Tatsächlich wirken Janas Bewegungen ungelenk. Beim Klettern und Toben schaut sie den anderen Kindern meist nur zu. Die großen Fortschritte, die das Töchterchen in den letzten Wochen gemacht hat – davon ist ihre Mutter überzeugt –, hat sie den regelmäßigen Besuchen in der Mainzer Praxis für Ergotherapie zu verdanken. Dort trainiert Margit Baruschke mit Jana einmal pro Woche 45 Minuten lang sensomotorische Fähigkeiten
Ergotherapie für Kinder
Generation Ergo
Entwickeln sich Kinder nicht »nach Plan«, wird schnell der Ruf nach Ergotherapie laut. Doch deren Einsatz bei den Kleinen ist umstritten: Kritiker bemängeln das Fehlen von Wirksamkeitsnachweisen sowie übertriebene Erwartungen von Eltern, Lehrern und Erziehern. Zu Recht?
Tatsächlich wirken Janas Bewegungen ungelenk. Beim Klettern und Toben schaut sie den anderen Kindern meist nur zu. Die großen Fortschritte, die das Töchterchen in den letzten Wochen gemacht hat – davon ist ihre Mutter überzeugt –, hat sie den regelmäßigen Besuchen in der Mainzer Praxis für Ergotherapie zu verdanken. Dort trainiert Margit Baruschke mit Jana einmal pro Woche 45 Minuten lang sensomotorische Fähigkeiten


Stefanie Reinberger ist promovierte Biologin.

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1. Selbsterfüllte Prophezeihung
18.08.2007, Marius Raab, BambergOb Kindererziehung, Beruf, Beziehungen, Umgang mit Sterbenden ... Aus empirischen Studien wird ein Konstrukt erschaffen, immer komplexer, und das wird als Norm gesetzt. Ein Kind muss doch im Kindergarten eine Fremdsprache lernen, weil das Gehirn noch plastisch ist. Für die Probleme, die sich dann ergeben, werden Wortungetüme erfunden (Körperarbeit klingt doch gut, Spielen war gestern), und schließlich ist der Alltag ein einziges psychologisches Problem, von der Geburt bis zum Tod.
So schafft sich die Psychologie ihre eigenen Kunden. Individuelle Förderung hingegen - beispielsweise für Kinder mit starken motorischen Defiziten - ist da nicht mehr möglich, wenn fast alle Förderung brauchen.
Aufgabe der Psychologie wäre es, die Spirale der immer wachsenden Anforderungen und der immer lebensferneren Konstrukte zu durchbrechen - anstatt sich selbst zu einem Teil davon zu machen.
2. Ergo alleine genügt nicht
26.08.2007, Dr. Richard Hammer, Vorsitzender Aktionskreis PsychomotorikDass immer mehr Kinder auffällig sind in ihrem Bewegungsverhalten, dass sie immer dicker werden und dass ihre Körperhaltung zunehmend degeneriert und langfristig gesundheitliche Probleme schafft, davon berichten Fachleute, v. a. Kinderärzte seit Jahren.
Individuelle Förderung der Kinder kann sicher die schlimmsten Auswirkungen mildern, eine Lösung des Problems ist allerdings nur in Sicht, wenn sich das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Kinder und Jugendlichen ändert - wobei die Erwachsenen hier Vorbild sein sollten!
Zu ergänzen wäre den Artikeln noch, dass sich neben den Ergotherapeuten noch andere Fachkräfte in diesem Arbeitsfeld erfolgreich bewegen und die den Ergotherapeuten zugeschriebenen Verfahren kompetent ausüben. Das Bobath-Konzept ist sicher eine Domäne der Physiotherapeuten, so wie die Mototherapie/Psychomotorik in erster Linie von Motopäden und Diplommotologen in der Förderung von Kinder und Jugendlichen angewandt wird.
3. Ergotherapie bei Kindern
28.08.2007, Albert Hefele, OberelchingenErgotherapeuten gehen davon aus, dass eine intakte Handlungsfähigkeit von einer funktionierenden Motorik, der Fähigkeit Reize wahr zu nehmen und zu integrieren und einer zumindest durchschnittlich entwickelten sozialen und emotionalen Kompetenz abhängt. Diese drei Faktoren werden in der ET-Behandlung schwerpunktmäßig gefördert, um eine möglichst komplexe Handlungsfähigkeit zu ermöglichen.
Ob dies gelingt, hängt - wie in allen Therapien - von der Qualität des Therapeuten ab. Und - in der Behandlung von Kindern - zu neunzig Prozent von der Bereitschaft der Eltern, sich in die Therapie einzuklinken. Der Ergotherapeut kann im Wesentlichen nur das Profil einer Störung herausarbeiten, um dann geeignete Strategien zu entwickeln, die er - mit den Eltern - in ein Förderprogramm umformuliert, das in den Alltag des Kindes einfließt.
Ich gebe den Kritikern der ET Recht, die sagen, dass viele behandelte Kinder ET gar nicht nötig hätten. Ich glaube allerdings, dass der Anteil der Kinder, die gefördert werden müssten, immer größer wird. Ganz einfach, weil die Möglichkeiten, sich in einer »normalen« Umwelt zu entwickeln, immer geringer werden.
Vielleicht befinden wir uns nur in einem Umbruch, was »normale« Entwicklung angeht, aber in dieser - wie immer gearteten - Übergangszeit, benötigen viele Kinder (auch Erwachsene) Unterstützung und Orientierung, um nicht an einer massiven Überforderung Schaden zu nehmen. Dieser Gesichtspunkt der ET mit Kindern - die Prävention und damit Reduzierung späterer Krankheitskosten! - wird für meine Begriffe viel zu wenig in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt.
4. Differenzierung statt Pauschalisierung
31.08.2007,Für alle anderen Kinder reichen Präventionsprogramme aus, die in Kindergärten und Schulen durchgeführt werden können. Diese Präventionsprogramme werden zurzeit von Ergotherapeuten entwickelt, in Zusammenarbeit mit Fachhochschulen evaluiert und in die Praxis umgesetzt. Sie bieten Fortbildungen für Erzieher oder Lehrer an, z.B. um feinmotorische und grobmotorische Leistungen zu fördern (z.B. Ergotherapeutisches Bewegungsförderungsprogramm von Nacke 2006, Calwer Modell, noch unveröffentlicht).
Für die behandlungsbedürftigen Kinder stehen inzwischen neue Therapiekonzepte zur Verfügung, die kognitiv ausgerichtet sind und dem Kind und seinen Eltern Lernstrategien für Alltagshandlungen vermitteln. Somit verkürzen sich Therapiezeiten z.B. für Kinder mit Koordinationsstörungen im Vorschul- oder Schulalter auf ca. 15 Stunden (Beispiel: Cognitive Orientation to daily Occupational Performance – CO-OP, Mandich und Polatajko 2001). Kinder mit stärkeren Beeinträchtigungen wie z.B. Verhaltenauffälligkeiten, Körperbehinderungen, Sinnesbehinderungen werden weiterhin mehr Therapiebedarf haben.
Ein zukünftig wichtiger Bereich wird die Beratung sein. Hier ein Praxisbeispiel: Ein Säugling mit schweren vegetativen Störungen, mit dem die Eltern das Haus nicht verlassen konnten, konnte bereits nach acht Hausbesuchen (Umfeldgestaltung, Anleitung und Beratung der Eltern) ein völlig normales Leben führen und den Kindergarten besuchen. Die Mutter konnte ihre Arbeit wieder aufnehmen. Beratung kann derzeit aber nur bei einigen Krankenkassen in geringem Umfang abgerechnet werden. Auch hier ist ein Umdenken und Differenzieren notwendig.
Leider benötigen Veränderungsprozesse ihre Zeit. Durch Aus-, Fort- und Weiterbildungen, besonders auch im Rahmen der Studiengänge, sowie durch geeignete Veröffentlichungen wird dieser Prozess vorangetrieben. Eltern können dies unterstützen, indem sie z.B. gezielt nach Präventionsangeboten im Kindergarten fragen oder nach dem CO-OP Ansatz in der Praxis für Ergotherapie. In der Schweiz haben Ergotherapeuten und Kinderärzte gemeinsam ein Scoreblatt entwickelt, das seit 2005 eingesetzt wird, um die Indikation für Ergotherapie genauer zu fassen. Dies wäre ein Modell, dem man möglicherweise in Deutschland folgen könnte.
Heidrun Becker
Dipl.Medizinpädagogin, Ergotherapeutin
Berlin
5. Therapeutische Begleitung für Kinder
03.09.2007, Fernando M. Petöfi6. Ergotherapie entspricht dem Fortschritt
25.09.2007, Barbara Kittinger, InnsbruckIch erinnere mich an meine Volksschulzeit als eine Zeit der Überforderung, ich habe in der ersten Klasse jeden Morgen erbrochen, aus Schulangst. Wäre ich gezielt gefördert worden, wären mir viele Ängste und Komplexe erspart geblieben. Ich habe mich meiner Meinung nach später gut entwickelt und in meiner weiteren Ausbildungszeit keine außergewöhnlichen Schulprobleme mehr gehabt.
Oft wären nur wenige Behandlungseinheiten notwendig, um einem Kind gezielt über eine Schwäche hinweg zu helfen. Ich sehe das als "Nachhilfe", die dem Kind nicht vorenthalten werden sollte. (Diese Nachhilfe habe ich halt dann später notwendig gehabt, aber leider nur im herkömmlichen Sinn).
Nebenbei möchte ich erwähnen, dass der Anstieg der empfohlenen ergotherapeutischen Interventionen bei Kindern vermutlich z.B. auch dem Anstieg bei den Zahnspangen entspricht. Haben nun die Kinder schlechtere Zähne als die Kinder früher oder ist man einfach nicht mehr bereit, über Dinge, die man mit relativ einfachen Mitteln beheben kann (und die womöglich Folgeschäden verursachen könnten), hinwegzusehen?
Wir leben in einer Zeit mit vielen neuen Errungenschaften und voller Möglichkeiten, die unserer Generation noch nicht in diesem Maße offen standen. Wir sollten uns dem Fortschritt nicht verschließen und den Kindern die Behandlungen zukommen lassen, die ihnen gut tun.