Siegfried Lehrl
  Siegfried Lehrl
Herr Doktor Lehrl, laut Intelligenztests ­wur­­den die Deutschen von 1954 bis in die 1980er Jahre hinein immer klüger. Dann aber stag­nier­ten die Werte, und inzwischen sprechen etliche Wissenschaftler sogar von einer Trendumkehr. Was sind die Ursachen für diese Entwicklung?
Tatsächlich beobachten Forscher in einigen ­Ländern wie Dänemark, Norwegen und auch Deutschland seit den späten 1990er Jahren eine leichte Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit – übrigens auch bei Kindern. Am deutlichs­ten wird dies bei Messungen der so genannten fluiden Intelligenz. Dieser Begriff geht zurück auf den Psychologen Raymond Cattell, der in den 1960er Jahren damit die Fähigkeit beschrieb, bestimmte Aufgaben weit gehend unabhängig von Vorwissen zu lösen. Die fluide ­Intelligenz ist quasi das Nadelöhr der geistigen Leistungen – je höher der fluide IQ, desto schneller kann jemand Wissen speichern, das ihm wiederum in Form von "kristalliner Intelligenz" ­ermöglicht, komplexe reale Probleme zu meistern. Allerdings hat die Forschung Cattells Vorstellung widerlegt, dass die fluide Intelligenz rein genetisch festgelegt und unveränderlich sei. Die Ursachen für sinkende fluide IQ-Werte in Deutschland liegen nicht in einer schlechteren biologischen Ausstattung, sondern eher in der veränderten Lebensweise …