Hirnforschung
Bewegungsillusion per Stromstoß
Mittels elektrischer Hirnreize lässt sich bei Probanden der Eindruck willentlicher Bewegungen wecken - obwohl sich deren Körper gar nicht regt.
Die Forscher um Michel Desmurget nutzten die Tatsache, dass Patienten bei der Entfernung von Hirntumoren häufig wach bleiben, um dem Chirurgen Rückmeldung etwa über Taubheitsgefühle geben zu können. Bei sieben solcher Patienten stimulierten die Wissenschaftler vor der Operation am geöffneten Schädel verschiedene Stellen des Gehirns mit feinen Elektroden. Reizten sie mit leichten Stromstößen die prämotorische Rinde, in der Bewegungsbefehle ihren Anfang nehmen, so öffneten die Probanden unwillkürlich ihren Mund, hoben ein Bein oder führten komplexe Gebärden mit den Armen aus. Sie stritten jedoch kategorisch ab, sich überhaupt bewegt zu haben! Offenbar nahmen sie selbst diese Regungen also gar nicht wahr.
Stimulierten die Forscher dagegen den unteren Parietalkortex, berichteten die Patienten über den starken Drang, sich zu bewegen. Etwas stärkere Stromreize an derselben Stelle ließen die Versuchspersonen sogar tatsächlich glauben, sie hätten sich bewegt – ohne dass sie sich geregt hatten.
Bewegungen und die bewusste Absicht, sie auszuführen, entspringen demnach verschiedenen Gehirnregionen. Welche von beiden bei willkürlichen Handlungen zuerst aktiv wird, konnte die Studie allerdings nicht klären. Dafür ist laut den Forschern nun klar: Ob man eigene Bewegungen wahrnimmt, hängt weniger vom tatsächlichen Tun als vom bewussten Vorsatz ab. (sc)
Desmurget, M. et al.: Movement Intention After Parietal Cortex Stimulation in Humans. In: Science 334, S. 811-813, 2009.



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1. Fragwürdige Deutungen
19.05.2009, Ingo-Wolf Kittel, Augsburg - FA für pt. MedizinAn diese abartige Kopfgeburt erinnert der Bericht, wenn dort behauptet wird, "Bewegungen" und "bewusste Absichten" (gibt es andere?) wären den stimulierten Gehirnregionen "entsprungen".
Germanisten wie der Chefredakteur von G&G mögen beurteilen, ob hier lediglich metaphorische Ausdrucksweise misslungen ist. Für mich ist die Denkweise fatal, die dabei zum Ausdruck kommt und gleich zu Anfang mit der offenbar forschungsleitenden Frage wiedergegeben wird: "wo im Gehirn ... bewusste Intentionen entstehen".
Hier steht offenbar die Vorstellung Pate, das Gehirn generiere statt des Nasenschleims, wie in alten Zeiten angenommen wurde, geistige Aktivitäten, wie die Niere also Urin.
Hier zeigt sich eine Denkweise, nach der man konsequenter Weise auch annehmen müsste, Walzertanzen entstünde "in" den dazu nötigen Muskeln, und Weit- oder Hochsprung würde ihnen wortwörtlich "entspringen" ...
In der Hirnforschung lässt man Sprache offensichtlich in ganz besonders intensiver Weise "feiern", wie Ludwig Wittgenstein gedankenlosen Sprachgebrauch umschrieben hat.
2. Zur Sprache von Hirnforschern
22.05.2009, Ingo-Wolf Kittel, Augsburg1. von dem hoch geachteten australischen Synapsenforscher Max Bennett und dem ähnlich renommierten englischen Philosophen Peter Hacker - G&G hat ihn vor fünf Jahren mal interviewt, allerdings ohne erkennbare Konsequenzen - liegt schon lange eine fast halbtausendseitige Analyse neurowissenschaftlicher Begrifflichkeit in dem Buch "Philosophical Foundations of Neuroscience" vor (dt. Übersetzung in Vorb. - seit letztem Jahr übr. auch eine kritische Rekonstruktion der Deutung neurowissenschaftlicher Experimente auf dieser Grundlage in ihrem Folgewerk "History of Cognitive Neuroscience" u.a. - s. ganz unten a. hier).
2. Seit März d.J. gibt es auch im deutschen Sprachraum eine kritische Untersuchung "zur Sprache der Hirnforschung". Das ist besonders deswegen zu begrüßen, weil die Öffentlichkeit hierzulande trotz intensiver Diskussionen sogar in der Tagespresse wie z.B. 2004 in der FAZ (s.a. jüngst dort die hier dokumentierte Auseinandesetzung) selbst von Fachjournalen einschlägiger Art kaum über die gewichtige wissenschaftliche Kritik informiert worden ist, die seit den 1990er Jahren an der bisherigen Art der Interpretation messtechnisch gewonnener Daten in der Neurophysiologie ("Hirnforschung") in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Sammelwerken unentwegt geübt wird. Es handelt sich um den Beitrag Nr. 21 zur neuen Reihe des Suhrkamp-Verlags "edition unseld" von Peter Janich mit dem Titel "Kein neues Menschenbild", mit dem er offensichtlich auf den Titel der Zusammenstellung von "Gesprächen über Hirnforschung" aus den Jahren 1993-2001 reagiert, die der Frankfurter Neurophysiologe Wolf Singer im Anschluss an den Erfolg der Bücher seines Kollegen Gerhard Roth 2003 unter dem suggestiven Titel "Ein neues Menschenbild?" veröffentlicht hat. (Wie uralt das dort vertretene "Bild" real ist, wurde von fachlicher Seite im "Apropos" dieses Leitartikels schon 2005 kritisiert.)
3. Die Pallas und die Axt
22.05.2009, Helmut WichtMeines Wissens ist die Pallas eher so eine Art von "zu Kopfe gestiegene Blähung" des Zeus, denn er fraß ihre Mutter, die Metis, als sie mit ihr (der Pallas) schwanger ging. Gezeugt hatte er sie übrigens selbst - und er fürchtete ein Orakel, das ihm vorhersagte, die Kinder der Metis würden klüger sein als er selbst.
Wie genau die Athene dann aus ihres Verschlinger-Vaters Kopf ins Freie kam (MundNaseOhren?), weiß ich allerdings auch nicht. Von einem Axthieb hab' ich jedoch noch nie gehört.
Helmut Wicht
4. Vielleicht war's ja auch nur ein Beil
29.05.2009, Ingo-Wolf Kittel, Augsburg - FA für pt. MedizinIch gestehe beschämt, dass ich so fantasielos war und nicht darauf gekommen bin, er könnte das mit einem Vorschlaghammer bewerkstelligt haben. Allerdings kann ich für meine von Ihnen beanstandete und zugegebene kühne Vermutung, der fiese Gott des Feuers und der Schmiedekunst könnte martialischen Usancen seiner Zeit gemäß mit einer ordinären Axt zugeschlagen haben, auch keinen Originalitätsanspruch erheben: Darauf ist vor zweieinhalb Tausend Jahren der Dichter Pindar gekommen, wie ich den Angaben hier entnommen habe.
Ich kann Sie also nur um Ihre gütige Nachsicht aus dem Himmel des akademischen Überbaus für meine Keckheit ersuchen, dass ich lediglich Naheliegendes und für klassisch Gebildete zudem Altbekanntes behauptet habe.
Schade fände ich bei der ganzen Sache bloß, wenn darüber unterginge, dass den Häuptern heutiger Hirnforscher oder denen, die (Wissenschafts-)Journalisten auf ihren Schultern tragen, nicht weniger Wundersames "entspringt" ...
Pardon, um mich gleich zu korrigieren: Heute wissen wir natürlich, dass ihre von mir monierten "Fragwürdigen Deutungen" ihren Gehirnen "entspringen" - oder deren "Windungen", deren "Verschaltungen"* oder was immer da gerade "in Frage" kommt ...
PS: Der Untertitel des verlinkten Artikels von Wolf Singer lautete in der gedruckten Fassung "Verschaltungen legen uns fest. Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden" (s. dazu die Ausführungen hier und den Überblick hier.)