Spektrum der Wissenschaft: Professor Kanitscheider, sind Sie religiös?

Professor Bernulf Kanitscheider: Nein, ein persönliches religiöses Engagement möchte ich für mich verneinen. Ich kann nur sagen, daß mich die Religion als kulturelles Phänomen immer interessiert hat – nicht nur im christlichen Kontext. Ich habe bereits meine Dissertation über das Verhältnis zwischen östlichen Religionen und westlicher Philosophie geschrieben. Später haben mich dann mehr die theologischen Probleme beschäftigt – aber nicht um ein persönliches Engagement aufzubauen, sondern weil ich meine, daß dies ein Phänomen der Kultur ist, an dem man nicht vorbeigehen kann.

Spektrum: In dem vorstehenden Artikel (Seite 74) wird berichtet, daß etwa vierzig Prozent der US-Wissenschaftler sich als religiös bezeichnen. Wie schätzen Sie die Situation hier in Deutschland ein?

Kanitscheider: Wenn ich mir unsere Situation von hier aus anschaue – das ist natürlich schwierig – würde ich schätzen, daß man unter fünf Hochschulwissenschaftlern aus dem engeren Bereich der Geisteswissenschaften und der Philosophie einen findet, der praktizierend und emotional überzeugt gläubig ist, aber wohl nicht mehr. Das hängt zum Teil natürlich mit den Orientierungen in der Philosophie selbst zusammen.

Spektrum: Inwiefern?

Kanitscheider: Jemand, der ein dezidiert wissenschaftstheoretisches Verständnis von Philosophie hat, der sich ex professio mit Logik, Semantik, Struktur der Sprache befaßt, wird natürlich kritischer gegenüber der Sprache der Theologie und Religion sein als jemand, der sich der Existenzanalyse verpflichtet fühlt oder über einen Philosophen arbeitet, der schon auf der Wende zur Religion steht, wie etwa Karl Jaspers.

Spektrum: Gerade in den letzten Jahren ist das Interesse an einer Annäherung zwischen Wissenschaft und Religion, vor allem in den USA, wieder gewachsen. Wieso ist diese Welle jetzt plötzlich aufgekommen?

Kanitscheider: Das hängt mit einem Erstark