Vor einigen Jahren erzählte mir ein Jugendanwalt, sein eigener Eindruck von gewalttätigen jungen Männern passe einfach nicht zum gängigen Bild von Gewaltverbrechern. Den Lehrbüchern zufolge litten Jugendliche, die zu aggressiven Übergriffen neigen, unter einem viel zu geringen Selbstwertgefühl. Er erlebe die Klienten im Gegenteil aber als – wie ich sie nenne – "Egotisten", als Menschen mit grandios übersteigertem Überlegenheitsgefühl und völlig überzogenem Geltungsbedürfnis.

Der Jurist und seine Mitarbeiter wollten sich jedoch nicht den wissenschaftlichen Studien der letzten Jahrzehnte entgegenstellen. Sie würden sich also weiterhin bemühen, die jungen Straftäter zu resozialisieren, indem sie deren Selbstbewusstsein stärkten. Viel erreichen würden sie damit allerdings nicht. Die Männer blieben sozial auffällig.

Dass übermäßige Aggressivität aus einem niedrigen Selbstwertgefühl heraus entsteht, galt tatsächlich lange als ausgemacht. Amerikanische Lehrer, Sozialarbeiter und Juristen lernen, dass man Gewalttaten vorbeugt, wenn man die Eigenliebe junger Menschen bekräftigt. Eine hohe Meinung von sich selbst verhelfe Kindern und Jugendlichen zudem zu mehr Sozialkompetenz und auch besseren Schulleistungen. Das geht so weit, dass Schüler auf langen Listen notieren, warum sie so wunderbare Menschen sind, oder Lieder zu ihrem eigenen Lob singen. Viele Eltern und Lehrer wagen nicht mehr, die Kinder zu tadeln. Sie fürchten, die Schützlinge könnten wegen der Kritik einen seelischen Schaden davontragen und sich dann zum brutalen Draufgänger entwickeln. Bei manchen Sportveranstaltungen bekommt jeder eine Trophäe, sodass sich niemand als Versager fühlen muss.

Immer wieder werden zwar Zweifel laut, ob eine solche Behandlung wohl das Richtige sei, damit junge Menschen ein gesundes Selbstv