Schon während ihrer Schulpraktika und im Referendariat hatte sie mitunter Probleme, sich in einer Klasse durchzusetzen. Damals hoffte sie, das würde sich mit zunehmender Routine geben. Doch nun enden etliche Stunden im Chaos, und auch die anfangs lernwilligen Schüler lassen sich immer öfter von den Unruhestiftern anstecken. Einige Eltern beschweren sich über ihrer Meinung nach unangebrachte Strafarbeiten und schlechte Zensuren, die Frau Berger in ihrer Not verteilt
Lehrergesundheit
Beruf mit Risiken
Lehrer belastet ihr Beruf mehr, als dies etwa unter Polizisten oder Feuerwehrleuten der Fall ist. Der Psychologe Uwe Schaarschmidt von der Universität Potsdam hat gemeinsam mit seinem Team die Gründe erforscht und entwickelt neue Unterstützungsangebote für diese besonders gefährdete Berufsgruppe.
Schon während ihrer Schulpraktika und im Referendariat hatte sie mitunter Probleme, sich in einer Klasse durchzusetzen. Damals hoffte sie, das würde sich mit zunehmender Routine geben. Doch nun enden etliche Stunden im Chaos, und auch die anfangs lernwilligen Schüler lassen sich immer öfter von den Unruhestiftern anstecken. Einige Eltern beschweren sich über ihrer Meinung nach unangebrachte Strafarbeiten und schlechte Zensuren, die Frau Berger in ihrer Not verteilt


Uwe Schaaschmidt ist Persönlichkeitspsychologe und lehrte bis 2007 an der Universität Potsdam.

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1. Emotionsfreie Gefühle in der Schule
11.10.2010, Prof. Dr. med. Alfred Drees, KrefeldDen Begriff Prisma fanden wir in einem Vergleich zum Sonnenlicht, das die Vielfalt seiner Farben prismatisch entfaltet. In prismatischen Gesprächen gelingt es, die Identitätsvielfalt der Gesprächspartner zu erweitern und damit lähmende Konfliktfixierungen aufzulösen. Auf diesem Wege lassen sich Kommunikationsblockaden mit emotionsfreien Gefühlen öffnen.
Die vielfach dokumentierte Überlastung des Lehrpersonals und die zunehmende Burn-out-Symptomatik sowie die dadurch bedingte vergleichsweise frühe Pensionierung konnte ich in meinen Therapien mit besonders engagierten Lehrern und Lehrerinnen registrieren. Ich möchte einleitend als Kurzbeispiel eine Kommunikationsform für den Unterricht vorstellen, mit der es gelang, störende und belastende Spannungen im Unterricht aufzulösen:
Ein Schüler, 15-jährig, eine nicht nur in der Klasse dominante Alpha-Figur, suchte immer wieder mit ausgeprägten Störungen eine Lehrerin unter Druck zu setzen. In einer Literatur-Stunde wirft er bei der Besprechung eines Textes von Nietzsche eine Cola-Flasche durch den Raum. Die Lehrerin, die bislang von diesen Attacken sehr genervt war, sucht an Hand meines Supervisionsvorschlags zu dem Schüler eine veränderte Einstellung. Sie wendet sich ihm erwartungsvoll zu und sucht mit ihm und der ganzen Klasse die lärmende Wurfunterbrechung als eine bisher nicht angesprochene erweiternde Dimension des Nietzsche-Textes zu verstehen. Diese Intervention wird von dem Schüler und der ganzen Klasse als humorvolle und entlastende Unterbrechung und Akzeptanz verstanden. Die Lehrerin fand hierüber ihre Kompetenz zurück.
In einer anderen Stunde zeigte ein Schüler auffallendes Desinteresse bei der Lesung eines Textes von Heinrich Heine. Er schaute dabei demonstrativ aus dem Fenster. Er schilderte, als er zuwendungsoffen befragt wurde, wo er jetzt sei, dass er mit dem vorgetragenen Zeug nichts anfangen könne. Er habe sich gedanklich mit dem heutigen Fußballspiel beschäftigt. Auch hier gelingt es, mit Hilfe der prismatischen Gesprächmethode die Probleme des Fußballspiels als anreichernde Variante zum vorgetragenen Text zu erleben, Heine in seiner aufmüpfigen Rolle zu diskutieren und damit die sinnliche Resonanz in der Klasse zum Hinhören und Hineinfühlen von Texten zu erhöhen.
Diese prismatisch orientierte Unterrichtsmethode
ermöglicht es Schülern, ihre jeweilige Befindlichkeit im Unterricht zu äußern, ohne dass gewohnte Korrekturen oder emotional bedingte Blockaden den Verlauf des Unterrichts und die kreativen Möglichkeiten der Schüler beeinträchtigen. Die sinnlich-metaphorische Gesprächsform wurde in den letzten 30 Jahren in der Psychiatrie entwickelt. Sinnlich-metaphorische Gesprächsformen haben sich bewährt bei der Lösung emotional bedingter Kommunikationsblockaden, vor allem in Betreuungs- und Behandlungsfeldern von sterbenden und krebskranken Patienten, von psychisch Kranken und von Gewalttraumatisierten. Ausgangspunkt dieser Orientierung war die emotionale Überlastung von Betreuern, Helfern und Therapeuten. In einer Berufsfachschule in Hannover wurde diese Arbeitsmethode bereits Ende der 1970er Jahre erprobt. Hier ließen sich Gruppenspannungen erfolgreich reduzieren, sinnlich-resonante Kommunikationsprozesse im Rahmen prismatischer Phantasiearbeit entfalten und damit entlastende Neuorientierungen für den Unterricht gewinnen.
Emotionsfreie Gefühle sind Ausdruck körperlich-seelischer Gestimmtheit und Befindlichkeit. Sie sind primär konfliktfrei. Diese emotionsfreien Gefühle und öffnen sich für ganzheitliches Erleben, für eine kulturell-ästhetische Ausdruckssuche. Gewalt, emotionale Spannungen und Lernhemmungen auf dem Boden einengender Wiederholungsrituale sowie Rollen- und Cliquen-Fixierungen lassen sich hiermit transformieren. Sie öffnen dem Schüler potenzielle Freiräume und damit individuelle Entfaltungsmöglichkeiten. Sie geben ihm Einsichten in die Durchlässigkeit von Inhalten und Theorien, von Personen- und Rollen-Mustern. Er versteht sein Erleben in einem größeren gesellschaftlich-kulturellem Kontext und lernt seine Beziehungs- und Rollen gebundene Individualität mit sinnlich-metaphorischen Erlebens- und Gestaltungsqualitäten anzureichern.
Dem Lehrer öffnen sich in diesen sinnlich-metaphorischen Lernprozessen pädagogische Freiräume, in denen er nicht länger Subjekt und Objekt infantiler Beziehungswünsche spielen muss. Er gewinnt damit die Chance, längerfristig kreativ, offen, arbeitsfreudig und gesund zu bleiben. Damit wird er durchlässig und vermittelndes Medium für Lerninhalte und Lernprozesse in einem vielfarbigen, soziokulturellen Kontext. Er eröffnet damit den Schülern Entfaltungsmöglichkeiten für ihre individuelle Entwicklung. Außerdem kann er ihnen sinnlich erlebbares Demokratieverständnis vermitteln und Cliquen bezogene Ausgrenzungsrituale und damit auch Fremdenfeindlichkeit verringern helfen. Aggressive Äußerungen und Attacken lassen sich auf diesem Weg entlastend aufarbeiten.
Aus linguistischer Sicht lassen sich sinnlich-metaphorische Unterrichtselemente verstehen als eine Erweiterung des semantischen Raumes, als Relativierung vorherrschender rationaler Vorstellungen durch Einführung disparater, ambivalenter, insgesamt differenter Sach- und Weltbeschreibungsmetaphern. Vergleichbar psychotherapeutischen Prozessen, in denen blockierte Emotionalität und Kreativität durch die Vervollständigung "verstümmelter Texte", durch die Erweiterung des semantischen Raumes frei werden, können differente sinnlich-metaphorische Elemente im Unterricht Gefühls- und Lernblockaden beseitigen, vor allem dann, wenn der Lehrer beispielgebend sich mit seiner eigenen Persönlichkeit einbringt. Die bildsprachlichen Äußerungen der einzelnen Schüler sind hier schöpferisch bewegende Kräfte. Sie erlauben ein Sichbewegen zwischen verschiedenen Kontexten. Sie machen Brüche und Widersprüchliches sichtbar. Im Vergleich zur Nano-Physik bedarf es jedoch auch für die prismatische Psychologie eine längere Erprobung in den vielfältigen Anwendungsbereichen.
2. Gehirngerechtes Lernen
17.11.2010, Gitta Arning, 40625 Düsseldorf