit bestimmen und damit das Selbstbewusstsein beeinflussen. Es liegt nahe anzunehmen, dass ein Kind bestrebt ist, möglichst viel Stolz auf sich zu versammeln und schambesetzten Gefühlen auszuweichen. Tatsächlich verhalten sich Kinder genauso und streben frühzeitig danach, in der Gemeinschaft so aufzutreten, dass sie ihren wichtigsten Bezugspersonen, allen voran den Eltern, gefallen und von ihnen Lob ernten. Das hindert sie aber nicht daran, beim inneren Aufbau ihres Selbst auch sehr eigennützig über die Stränge zu schlagen und im Trotz oder der Missachtung von Verboten Selbstbehauptung zu üben sowie Lust- und Machtbedürfnis zu befriedigen. Das führt natürlich zu einer Kritik durch die Bezugspersonen. In der Dynamik von Lob und Tadel entwickelt sich das Selbst und erwirbt positive wie negative Attribute. Dabei spielen die elterliche und die gesamte umweltliche Reaktion eine entscheidende Rolle.
Doris Bischof-Köhler wies bereits Anfang der Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nach, dass mit der Reifung des Selbstverständnisses und der bewusstseinsmäßigen Subjekt-Objekt-Spaltung im Alter von gut eineinhalb Jahren das Kind in der Lage ist, Empathie mit anderen Menschen zu empfinden (Selbstobjektivierung und fremdbezogene Emotionen (1994), Ztschr. f. Psychologie, 202, 349 ff.). Dazu muss sich das Kind immer wieder die Situation und Gefühlslage des geschädigten Menschen in einem Als-ob-Spiel vor Augen führen, um zu erfahren, was Übereinstimmung von Gefühlsinhalten zwischen zwei Menschen ausmacht. Das Empfinden der Identifikation spielt dabei die ausschlaggebende Rolle. Dazu beißt das Kind den Eltern schon mal in die Nase oder schlägt sie auf den Kopf, nur um sich damit das ausgelöste Leid zu demonstrieren, Leid, das das Kind nachempfinden kann, um dann seinerseits die Eltern zu trösten. Was also zeitweilig wie Aggression gegen die Eltern oder andere Bezugspersonen anmutet, ist der simple "Selbstversuch", Empathie in sich zu erzeugen.
Nun kommt ein Schritt im Bewusstsein mit etwa 4 Jahren dazu, den man in der Entwicklungspsychologie als Theory of Mind bezeichnet. Jetzt erwirbt das Kind die kognitive Fähigkeit, sich vorzustellen, dass nicht nur das selbsterzeugte Empathiemuster Bestand hat, sondern dass jeder Mensch für sich ganz unterschiedliche Vorstellungen und Überzeugungen zu solchen Gefühlsinhalten und Verhaltensweisen besitzt. Ein weiterer Schritt ist, dass sich aus den Überzeugungen der anderen, vor allem der erwachsenen Menschen geradezu ein Kodex über gutes und böses Verhalten ergibt, d.h. ein System aus Normen, Werten und Prinzipien entsteht, denen sich das Kind zu unterwerfen hat, wenn es anerkannt sein will und erfolgreich an der Gemeinschaft teilhaben. Wieder greift das Prinzip Stolz und Scham, denn erfolgreiches Agieren in der Gemeinschaft wird belohnt und erzeugt Stolz, fehlerhaftes oder renitentes Verhalten wird hingegen bestraft und erzeugt Scham. Wir sind in der Entwicklung des Menschen an dieser Stelle übrigens noch weit vor dem eigentlichen Stadiensystem von Lawrence Kohlberg und seinen Evaluationen durch Situationen des Dilemmas. Auch das Kognitionsmodell von J. Piaget setzt erst später an.
Mit den Verhaltensbeobachtungen an Kindergartenkindern auf der Basis von Stolz und Scham haben wir ein gutes Instrument, die interaktionären Vorgänge zwischen den Kleinkindern und Vorschulkindern zu verstehen und darauf pädagogisch richtig zu reagieren. Konkret: Es hat überhaupt keinen Zweck, ein Krippenkind von zweieinhalb Jahren dazu anzuhalten, sein Spielzeug mit einem anderen Kind zu teilen, nur weil dieses keines mitgebracht hat. Ebenso wenig ist es richtig, ein Kind, das schlägt, zurückzuschlagen, um ihm die "bösen" Folgen seines Handelns vor Augen zu führen. In diesem Alter herrscht vor jeder Moral das Nützlichkeitsprinzip, resp. der Utilitarismus. Wer etwas hat, wer früher dran kommt oder wer stärker ist, hat das Recht sich zu bedienen. Der Unterlegene muss durch die Erzieherinnen entschädigt werden oder muss ganz einfach getröstet werden. Der Sieger darf nicht abgestraft werden. Anders ist es bei den Vier- bis Fünfjährigen. Hier muss an die Einsicht, das Verständnis für den Anderen und an das eigene Mitgefühl appelliert werden, um Gerechtigkeit zu schaffen. Was dann nicht über den Kopf des Kindes geht, wird durch ein gutes Vorbild vorgelebt.
So stellt sich das Experiment zur Baby-Moral der Wissenschaftler an der Yale-Universität in den USA etwas anders dar, als von ihnen selbst interpretiert. Die Zweijährigen bevorzugten nicht das gelbe Dreieck, weil es der roten Scheibe half, den Abhang hinauf zu kommen, sondern nur, weil es für die Scheibe bei diesem Bestreben von großem Nutzen gewesen ist. Das neutrale Klötzchen als Beobachter der Szene wurde auch nicht dem bösen, blauen (blockierenden) Viereck vorgezogen, weil es sich besser verhielt, sondern nur weil es den Aufstieg der Scheibe nicht behindert hat. Das Kleinkind reflektiert also allein auf das Nützliche und noch nicht auf das Gute. Das Gute vor dem Bösen kommt erst mit dem Selbstbewusstsein, der Empathie und dem Perspektivwechsel, verbunden mit der Erkenntnis, dass jeder Mensch ein Individuum mit Anspruch auf Unversehrtheit und gerechte Behandlung ist. Es führt eben kein Weg an der Sozialisation vorbei.