Zu den neuen naturalistischen Tendenzen der Natur- und Geisteswissenschaften gibt es eigentlich nur eines zu sagen: Die Diskussion über Phänomenales Bewußtsein und über den vermeintlich nicht vorhandenen freien Willen sollte schon längst erledigt sein, da die widersinnigen Konsequenzen, in die eine solche Naturalisierung des Geistes führt, schon längst von Edmund Husserl und anderen unwiderlegbar abgewiesen wurde (Vgl. Husserls Logische Untersuchungen, den Aufsatz: Philosophie als strenge Wissenschaft, sowie: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie). Wer keine qualitative Wahrnehmung, d. i. phänomenales Bewusstsein hat, wird in der Welt niemals auf Phänomene stoßen, die er später auf neuronale Zusammenhänge zurückführen kann. Das erste (!) ist immer phänomenale Wahrnehmung, das zweite die Erklärung der Phänomene. Ebenso die Diskussion über den freien Willen: Wer keinen freien Willen hat und wer in seinem Verhalten determiniert ist, ist auch dahingehend determiniert, widersinnige Theorien über den freien Willen aufzustellen. Er kann bzw. könnte dann niemals einsehen, dass seine Theorie falsch respektive wahr ist. Wer so eine Theorie verbreitet, der verbreitet implizit die Theorie, dass Wissen (inklusive des Anspruchs auf Wahrheit) gar nicht möglich ist, d. h. er erklärt den Bankrott der Wissenschaft überhaupt. Leider haben einige Naturwissenschaftler noch nicht eingesehen, dass sie sich mit den Bedingungen der Möglichkeit von Wissen auseinandersetzen müssen, wollen sie sich nicht selbst widerlegen. Man kann dazu nur sagen: Philosophie ist zur Zeit mehr vonnöten denn je, denn die Konsequenzen einer solchen Theorie über den freien Willen gibt letzten Endes den Glauben an den Menschen, inklusive des Rechtssystems auf, das darauf baut, dass Menschen sich willentlich ändern, d. i. dass sie Fehler einsehen und korrigieren können. Die Konsequenzen wären der Bankrott des Rechtssystems und die Entwicklung von Mikrochips, die irgendwann das Verhalten der Menschen korrigieren, anstatt den Glauben an die Dignität des Menschen zu unterstützen. Die Philosophie als System ist weiter als die Naturwissenschaften, was das Bewußtsein angeht. Die Philosophen wissen es zu beherrschen, die Naturwissenschaftler offensichtlich nicht. Das Experiment zum freien Willen wird im nachhinein interpretiert, und zwar auf eine Weise, in der man etwas hineinlegt, das daraus gar nicht gewonnen werden kann. Man könnte aus dem Experiment ebenso schließen, dass der neuronale Reiz, der ja vor dem eigentlichen Willensakt gemessen wird eine Entscheidung repräsentiert, die vorbewußt stattfindet. Das aber wäre ebenso bei den Haaren herbeigezogen wie die von den Neurowissenschaftlern vertretene Position. Im Grunde, kritisch gesehen, ist nämlich aus dem bekannten Experiment zum freien Willen nichts, gar nichts herauszuholen, bestenfalls wird etwas durch Interpretation hineingelegt, was man daraus gar nicht ableiten kann. Die Erfolge der Neurowissenschaftler in allen Ehren, wäre da nicht diese Hybris, dieser verfehlte Anspruch auf Universalität, dieser naive Reduktionismus. Täte man sich zusammen, dann kämen sicher interessante Wahrheiten heraus. Husserls Theorien, gerade in Bezug auf die Erinnerung werden durch die Neurowissenschaften bewährt - kein größerer Beweis für Phänomenales Bewußtsein ist möglich, als dass die Neurowissenschaften bestätigen, was ein Pänomenologe schon vor ihnen aus der Innenperspektive gewonnen hat, und das nicht nur in Bezug auf die Erinnerungen. Seltsam, aber davon redet hier keiner.....
Herr Stortz aus Berlin befasst sich in seinem Leserbrief mit dem freien Willen. Dazu möcht ich Schopenhauer zitieren: "Der Mensch kann was er will; er kann aber nicht wollen was er will."
Die gegenwärtige Hype um die Hirnforschung ist ein Wiedergänger aus dem 19. Jahrhundert (auf teilweise ebenso plattem Niveau z.B. eines aus dem griechischen Altertum stammenden Materialismus). Um bekannte zeitgenössische Historiker wie Michael Hagner oder Olaf Breidbach, die seit Jahren umfangreiches Material über die Geschichte der Hirnforschung publizieren, macht die Redaktion von G&G jedoch einen mehr als auffälligen Bogen. Gemessen an der Anzahl von Interviews und Artikeln bevorzugt sie dagegen bestimmte Autoren, deren selbst unter Fachkollegen z.T. höchst umstrittene Denken geradezu Programmvorgabe zu sein scheint. G&G-Leser erfahren kaum etwas von dem mehr als zweitausendjährigem Ringen um Fragen, die ins Zentrum unseres Selbstverständnisses zielen, schon gar nicht aus erster Hand; dafür werden sie auf der anderen Seite mit einem in der Philosophie heute "naturalistisch" bezeichneten, bislang eher "szientistisch" genannten Denken konfrontiert, dessen Hintergründe und erst recht Fragwürdigkeiten im Dunkeln gelassen werden, obwohl sie in der Philosophie in den letzten zwei Jahrzehnten wieder stärker diskutiert werden.
Dabei sind alle wesentlichen Argumente dieser philosophischen Debatte auch öffentlich und zum Teil vielfach vorgetragen worden. In G&G findet sich davon kaum etwas wieder, und das wenige davon erscheint auch noch recht unausgewogen. Wie ein Ausrutscher wirkt beispielsweise das in der Ausgabe 5/2004 publizierte, auf Anregung von mir zustande gekommene Interview mit dem englischen Philosophen Peter Hacker, der 2003 mit dem vielfach ausgezeichneten australischen Synapsenforscher Max Bennett ein fast 500 Seiten umfassendes Lehrbuch "Philosophical Foundations of Neuroscience" publiziert hat, in dem alle wesentlichen Schwachpunkte bisherigen neurowissenschaftlichen Denkens gelistet und konstruktiv kritisiert werden. Nur wurde in G&G das Buch selbst bislang noch nicht vorgestellt und inhaltlich erläutert oder auch nur eine Besprechung davon im hinteren Rezensionsteil publiziert. (Im verlagseigenen Science-Shop wird es wie Sauerbier angeboten: ohne eine einzige Verlagsangabe zu dem zugegeben brisanten Inhalt dieses epochalen Werks und bemerkenswerterweise sogar ohne die Möglichkeit, wie bei anderen Büchern des Shops eine Lesermeinung dazu abzugeben. Allerdings ist im Beitrag 692630 des ebf. verlagseigenen "Psychologie-Forums" von "wissenschaft-online" eine eingehende Rezension des Buchs von Bennett & Hacker zu finden sowie im Beitrag 708104 sogar ein Artikel mit dem Titel "Ach, das Gehirn", in dem derselbe Autor anhand dieses und etlicher anderer neuerer Publikationen einen gewichtigen Teil der derzeitigen Diskussion nachzeichnet.)
Noch gar nicht scheint die seit einigen Jahren recht lebhaft gewordene Diskussion der sog. Ersten-Person-Perspektive, die für Fachwissenschaften wie Psychologie und Psychiatrie zentral und unabdingbar ist, von der G&G-Redaktion in den Blick geraten zu sein. Es ist die Frage, ob sie die zentralen Themen und Diskussionspunkte, die einen Titel wie "Gehirn und Geist" so interessant machen, wirklich "im Blick hat": Psychologisch hat die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf einen Bereich praktische Blindheit für andere zur Folge - uns seien das noch so wichtige ...
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1. Perspektiven der Philosophie
28.11.2006, Christoph Stortz, BerlinMFG Christoph Stortz
2. Zum freien Willen
28.11.2006, Hubert, WiesbadenGrüße
Hubert
3. Herrn Storz ist voll inhaltlich zuzustimmen
04.01.2007, Ingo-Wolf Kittel, AugsburgDabei sind alle wesentlichen Argumente dieser philosophischen Debatte auch öffentlich und zum Teil vielfach vorgetragen worden. In G&G findet sich davon kaum etwas wieder, und das wenige davon erscheint auch noch recht unausgewogen. Wie ein Ausrutscher wirkt beispielsweise das in der Ausgabe 5/2004 publizierte, auf Anregung von mir zustande gekommene Interview mit dem englischen Philosophen Peter Hacker, der 2003 mit dem vielfach ausgezeichneten australischen Synapsenforscher Max Bennett ein fast 500 Seiten umfassendes Lehrbuch "Philosophical Foundations of Neuroscience" publiziert hat, in dem alle wesentlichen Schwachpunkte bisherigen neurowissenschaftlichen Denkens gelistet und konstruktiv kritisiert werden. Nur wurde in G&G das Buch selbst bislang noch nicht vorgestellt und inhaltlich erläutert oder auch nur eine Besprechung davon im hinteren Rezensionsteil publiziert. (Im verlagseigenen Science-Shop wird es wie Sauerbier angeboten: ohne eine einzige Verlagsangabe zu dem zugegeben brisanten Inhalt dieses epochalen Werks und bemerkenswerterweise sogar ohne die Möglichkeit, wie bei anderen Büchern des Shops eine Lesermeinung dazu abzugeben. Allerdings ist im Beitrag 692630 des ebf. verlagseigenen "Psychologie-Forums" von "wissenschaft-online" eine eingehende Rezension des Buchs von Bennett & Hacker zu finden sowie im Beitrag 708104 sogar ein Artikel mit dem Titel "Ach, das Gehirn", in dem derselbe Autor anhand dieses und etlicher anderer neuerer Publikationen einen gewichtigen Teil der derzeitigen Diskussion nachzeichnet.)
Noch gar nicht scheint die seit einigen Jahren recht lebhaft gewordene Diskussion der sog. Ersten-Person-Perspektive, die für Fachwissenschaften wie Psychologie und Psychiatrie zentral und unabdingbar ist, von der G&G-Redaktion in den Blick geraten zu sein. Es ist die Frage, ob sie die zentralen Themen und Diskussionspunkte, die einen Titel wie "Gehirn und Geist" so interessant machen, wirklich "im Blick hat": Psychologisch hat die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf einen Bereich praktische Blindheit für andere zur Folge - uns seien das noch so wichtige ...