Direkt zum Inhalt

Kommentare - - Seite 112

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Serie Kindesentwicklung Nr. 7

    24.09.2012, Nadine Chwalla
    Mit großem Interesse habe ich Ihr Spezial zur Kinderentwicklung gelesen. Zu ihrem Artikel "Jetzt ist Zeit für Ideen" kann ich Ihnen zur weiteren Anschauung die Gebundene Ganztags-Grundschule Kusselberg in Detmold Pivitsheide in NRW empfehlen. Dort gehen die Erzieher und Pädagogen der Hortgruppen mit in den Unterricht und schaffen so eine außergewöhnliche Lernatmosphäre für die Kinder, deren Lerntempo unglaublich hoch ist. Ein Besuch dort hätte Ihren Artikel sehr bereichert.
  • Amyloid und andere attributable Risiken

    23.09.2012, Michael Bialek
    Sehr geehrte Frau Stolze,

    Sie schreiben:

    "Auch dieser Vorwurf ist haltlos. Zum einen berichte ich auf den Seiten 48 bis 50 über eine sehr fundierte Studie, die vor wenigen Jahren gezeigt hat, wie häufig allein schon die Diagnose Demenz eine Fehldiagnose war. Zum anderen zitiere ich auf den S. 41 und 42 mehrere Studien, die gezeigt haben, dass das gesamte Konzept der Alzheimerkrankheit auf tönernen Füßen steht. Nach diesem Konzept gelten die so genannten Amyloid-Plaques als Hauptursache der Alzheimerkrankheit. Bei genauer Betrachtung stimmen die histologischen Befunde jedoch bei einer beträchtlichen Zahl von älteren Menschen nicht mit dem klinischen Bild überein. Die Widersprüche sind massiv."

    Für Alzheimer gibt es sicherlich gelegentlich falsch positive Diagnosen. Die gibt es aber für eine Reihe andere Erkrankungen auch. Daraus nun den Schluss zu ziehen, dass man von Alzheimer (als Sammelbegriff für Demenzerkrankungen im Alter) überhaupt nicht mehr sprechen könne, scheint mir etwas voreilig.

    Was die Amyloid-Plaque betrifft, so gilt diese als eine von mehreren Risikofaktoren, zu denen Erkrankungen wie Diabetes, Hypertonie, Durchblutungsstörungen, aber auch Lifestyle-Risikofaktoren wie Rauchen und Bewegungsmangel gehören.

    Immerhin weisen John M. Olichney u.a. in ihrem Artikel "Association Between Severe Cerebral Amyloid Angiopathy and Cerebrovascular Lesions in Alzheimer Disease Is Not a Spurious One Attributable to Apolipoprotein E4" (Arch Neurol. 2000;57(6):869-874) auf folgendes hin:

    "Most autopsy studies have found that approximately 80% to 95% of the cases of AD have appreciable amyloid accumulations in the walls of the cerebral blood vessels, especially in small arterioles"

    (In den meisten Autopsiestudien wurden in 80-95% der Alzheimer-Diagnosefälle deutliche Amyloid-Konzentrationen an den Wänden der Blutgefäße, speziell in den kleineren arteriellen Gefäßen festgestellt.)

    http://archneur.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=776636#ref-noc90100-4

    Näheres kann man den drei genannten Originalquellen entnehmen.

    Der Risiko-Anteil der Amylid-Plaque an einer Form der Altersdemenz wird auf etwa 33% geschätzt, wie aus anderen Studien hervorgeht. Somit handelt es sich hier nicht um eine monokausale Erklärung.

    Richtig finde ich, auf die falschen Versprechen der Pharma-Industrie in Bezug auf Demenzmedikamente hinzuweisen. Die Studien der Pharma-Wissenschaftler sind in der Tat oft Profitinteresse geleitet.
  • Doping für das Gehirn

    23.09.2012, Gerhard Altmann
    Es ist erschreckend, wenn man sich ansehen muss, was die Pharmaindustrie an Geldmittel bereitstellt (Milliardenbeträge), um das menschliche Gehirn für unsere so genannte zivilisierte Gesellschaft leistungsbeständig im Sinne unserer ständigen Wachstumspolitik zu erhalten bzw. auszubauen.

    Ich nehme seit vielen Jahren Psychopharmaka. Der Grund dafür: Kindheit, Arbeitsunfall usw...
    Ich bin noch nie von einem Arzt aufgeklärt worden, dass die Lebenserwartung bei Konsum von Psychopharmaka um bis zu 30% verringert ist!

    Man stelle sich vor, im Sport ähnliche Dopingmittel, im physiologischen Sinne gesehen, zu verwenden.
    Hier gibt es plötzlich eine Dopingkommission, um dies zu verhindern, und zugleich stelle ich mir die Frage: Was sind Drogen?

    Alles Liebe

    Gerhard
  • Falscher Blickwinkel

    17.09.2012, Walter Weiss
    Vergleicht man öffentliche Bauvorhaben (die zeitlich und geldlich stets aus dem Ruder laufen!) mit privaten Bauvorhaben (die bei entsprechenden Pannen dann eben "nur" zur Insolvenz des Bauherrn führen WÜRDEN, was aber in aller Regel vermieden wird), dann wird sofort klar: Private Bauvorhaben, die zeitlich und geldlich klappen, haben stets eine sehr sorgfältige Ausschreibung zur Grundlage und danach sehr sorgfältig gestaltete VERTRÄGE, die also zumindest feste - mit Vertragsstrafen bewehrte - Fertigstellungszeiten, fixe, unter keinen Umständen zu überschreitende Entgeltssummen und vor allem Bankbürgschaften für die Ausführung und die Vertragsstrafen enthalten.

    Da es an diesen ausschlaggebend wichtigen Basisdaten bei den öffentlichen Bauvorhaben IMMER fehlt (wenn man wenigstens an einige gedacht hat, hat man immer die anderen "vergessen"), kann noch so viel in Psychologie investiert werden: Das kann die Dinge nicht wieder in Ordnung bringen.
  • Weg mit den alten Denken

    12.09.2012, Dipl.Math. Stefan Pschera
    Immer wird in Arealen Funktion gesucht. Derweil weiß man doch, die Funktion wird überregional realisiert. Bei Aktion laufen Erregungsleitungen durch, kümmern sich nicht um die Arealgrenzen. Endlich umdenken - vom Areal zur funktionellen Erregungsleitung. Sind die derzeitgen Hirnforscher borniert? Nein und Ja. Sie sprechen von der Erregung, Netzwek, verteilte Aktivität und suchen weiterhin in Arealen. Das gewohnte Denken - im Gehirn der Hirnforscher manifestiert - hemmt das Umdenken. Die Hirnforscher sind gefangen im eigenen Gehirn.
  • "Face to Face"

    08.09.2012, Detlef Schroedter
    In der Diskussion um soziale Netzwerke, insbesondere Facebook, kehren einige Aussagen immer wieder.
    Zum einen die bereitwillige Preisgabe persönlicher Daten (sowohl vor dem öffentlichen Publikum als auch den internen Verarbeitungsmaschinen). Zum anderen der Hang insbesondere schüchterner User, "beliebter" zu werden (Online-Freunde). Und zu guter Letzt, wenn auch seltener, die eigene Befindlichkeit kundzutun.

    Natürlich passiert genau das auf Facebook, und so verwundert es nicht, dass die Studien entsprechende Bestätigungen melden. Allerdings muss es wohl korrekter heißen: Natürlich passiert auch genau das auf Facebook. Ich denke, dass durch eine einseitige Fragestellung eine einseitige Bewertung erfolgt, die nur die halbe Wahrheit ist. Die anderen Fassetten der sozialen Netzwerke werden eher stiefmütterlich behandelt, obwohl sie doch das eigentliche Potenzial tragen.

    Wir dürfen Verschiedenes nicht vergessen: Studien über soziale Netzwerke dürften ganz massiv unter dem "WEIRD-Problem" leiden, da besonders die junge westliche Generation, die mit dem Medium auch umgehen kann, sich begierig auf die neue soziale Möglichkeit stürzt (zugegeben bildet sie damit zwar auch den relevanten Anteil, was das Problem entschärft, aber es bleibt ein Problem). Zum anderen sind soziale Netzwerke noch eine junge Erfindung und trotz der teilweisen Omnipräsenz noch vor allem eines: eine große soziale Feldstudie, in der viel rumprobiert wird. Im Zusammenhang mit der von den Medien geförderten "emotional real fiction", also Formaten wie "Familien im Brennpunkt" oder wie sie ähnlich heißen, führen manche Anwendungen sicherlich in Sackgassen, während andere noch nicht annähernd erkannt wurden.

    Das "Posten" der eigenen Befindlichkeit vor der versammelten Online-Clique ist sicherlich problematisch. Denn zum einen besteht die Gefahr, oberflächliches Heischen nach Streicheleinheiten von dem ernsthaften Wunsch, ein Gefühl mitzuteilen, nicht unterscheiden zu können. Zum anderen vermute ich die Gefahr, dass Online-Emotionen allgemein eher distanzieren. Es dürfte kaum Bande enger schmieden, wenn die Nachricht von der neuen Liebe den engen Freund aus dem Kindergarten ebenso wie den beiläufigen Bekannten aus dem Kurs im letzten Semester mit einem "Habe Schmetterlinge im Bauch^^" erreicht. Mal abgesehen von dem fehlenden Gewicht Mimik, Gestik, Stimmlage, Aufregung ...

    Kein Wunder, wenn hier manche introvertierte Menschen mit geringem Selbstwertgefühl enttäuschende Erlebnisse erfahren, während andere extrovertierte Selbstwertstarke größere Erfolge erzielen. Das virtuelle soziale Netzwerk kann das reale soziale Netzwerk eben nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.

    Bei der Preisgabe persönlicher Daten muss man sich hingegen fragen, was denn daran eigentlich so schlimm ist. Es ist eigentlich eine ganz ähnliche Situation wie in kleinen Dörfern oder zu Zeiten größerer Lokalität, in denen jeder jeden kennt bzw. kannte. Sicherlich hatte das seine Schattenseiten, aber auch seine Lichtseiten. Es brachte die Menschen näher zusammen. Vielleicht haben wir in den letzten Jahren einfach zu viel Fassade aufgedrückt bekommen und verlernt, dass wir vor allem lebende Menschen sind und erst dann arbeitende Menschen.

    Nehmen wir das geläufigste Beispiel mit dem Alkohol und dem potenziellen Arbeitgeber: In unserem gesellschaftlichen Kontext ist die Chance, bei geselligen Anlässen Alkohol zu konsumieren, wohl deutlich höher als außerhalb geselliger Anlässe. Gesellige Anlässe sind gleichzeitig beliebte Gelegenheiten für Fotos – die heute zudem wie nebenher entstehen -, und als Erinnerung an einen gelungenen Abend werden diese dann auch gerne im Profil gepostet. Im Fall der Generation unter 25 (+/- ein paar Jahren) – da machen wir uns mal nichts vor – wird der Alkoholkonsum im Allgemeinen exzessiver betrieben, ohne dass deswegen gleich eine Sucht oder soziale Auffälligkeiten vorliegen müssen.

    Ein Arbeitgeber, der seine Bewerber gezielt nach solchen Fotos abklopft, sollte sich also fragen, was er da eigentlich tut. Versucht er, potenzielle Alkoholiker von vornherein auszusortieren oder sucht er nicht doch nur krampfhaft irgendeinen Grund, den er als Argument für eine Absage vorschieben kann, um sein Unvermögen einer sicheren Kandidatenwahl zu kaschieren? Aussagekräftig dürfte ein Bier in der Hand auf Facebook kaum sein und höchstens die Erkenntnis bringen, dass der Bewerber wie die meisten von uns gern mal etwas trinkt. Ich habe leider keine Vorstellung davon, wie groß der in sozialen Netzwerken schnüffelnde Anteil von Arbeitgebern ist. Aber sie sollten uns suspekt sein und sich selbst fragen, ob sie damit die richtige Strategie für ihre Bewerberauswahl verfolgen.

    Und was ist mit der Datenverarbeitung zu werblichen Zwecken? Vor allem im Netz sind wir von Werbung umzingelt und können uns ihr nur entziehen, in denen wir lernen, sie einfach nicht mehr wahrzunehmen. Andererseits ist Werbung nicht nur manipulierende Verlockung profitgieriger Verkäufer. Sie ist auch Information, die uns Konsumenten in dem weiterhin rasant steigenden Angebot und der scheinbaren Differenzierung eigentlich identischer Produkte wie ein Anker helfen kann, Fuß zu fassen. Da ist doch auch mir geholfen, wenn diese Werbung tatsächlich auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist – zumal das alles automatisch und relativ in dem Sinne anonym ist, als da niemand sich mein ausgewertetes Profil neugierig ansieht. Inwieweit aus meinen selektiven Angaben sich tatsächlich ein treffendes und nachhaltiges Konsumentenprofil bilden lässt, will ich dabei jetzt nicht hinterfragen. Es geht um den Nutzen an sich.

    In beiden Fällen bleibt es am Ende natürlich eine Frage des Maßes. Wenn die "Freunde" Fotos hochladen, die mich nach dem letzten Absturz in der eigenen Kotze liegend zeigen, geht das vielleicht doch in die falsche Richtung – mir mitzuteilen, dass ich meine Grenzen besser kennen lernen soll, ist zielgerichteter möglich.

    Sobald die Auswertungen meiner Angaben Versicherungen zur Erstellung eines Risikoprofils übermittelt werden, dann sind da sicherlich Grenzen weit überschritten worden.
    Allgemein kann ich aber weder im einen noch im anderen etwas grundsätzlich Negatives erkennen. Wie bei allen umwälzenden Innovationen können sie zum Nutzen wie zum Schaden eingesetzt werden.

    Daneben bieten die sozialen Netzwerke aber auch ganz konkretes Potenzial, um den neuen Herausforderungen unserer modernen Welt zu begegnen. Freunde leben nicht mehr in unmittelbarer Umgebung zueinander, die Mobilität ist gestiegen, und durch die Globalisierung ist die Anzahl der Kontakte gestiegen – häufigere Arbeitsplatzwechsel, mehr Fortbildungen, mehr flüchtige Bekanntschaften ... Der soziale Austausch kann da nicht mehr im Treppenhaus oder beim Gang zum Bäcker stattfinden. Der administrative Aufwand für den eigenen Bekannten- und Freundeskreis ist gestiegen.

    Die sozialen Netzwerke können helfen, diesen Mehraufwand zu bewältigen. Denn soziale Netzwerke sind auch riesige, verflochtene Kalender. Sie erinnern mich an die Basics – z.B. Geburtstage. Sie helfen mir, Interessen im Blick zu halten, z.B. durch Bekanntmachungen interessanter nichtpersönlicher Profile wie z.B. von Gehirn&Geist, meiner Lieblingsbands oder dem Kulturverband meiner Stadt. Und sie helfen mir sogar, mich unkompliziert mit meinen Freunden zu treffen, indem etwa eine Veranstaltung für die nächste Halloween-Party erstelle und Einladungen verschicke.

    Durch eigene Links stifte ich Gesprächsthemen. Das bedeutet nicht, dass das Gespräch im sozialen Netzwerk stattfinden muss. Aber durch einen geeigneten Link kann ich das Thema präsentieren und damit alle anderen Interessierten mein Interesse anzeigen. Mit Fotoalben kann ich schöne Erlebnisse mit Freunden teilen, ohne deswegen gleich einen Dia-Abend zu starten. Es steht dann jedem frei selbst zu entscheiden, wie sehr er das Erlebnis mit mir teilen möchte – gerne auch mehrmals.

    Im vollen Maße kann dieses Potenzial natürlich nur genutzt werden, wenn sich alle (relevanten) Freunde am Social Networking beteiligen. Also nicht einfach nur ein Profil besitzen, sondern auch halbwegs regelmäßig mitmachen. Auch fehlen oft noch die Kenntnisse und teilweise sicher auch die Anwendungsfreundlichkeit, Social Media richtig einzusetzen. Und das soziale Netzwerk ist ein natürliches Monopol. Wenn jeder in seinem eigenen Netzwerk unterwegs ist oder in allen auf einmal, dann ist wenig gewonnen. Wie sich unter den Betreibern dieser Konflikt lösen wird bleibt wohl vorerst offen. Auch ist der Zugang für alle – sowohl grundsätzlich als auch jederzeit – noch nicht ausreichend ausgebaut.

    Aber das mediale Zeitalter hat eben erst begonnen (aus gesellschaftlicher Sicht, natürlich), und wir dürfen gespannt sein, wie diese Landschaft in fünf oder zehn Jahren aussieht und können dann auf der nächsten Party – Face to Face – darüber sprechen.
  • Vielen Dank Herr Dr. Bonney!

    07.09.2012, Ch. Grossmann
    Einmal mehr sind also nur die Eltern an den Problemen ihrer Kinder schuld?

    Bzgl. genetischer Probleme scheinen Sie zu ignorieren, dass die Wissenschaft tagtäglich neue Erkenntnisse gewinnt, so auch im Bereich Wahrnehmungsstörungen, die einen großen Teil des AD(H)S-Spektrums einnehmen. Die Wechselwirkung mit der Umwelt ist auch bei ADHS-Befürwortern unbestritten, aber im Gegensatz zu Ihnen schiebt man hier die Schuld nicht alleine den gestiegenen und veränderten Umweltanforderungen zu, sondern versucht die Hintergründe und das Zusammenspiel verschiedener Wahrnehmungsstörungen zu erfassen, die schlussendlich zum Gesamtbild AD(H)S führen.

    Sie suggerieren in diesem Interview, dass solche Probleme meist allein durch ein Elterntraining bzw. angepasstes Erziehungsverhalten gelöst werden könnten. Dem widersprechen sämtliche Forschungen, die bis dato zum Thema Wahrnehmungsstörungen/AD(H)S gemacht wurden, denn Sie unterschlagen hier eine grundsätzliche Erkenntnis: Medikamente ermöglichen es dem Kind oft erst, andere Verhaltensweisen dauerhaft zu erlernen. AD(H)S hat ebenfalls oft mehr negative soziale Auswirkungen als eine andere, einzelne Wahrnehmungsstörung. Hier ist meist eine schnellere Hilfe als bei anderen Störungen gefragt, nicht weil es bequem ist, sondern um das Kind vor zusätzlichen Komorbiditäten und sozialen Schwierigkeiten zu schützen, die es unbehandelt oft zwangsläufig erfährt und seine Schwierigkeiten somit verstärken.

    Zitat: Man verantwortet das Problem im Individuum statt in der Umwelt. Zitatende.
    Die "Ritalin-Befürworter" sehen die Ursache tatsächlich mehr im Individuum, aber anders als Sie, berücksichtigen sie das Zusammenspiel Genetik und Umwelt und gehen es nicht ausschließlich über das Umfeld an. Eine genetische Disposition kann nicht durch Umfeldmaßnahmen eliminiert werden, sie kann lediglich erleichtert werden. Die Auffassung, dass ADHS nur ein gesellschaftliches oder erzieherisches Problem ist, stellt ein krasses Unverständnis des wirklichen Problems dar, das alle Betroffenen zutiefst trifft.

    Sie vergessen außerdem zu erwähnen, dass AD(H)S alle sozialen Schichten betrifft, das wäre nicht möglich, wenn der genetische Hintergrund so unerheblich ist, wie Sie ihn hier darstellen.

    Und ja, in der Schweiz wird AD(H)S als Geburtsgebrechen anerkannt, da diverse andere Wahrnehmungsstörungen, wie Dyslexie z.B. nicht als erlernte oder durch falsche Erziehung ausgelöste Störung betrachtet wird, sondern nun mal als genetische Störung bewiesen gilt. Die von Ihnen erwähnten "Vergünstigungen" bestehen in der Schweiz darin, dass diesen Kindern, sofern die Diagnose vor dem 9. Lebensjahr gestellt wurde, die entsprechend notwendigen Therapien von der Invalidenversicherung bezahlt werden. Diese Kinder erhalten damit zu keinem Zeitpunkt einen Behindertenstatus, sondern man versucht damit, ihnen eine möglichst frühe und individuelle Förderung ihrer diversen Wahrnehmungsschwierigkeiten zukommen zu lassen und dies unabhängig vom Einkommen der Eltern, damit größtmögliche Chancengleichheit besteht! Deutsche Eltern können von solch einem Konzept leider nur träumen ...

    Sie erwähnen richtig, dass Medikamente die Symptome zwar lindern, aber nicht heilen.
    Von "Heilung" ist aber selbst bei Medikamenten-Befürwortern niemals die Rede, sondern nur von der Hilfe dazu, mit den Besonderheiten und Problemen, die AD(H)S mit sich bringt, umgehen zu lernen. Die Hilfe von außen, also dem Umfeld, ist dazu unerlässlich, aber leider nicht immer für alle machbar. Denn individuell passende Therapieplätze sind noch immer rar, die Wartezeiten sehr lang. Den Eltern hier aber suggerieren bzw. vorzuwerfen, dass nur eine "bessere" Erziehung die Symptome lindern könnte, ist somit weltfremd und entspricht bei weitem nicht der Realität, denn diese Eltern brauchen nicht nur gute Ratschläge, sondern vor allem gezielte und konsequente Unterstützung von vielen Seiten.

    Wenn Sie schon die Eltern in die Pflicht nehmen, dann bitte auch die Kindergärten, die Schulen, die Universitäten, das ganze System, das versucht, unseren Kinder in immer kürzerer Zeit mehr Wissen zu vermitteln und ihnen immer weniger Zeit lässt, das erlernte Wissen auch zu vertiefen!
    Nur allein den Eltern die Schuld zu geben, ist zu einfach. Auch wir Eltern sind eingebunden in ein System, das fordert und wenig Platz für individuelle Freiheiten und Entwicklung hat!

    Ch. Grossmann
  • Berufbedingte Sichtweise

    06.09.2012, Michael Resch
    Es ist interessant zu sehen, wie die Sozialpsychologin das Problem nur unter dem sozialpsychologischen Aspekt sieht. Geht man aber tiefer in die politischen Entscheidungsprozesse und in die politischen Tagesgeschäfte hinein, so sieht man, dass es auch dort Potenzial für Erklärungen gibt.

    Aus politischer Sicht ist der Flughafen ja hoch aufgeladen. Es gab eine heftige Diskussion dazu, es gab eine Volksbefragung dazu, und es gab schließlich eine gescheiterte Ausschreibung, die "nachbearbeitet" wurde.

    Ich denke, es genügt hier nicht, von einer einfachen Interessenlage des Aufsichtsrates auszugehen und dann über den Mangel an Diskussion von unten zu sprechen. Das wäre etwa im Fall der A-Klasse bei Daimler sinnvoll geboten. Beim Berliner Flughafen jedoch geht es um sehr viel mehr und nicht nur um Gesichtsverlust.
  • Nicht verwunderlich

    03.09.2012, Roland Schröder
    Ich glaube, dass jede(r) schon einmal erlebt hat, wie er/sie mit einem Problem im Kopf zu Bett ging und morgens mit der Lösung aufwachte. Auch hier waren am Abend gewisse Schaltungen im Gehirn schon vorhanden (gewissermaßen die Grundlagen des Problems), und nachts hatten sich neue Synapsen gebildet, welche die gespeicherten Gedanken zu einer neuen Idee verknüpften. Manchmal - nicht immer - war das die Lösung des Problems. Auch in unseren Träumen werden viele gespeicherte Erinnerungen - oft ziemlich sinnlos - nebeneinandergestellt und zu Traumgeschichten verknüpft. Das Gehirn stellt nachts seine Arbeit offensichtlich nicht ein. Das ist nicht neu.
  • Spiritualität in der Altsteinzeit

    31.08.2012, Hermann Schultze
    Im Vorspann zum Artikel von Michael Blume werden Ausführungen über die neuronalen Wurzeln der Religiosität angekündigt. Im Text ist auch von Spiritualität als Erfahrung von Selbsttranszendenz die Rede sowie von Kommunikation mit einer höheren Wesenheit. In diesem Zusammenhang würde ich gerne darauf hinweisen, dass Spiritualität und nachfolgend Religiosität bereits in der Altsteinzeit in den Gehirnen der Menschen erblich verankert wurde. Bereits Frühmenschen (Homo erectus) haben mystische Neigungen entwickelt, die sich später zu spirituellen Ahnungen verdichteten. Daraus resultierten schließlich religiöse Vorstellungen. Diese mentalen Entwicklungen sind Selektionsvorteile und daher ins Erbgut übernommen worden. Ein normales menschliches Gehirn zu haben, heißt noch lange nicht, zugleich Religion zu haben, sondern nur, dass man die Fähigkeit hat, sie zu erwerben. Man muss also auf Grund unserer heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse davon ausgehen, dass spirituelle und religiöse Vorstellungen fest zum Kulturgut der Menschheit gehören. Damals, vor etlichen Hunderttausenden von Jahren, drehte es sich um unbekannte höhere Mächte, die die für damalige Menschen unverständlichen Naturvorgänge bewirkt haben sollen.

    Bis heute hat sich an dieser Einstellung im Prinzip nicht viel geändert, nur dass in den monotheistischen Religionen diese Mächte auf eine einzige reduziert wurden, während wir von dieser Macht nach wie vor ein Eingreifen in die Welt erwarten, zwar nicht bei Blitz und Donner oder Tsunami, sondern eher geistige Einwirkungen. Frühere Opfergaben werden heute durch Gebete und sakrale Rituale ersetzt. Es würde hier zu weit führen, auf die Zweifel der Wissenschaften an solchen Einwirkungen Gottes anzumelden. Als Stichwort sei hier nur angeführt, dass Gott nur über den Geist des Menschen wirken kann. Darauf näher einzugehen, würde hier zu weit führen.

    Wenn man einmal von den paläolithischen Bestattungsritualen absieht, so können die paläolithischen Höhlenmalereien als die wohl früheste bekannt gewordene Expression von religiösem Denken seiner Urheber gelten (vor ca. 35 000 bis 25 000 Jahren). Nach neuesten Forschungsergebnissen gehen viele paläolithische Höhlenkunstwerke auf Schamanismus zurück. Damit bezeichnet man ein weltweit verbreitetes religiöses System, möglicherweise ausgehend von Sibirien. Der Schamanismus lieferte auch eine logische Erklärung zur Entstehung paläolithischer Religion. Die Vertreter des Schamanismus, die Schamanen, waren kein eigener Volksstamm, sondern fungierten als Funktionäre in diesem religiösen System. Viele Menschen werden ihren zeremoniellen Aktivitäten skeptisch bis abneigend gegenüber stehen, die auf vermeintlich direkte Interaktion mit dem übernatürlichen Reich beruhen. Dies erfolgt vor allem während des visionären Erlebens von Trancezuständen. Die Trance eines Schamanen kann als Religion interpretiert werden, weil Schamanen geistige Konzepte und Glauben aktivieren, die entgegen der eigenen Intuition stehen. Schließlich sind Schamanen nicht Experten in Ekstasen, sondern Meister des Spirituellen. Ein Schamane betrachtet die übernatürliche Welt durch einen veränderten Zustand seines Bewusstseins.

    In einigen südfranzösischen Höhlen sind achtbeinige Pferde, Wollnashörner und Löwenköpfe an den Felswänden festgehalten. Bemerkenswert, wie bei den frühen künstlerischen Produkten mythische Vorstellungen zum Ausdruck kommen, sei es, dass es sich um ein Tier mit menschlichen Zügen handelt, was anthropomorphes Denken widerspiegelt, oder sei es, dass ein Mensch mit tierischen Attributen dargestellt ist, was auf einen Totemkult deutet. Die Vorstellung von Göttern, die irgendetwas bewirken, wird in Kunstgegenständen aus dieser Zeit sichtbar. Dass sich die Höhlengemälde von Südafrika bis zum Ural prinzipiell ähnlich sind, kann als weiterer Hinweis auf im Erbgut des Homo sapiens verankerten spirituellen und religiösen Neigungen oder Dispositionen gewertet werden.
  • Glaube und Wissenschaft

    30.08.2012, R. Chr. Schefczyk
    Sie haben zu diesem Thema den dritten Aspekt vergessen: Religion. Glaube ist der Auslöser für einen Suchenden. Die Suche nach dem Ursprung des Lebens oder die Suche nach dem "Vater", der uns Leben schenkte. Für den Forscher der Glaube oder die Idee an eine Lösung, die ihm suggeriert oder bestätigt, er sei auf dem richtigen Weg. Glaube, der einen einzelnen Menschen beseelt, wird in dem Moment problematisch, in dem sich dieser Mensch anderen offenbart. Er gerät in ein Spannungsfeld, dem er nicht gewachsen ist, wenn seine eigene Meinungsbildung unausgereift erscheint. Mit dem Staunen der ersten Menschen über Naturphänomene (Blitz, Donner, Wolken, aufsteigende Nebel) erschienen "Besserwisser", die auch die Chance erkannten, Macht über unsichere Mitmenschen ausüben zu können. Ein Brutfeld für alle Religionen in der Geschichte der Menschheit. Wer berichtet von echter Erfahrung, und wer betätigt sich als Scharlatan? Im Bereich der Religionen wäre es interessant, zur Aufarbeitung einzugestehen: Geschrieben - hat immer der Mensch und kein Gott.
  • ADHS

    28.08.2012, S. Burder
    Ich bin wie des Öfteren sehr verwundert über die Vorgehensweise bei der Therapie der betroffenen Kinder. Wie viel Prozent der "normalen" 5-jährigen Jungen würde es ohne Weiteres schaffen, mit der Mutter und einer weiteren Person 15 Minuten in einem Raum zu sitzen und ganz allein zu spielen, ohne ein einziges Mal zu versuchen, mit der Mutter in Kontakt zu treten (Lego-Entzug hin oder her)? Welches Maß an Disziplin wollen wir Kindern im Kindergartenalter denn noch abverlangen?
    Und ich hoffe, dass die Aussage "Ritalin, eine Erfolgsgeschichte" ironisch gemeint ist ...
  • Späte Familienplanung

    25.08.2012, Helene V.
    Wer sich zu dem Thema ausreichend informieren möchte, findet unter den Stichworten "paternal age" und "paternal age effect" viele Studien zu einzelnen Gesundheitsrisiken für Kinder alter Väter. Beeindruckend ist nicht nur, wie viele und welch unterschiedliche Erkrankungen häufiger auftreten als bei Kindern jüngerer Väter, sondern dass sie die gesamte Lebensspanne umfassen.
    Eine verantwortungsvolle Familienplanung setzt den aktuellen, umfassenden Stand der Wissenschaft voraus. Wissenschaftsjournalisten lenken die Aufmerksamkeit dagegen meist nur auf einen aktuellen Aspekt. Das genügt nicht.
  • (In) Zukunft Psychologie

    23.08.2012, Ariel
    Die Abgrenzung der Psychologie zur Hirnforschung mag dadurch bedingt sein, dass für psychologische Studien vermehrt auch eine Neurofundierung gewünscht wird. Vielleicht können die Psychologen Empathie für die Mediziner gewinnen, wenn sie bedenken, dass das Aufkommen der MRTs gleichzeitig langfristig auch zu einer weiteren Maschinisierung führen wird, in der Computerprogramme die Analyse vieler Screenings übernehmen werden. Außerdem sind in der Medizin (nach einem FAZ-Artikel, ich besitze leider keine medizinische Fachkenntnisse) ein Großteil der neueren Nobelpreisträger Molekularbiologen und Chemiker. In der Kooperation zwischen Psychologen und Psychiater/Neurologen könnte also für beide eine lohnende Zukunft bestehen.

    Die Psychologie ist eine Wissenschaft von Mensch zu Mensch. Als Therapeut wünschen sich die meisten Klienten einen menschlichen Gesprächspartner. Und für Forschungskonzepte sind Empathie, Intuition und persönliche Erfahrungen von großem Nutzen.

    Wie die Autoren bereits schreiben, wird die Zukunft zu einer noch differenzierteren Psychologie führen, ich hoffe, dass auch weitere Versuche zur Synthese verschiedener Konzepte und Erkenntnisse unternommen werden. Ein weiteres lohnendes Feld wäre der Transfer neuerer psychologischer Forschung in die Psychotherapieausbildung.
  • Und was lernen wir daraus?

    21.08.2012, Ingo D.
    Leider fehlt die Schlussfolgerung, deshalb hier ein möglicher Versuch:

    Vielleicht ist eine angemessene emotionale Empathiefähigkeit, Wahrnehmung und Bewertung von destruktiven Akteuren trainierbar, durch die parallele und gleichzeitige Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, der eigenen Intuition und allgemeingültiger ethischer Normen.

    Jede Gesellschaft hat das Recht sich vor pathologischen Akteuren möglichst zu schützen. Aber zugleich die Pflicht, sich selbst "empathischer" als dieselben zu verhalten, wenn sie sich weiterentwickeln will. Es gibt keine "freiheitliche Ordnung" ohne das Risiko zuzulassen, dass dieselbe auch missbraucht werden kann.
Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.