Interview
"Sterben gehört zum Leben"
Lässt sich der Tod eines Menschen eindeutig über den Ausfall eines einzigen Organs - des Gehirns - definieren? Ein Streitgespräch zwischen dem Philosophen Dieter Birnbacher und dem evangelischen Theologen Wilfried Härle
Dieter Birnbacher: Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Denn Leben und Tod sind Begriffe, die kulturell festgelegt werden. Rechtlich gilt bei uns wie in den meisten anderen Ländern der Hirntod als das ausschlaggebende Kriterium, also der vollständige und irreversible Ausfall aller Hirnfunktionen. Als Definition des Todes ist dieses Kriterium allerdings umstritten


Das Gespräch führten Rabea Rentschler und Gehirn&Geist-Redakteur Andreas Jahn.
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1. Organspende - der genommene Abschied
06.12.2006, Renate Focke, Osterholz-ScharmbeckSowohl Dieter Birnbacher als auch Wilfried Herle stellen fest, dass hirntote Menschen noch nicht tot sind. Doch beide sind dafür, "... dass wir sie dennoch als Organspender heranziehen können" (Birnbacher). Der Philosoph Birnbacher plädiert so elegant für die Widerspruchslösung: "... auch wenn wir dafür in punkto Patientenautonomie einen gewissen Preis zu zahlen haben."
Sicherlich meint er damit nicht sich selbst oder diejenigen im medizinischen Bereich, die genauestens über alle Vorgänge der Spendererkennung, Spendermeldung, Spenderkonditionierung, Hirntodfeststellung und Organentnahme informiert sind, sondern eher die Uninformierten, Gutgläubigen, die als Spender "nach dem Tod" in Frage kommen. Für sie und ihre Angehörigen gibt es keinen Abschied, keine Begleitung bis zum letzten Atemzug und darüber hinaus. Als Mutter eines so genannten Organspenders bleibt mir das Entsetzen darüber, dass Ärzte meinen Sohn in seiner letzten Lebenszeit wie Material behandelt haben und ihm ohne Narkose oder Schmerzmittel die Organe herausgeschnitten haben.
Wie kann ich Ärzten vertrauen, die einen Totenschein ausstellen, auch wenn der Hirntote bis zum Ende der Explantation noch leben muss?
Wie kann ich dem Gesetzgeber vertrauen, der ein Transplantationsgesetz verabschiedet hat, in dem Menschen mit versagendem Gehirn für tot erklärt werden, damit Ärzte ihnen legal Organe und Gewebe entnehmen dürfen?
Wie kann ich dem Theologen und dem Philosophen vertrauen, wenn sie einerseits feststellen, dass Hirntote noch nicht tot sind, andererseits aber die Praxis der Organentnahme befürworten?