Linguistik
Wie kamen die indogermanischen Sprachen nach Europa?
Paläogenetik und computergestützte Linguistik liefern neue Indizien zum Verlauf der Sprachausbreitung. Doch das Rätsel ist noch keineswegs gelöst.
Lange galt die Hypothese der litauischamerikanischen Archäologin Marija Gimbutas (1921 – 1994): Nomadische Reitervölker aus den Steppenregionen um das Schwarze und das Kaspische Meer hätten vor frühestens 6000 Jahren begonnen, sich in Wellen nach Europa und Asien auszubreiten. Dafür gibt es archäologisch einige Indizien, die aber keine Klarheit schufen. Jedenfalls schienen diese Steppenvölker und ihre kriegerische, patriarchalische Kultur gut auf so manches zu passen, was man seit dem 19. Jahrhundert über die alten Indogermanen und ihre "Urheimat" zu wissen glaubte.
Eine konkurrierende Hypothese entwarf der britische Archäologe Colin Renfrew ("Der Ursprung der indoeuropäischen Sprachfamilie", SdW 12/1989, S. 114; "Die Sprachenvielfalt der Welt", SdW 7/1995, S. 72). Ihm zufolge stammen die Indogermanen ursprünglich aus Anatolien. Sie kamen viel früher, nämlich vor über 8000 Jahren, und brachten als Siedler die Landwirtschaft ins wilde, dünn besiedelte Europa.
Renfrews These ist schön,


Ruth Berger studierte neben
Turksprachen, Judaistik und
Amerikanistik allgemeine Sprachwissenschaften
und Biologie,
promovierte in Judaistik und
schreibt heute hauptberuflch
Romane, zuletzt "Der Seelenarzt"
(Kindler, 2010). Ihr Sachbuch über
die Evolution der Sprache erschien
2008 bei Eichborn unter dem Titel
"Warum der Mensch spricht".
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1. Woher kommt das Rätoromanische?
06.08.2010, Walter Höhlhubmer, Linz a. d. Donauich hätte dabei gerne gewusst, woher die vierte in der Schweiz gesprochene Sprache - das Rätoromanisch - kommt;
weiters wüsste ich gern, wie viele Menschen diese Sprachen jeweils sprechen bzw. zur Muttersprache haben;
ich kenne natürlich bestimmte Beweggründe diverser Entscheidungen von Firmen nicht; aber sehr merkwürdig finde ich es doch, dass es für die Sprachen des Indoiranischen kaum bis gar keine EDV-Unterstützung gibt;
Microsoft brachte das Betriebssystem Windows XP in 26 verschiedenen Sprachversionen heraus, darunter: Hebräisch, Griechisch, Chinesisch, Japanisch, Koreanisch, Arabisch, ..., aber keine für eine Indoiranische ..., obwohl der Indische Subkontinent, der auch nur einen Teil dieser Sprachgruppe abdeckt, mehr als 1 Mrd. Einwohner hat,
und nebenbei auch eine Weltwirtschaftsmacht ist ...
2. Überflutung im Donaudelta verursachte (Sprach-)Wanderung
16.08.2010, Prof. Dr. Siegfried. G. Schoppe, HamburgIm alten Donaudelta auf fruchtbarem Lössboden entstand eine frühe Ackerbau- und Viehzucht-Kultur, die mit dem Bruch des Bosporus in alle Himmelsrichtungen vertrieben wurde, als das Wasser nach und nach um über 100 Meter anstieg und weite Flächen bedeckte. Es handelte sich um die Proto-Indoeuropäer, die ausweislich Ihrer Karte auf S. 56 f. im Zentrum zwischen Island und Indien siedelten. Da Gimbutas und Renfrew das Schwarze Meer als gegeben annahmen, kamen Sie zu der nahe liegenden Schlussfolgerung, dass das Ursprungsgebiet nördlich davon in der Ukraine oder südlich davon in Anatolien lag. Wie sollten aber Reitervölker Landwirtschaft aus Südrussland nach Westeuropa bringen? Und warum sollten sich Ackerbauern und Viehzüchter aus Anatolien auf den Weg nach Nordwesten machen? Dass nirgends sonst und nur rund um das Schwarze Meer alle Flüsse den indogermanischen Wortstamm danu enthalten: Donau, Dnjestr, Dnjepr, Don und Donez (kleiner Don) fokussiert regelrecht auf das Schwarzmeerbecken. Dass vor 8.700 Jahren die erste Sprachteilung von Proto-Indoeuropäisch in Indoeuropäisch und Alt-Hethitisch in Richtung Anatolien (!) stattfand, ergibt sich aus Ihrem Stammbaum von Gray/Atkinson auf S. 52 f.; die entscheidende Sprachspaltung fand aber ganz logisch nach der Flut vor etwa 7.300 Jahren statt in Griechisch/Armenisch und "alle anderen Sprachenfamilien".
Die Bandkeramiker kamen also tatsächlich aus dem Donauraum - aber nicht dem jetzt auf Karten sichtbaren, sondern aus der Schwarzmeersenke. Wo in Europa noch keine Landwirtschaft existierte, setzten sich deren Gene und Sprachstämme durch; auf der Iberischen Halbinsel gab es schon eigene Ansätze der neolithischen Landwirtschaft, so dass z.B. das Baskische nicht verdrängt wurde. Wenn heute die ersten Siedlungen dieser Migranten z.B. in jüngster Zeit am Harz ausgegraben werden, dann muss man bewundern, wie gezielt diese Flutopfer die besten Lössböden fanden. Die Mehrheitsmeinung der Archäologen lautet, dass die Europäer selbst den Übergang zu Ackerbau und Viehzucht bewältigten; das ist falsch, es waren Zuwanderer. Die Minderheitsmeinung lässt diese Immigranten aus Anatolien kommen; das ist auch falsch, sie kamen aus dem versunkenen Donaudelta. Vielleicht sollte man sie Atlanter nennen und den Pontos das Atlantische Binnenmeer. Jedenfalls bietet der Heimatverlust durch das naturwissenschaftlich gesicherte Flutereignis gleichzeitig eine Erklärung dafür, dass plötzlich so viele Menschen in klimatisch ungünstigere Regionen und unfruchtbarere Gegenden zogen. Eine "Überbevölkerungshypothese" hätte kaum eine so große Wanderung nach Süden, Westen und Norden bewirkt.
3. Stammbaum?
20.09.2010, Paul R. Woods, 54347 Neumagen-DhronEine eher der wirklichen Sprachentwicklung entsprechende Darstellung würde meiner Einschätzung nach wie das Delta von Rhein, Maas und Schelde aussehen, jedoch mit weitaus mehr Verästelungen und Zusammenflüssen.
Man nehme nur das Englische, das selbst aus vielen Sprachen gemischt wurde (Melvyn Bragg "The Adventure of English" Sceptre 2003) und heute viele andere Sprachen beeinflusst - übrigens eine sehr passender Begriff, fließen doch viele englische Wörter in andere Sprachen hinein.
Etwas Kritik am doppelseitigen "Stammbaum":
- in Surinam wird Niederländisch gesprochen, nicht Englisch, wobei Sranatongo keine auf Englisch beruhende Kreolsprache ist.