Seit 1952 die erste Ausgabe des "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" erschien (das US-amerikanische Standardwerk zur Diagnose psychischer Störungen), definieren Mediziner sämtliche darin aufgeführte Leiden bewusst geschlechtsneutral. Heute zeichnet sich jedoch immer mehr ab: Ärzte, die vor geschlechtsspezifischen Unterschieden die Augen verschließen, erweisen ihren Patienten einen Bärendienst.
Auch unter Depressionsforschern setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass das Mann- oder Frausein sämtliche Aspekte der Erkrankung beeinflusst – angefangen bei den Symptomen über die Wirksamkeit von Medikamenten bis hin zum Krankheitsverlauf in verschiedenen Lebensphasen


Erica Westley ist freie Wissenschaftsjournalistin in New York.


abrufen





NeuroKognition |
bildungslücke |
braincast |
Gedankenwerkstatt |
Graue Substanz |
Quantensprung |
MENSCHEN-BILDER |
Anatomisches Allerlei |
Analogia |
Medicine & More |
Babylonische Türme |
Hochbegabung | 






1. Aus dem letzten Jahrtausend
13.01.2011, Stephan Schleim, Universität Groningen (Niederlande)Über den Artikel "Zwei Gesichter des Leids" Ihrer US-amerikanischen Kollegin Erica Westly kann ich mich aber nur wundern:
Erstens lässt er die theoretische Frage offen, wieso bei den beschriebenen Männern überhaupt von Depressionen gesprochen werden soll und nicht etwa von einer anderen psychischen Erkrankung, wenn sie nicht die anerkannten Diagnosekriterien erfüllen.
Zweitens und viel gravierender liegt der vermittelte Kenntnisstand meines Erachtens weit hinter der klinischen Forschung zurück. So verkennt die Autorin, dass die auf S. 22 und 24-25 "beworbenen" Antidepressiva kein Wundermittel gegen Depressionen darstellen, sondern gerade auch in jüngerer Zeit wieder kritischer beurteilt werden - ob bei Mann oder Frau (vgl. z.B. J. Paulus in G&G vom März 2010, "Überschätzte Glücksbringer"). Die US-amerikanischen Psychiater Paul Holtzheimer und Helen Meyberg, weltweit bekannt durch ihre Pionierarbeit auf dem Gebiet der Gehirnoperation bei depressiven Patienten, ziehen in einer neuen Überblicksarbeit ein nüchternes Fazit: Die Neurobiologie der Major Depression sei größtenteils unbekannt, und die heutigen Behandlungsmethoden seien nicht effektiver als diejenigen vor 50 bis 70 Jahren (Trends in Neurosciences 2010). Überhaupt scheint es Ihrer Kollegin völlig entgangen zu sein, dass es auch Umwelt- und soziale Ursachen für Depressionen geben kann, was in zahlreichen, auch genetisch angelegten klinischen Studien immer wieder berücksichtigt und bestätigt wird.
Der Artikel wirkte auf mich jedenfalls so, als stamme er aus dem letzten Jahrtausend. Die G&G-Redaktion weiß es doch eigentlich besser, wie viele andere Artikel zweifellos beweisen.
Diesen eher kritischen Gedanken zum Trotz wünsche ich Ihnen allen jedoch ein mindestens ebenso erfolgreiches Jahr, wie 2010 es wahrscheinlich für Sie war.