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1. Kinderkrippen
14.04.2008, Burghard BehnckeDer Artikel ist nach dem derzeit in Zeitungen und Zeitschriften gängigem Muster zusammengestellt. Natürlich wird die NICHD - Studie erwähnt, allerdings mit Schlagseite und an einigen Stellen ungenau bzw. falsch wiedergegeben. So ist die Mutter-Kind-Beziehung in den ersten Lebensjahren bei einer außerhäusigen Betreuung durchaus etwas weniger harmonisch, und gegenüber mehr unsensiblen Müttern nimmt die unsichere Bindung bei Außenbetreuung sogar zu. Auch spielen die NICHD - Forscher, die ja kollektiv ihre Ergebnisse veröffentlicht haben (Belsky ist nur einer von ihnen) die festgestellte Zunahme von Aggressionen auch bei 12-Jährigen durchaus nicht so herunter, wie Frau Ahne dies tut. Zitat: "Even though there are certainly grounds for questioning the developmental significance of the enduring 'effects' detected, we regard them as noteworthy and meaningful because of the large number of children in America who experience extensive and/or low-quality child care before school entry. This contemporary situation raises questions about the potential collective consequences across classrooms, schools, communities, and society at large of small enduring developmental differences among children who vary in their early child-care experience." (Belsky, 2001; NICHD SECCYD, 2003a, 2006). Child Development, March/April 2007, Volume 78, Number 2, Pages 681-701
Natürlich dürfen die Krippenbefürworter Herr Fthenakis (Regierungsberater beim deutschen Familienministerium!) und Frau Lieselotte Ahnert auch ih diesem Artikel, wie in all den anderen Pressedarstellungen, nicht fehlen. Die wohl nicht passenden Forschungsergebnisse von Herrn Belsky sollen mit Klatsch und Tratsch ("Schwarzes Schaf") ausgeschaltet werden, und Ergebnisse von Krippenbefürwortern beherrschen im Artikel das Feld. Es ist auch höchst bedenklich, in diesem Zusammenhang einseitig die Forschungsergebnisse der schwedischen Göteborg-Studie durch Herrn Bengt-Erik Andersson aus den 1980er Jahren anzuführen. Nach gründlicher Untersuchung einer Vielzahl von Forschungsergebnissen zwischen 1980 und 1994 kommt Belski zu folgendem Ergebnis (S. 322): "Die wissenschaftlichen Befunde zur Krippenforschung können eine bedenkenlose Befürwortung der Krippenbetreuung nicht unterstützen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Krippenbetreuung im Vergleich zur Familienbetreuung in der Summe eher von Nachteil ist." (Bensel, J., 1994: Ist die Tagesbetreuung in Krippen ein Risiko? Eine kritische Beurteilung der internationalen Krippenforschung. ZPädagogik 40, 303-326).
Auch müsste man doch auch erwähnen, dass die skandinavischen Länder, auch Schweden, nach ihren langjährigen Krippeerfahrungen langsam und mehr oder weniger stillschweigend eine Art "Roll Back" zu machen scheinen. So hat das Schweden gerade für zu Hause bleibende Mütter ein 3-jähriges Erziehungsgeld eingeführt, was bei uns in der Öffentlichkeit überhaupt nicht erwähnt wird. Schweden ist ja das "Krippen-Musterland".
Was die vielzitierte Frau Ahnert betrifft, so sind ja ihre Aussagen durch vielfältige Interviews in den letzten Jahren hinreichend bekannt, aber längst nicht bei allen Forschern in ihren Schlussfolgerungen anerkannt. Aber wer sich auf sie beruft, sollte wenigstens auch ihre folgende Aussage auf ihrer eigenen Internetseite wiedergeben: Ahnert: "Neueste Studien aus der Stressforschung weisen zudem darauf hin, dass die veränderte Stressreaktivität außerfamiliär betreuter Kinder mit ihrer Aufenthaltszeit in einer Kindereinrichtung im Zusammenhang zu stehen scheint. Wenn jedoch die Familie eine herausragende stressreduzierende Rolle spielt, dürften diese Befunde nicht allein die Auswirkung institutioneller Betreuung sein. Lange Aufenthaltszeiten in Tagesbetreuung bedeuten für ein Kind zwangsläufig weniger Zeit in der Familie. Kurze Begegnungszeiten zu Hause aber dürften kaum dazu führen, die Tagesbelastung des Kindes abzubauen, so dass Belastungspegel, Verhaltensstörungen und Konzentrationsminderungen akkumulieren könnten. In laufender Forschungsarbeit untersuchen wir gerade, ob diese Überlegungen auch bei Kindern greifen, deren Familien eine sozialbedingt qualitätsvermindernde Betreuung bieten, und ob diese Kinder dann nicht doch eher von langen Aufenthaltszeiten in Tagesbetreuung profitieren würden." - So ist es unerklärlich, wie mit gutem Gewissen ein Krippenaufenthalt bis zu acht Stunden (!) pro Tag als unbedenklich angesehen werden kann.
Auch der beachtliche Anstieg des Cortisol-Spiegels bei Krippenkindern gegenüber zu Hause betreuten, insbesondere am Nachmittag, wird von Frau Ahne in seiner Bedeutung heruntergespielt. (Die Krippe sei halt aufregend.) Von Medizinern wird jedoch glaubhaft versichert, dass ein täglicher Anstieg bie Kleinkindern ein bedenkliches Zeichen und für die Entwicklung nicht positiv sei. H.J. Vermeer und H. van IJzendoorn (Early Childhood Research Quaterly 21 (2006), S. 390-401) haben insgesamt neun Studien, in welchen das Maß an Cortisol-Ausstoß von kleineren Kindern bei Tagesbetreuung (gegenüber anderen) aufgeführt wurde, untersucht. Ihr Resumee lautet: "It was shown that the effect of daycare attendance on cortisol excretion was especially notable in children younger than 36 months. We speculate that children in center daydare show elevated cortisol levels because of their stressful interactions in a group setting."
Dieser Stress ist also in Krippen zu erwarten! Gerade eine Zeitschrift wie "Gehirn&Geist" sollte sich der Frage annehmen, was für eine Bedeutung, nicht zuletzt für die Gehirnentwicklung, dies haben könnte. Aus der Hirnforschung wissen wir doch, wie empfindlich, prägend und schutzbedürftig die Hirnentwicklung in den ersten Lebensjahren eines Menschen ist! Somit vermisse ich von Ihrer Zeitschrift "Gehirn&Geist" (!) qualifizierte Beiträge gerade zu dieser Ihner ureigensten Thematik. Vermeer und van IJzendoorn geben hierzu wertvolle Impulse.
Nur recht kurz erwähnt Frau Ahne das leicht bei Muttertrennung in frühen Jahren auftretende Trennungstrauma. Es kann aber durch langsame Eingewöhnung in die Krippe nicht behoben, höchstens gemildert werden, wie Untersuchungen zeigen. Auch das wäre eigentlich ein vertiefendes Thema für Ihre Zeitschrift. (Siehe hierzu auch die jüngsten Forschungsergebnisse von Herrn Grossarth - Miaticek zu den gravierenden gesundheitlichen Spätfolgen von früher Mutterentbehrung.). Die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung macht es in dieser Hinsicht besser. Sie weist auf die hohe Bedeutung der frühkindlichen Bindung hin und scheut sich nicht, die Risiken von Krippenerziehung aufgrund therapeutischer Erfahrungen offen anzusprechen. Ihr diesbezügliche Memorandum habe ich als Anlage beigefügt sowie auch einen anderen Artikel aus der Schweiz. Darüber hinaus stellen andere aktuelle Artikel von Psychotherapeuten die Probleme und mögliche Verstärkungen von traumatischen Erlebnissen dar für den Fall, dass neben der Trennung von der Mutter noch diejenige ihrer zuständigen Erzieherin hinzukommen. Personalwechsel in Krippen ist aber leider nur zu häufig anzutreffen.
Ich will doch deutlich sagen, dass ich solch einen Artikel in Ihrer Zeitschrift mit wissenschaftlichem Anspruch nicht für vertretbar halte. Das Heft liegt ja auch in Familienberatungsstellen u.s.w. aus. Schon direkt unter der Überschrift ist zu lesen: "Aktuelle Studien belegen jedoch: Die Fremdbetreuung schadet den Kleinen nicht." Das aber ist eine einseitige und somit unzutreffende Darstellung.
Noch eine letzte Bemerkung: Je mehr man sich in diese Thematik einarbeitet, desto stärker wird das eigene Erstaunen über folgende Tatsachen: Einerseits ist der wissenschaftliche Kenntnisstand bezüglich der langfristigen Folgewirkungen von Krippenerziehung noch sehr dürftig, und es gibt dazu kaum qualifizierte Langzeit-Forschungsergebnisse bis in das Erwachsenenalter hinein. Andererseits aber wird derzeit in Deutschland mit hohem Tempo die Krippenerziehung ausgebaut und für sie geworben. Ist das nicht, gelinde gesagt, problematisch?
2. Wissenschaftlich?
17.07.2008, Ihr Name, WohnortBengt-Erik Anderssons Studie tun Sie ab, als sei sie veraltet: ... aus den 80ern ... Dabei handelt es sich um eine der wenigen Langzeitstudien, die bis in die späten 90er geführt wurden und auch die soziale Abstammung der Kinder mit berücksichtigte. Ergebnis der Studie war eine signifikant bessere Entwicklung der Kinder, die besonders früh in Fremdbetreuung gekommen waren. Da diese Ergebnisse dermaßen unerwartet waren, wurde die Studie fortgesetzt, bis die Kinder Mitte 20 waren. Man stellte fest, je später die Kinder in Fremdbetreuung gekommen waren, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Universitätsstudium beendet hatten. Und auch die allgemeine Lebenszufriedenheit der zu Hause betreuten Kinder war signifikant geringer als jene der Krippenkinder.
Jene Forscher, die einen höheren Cortisolspiegel der Krippenkinder festgestellt hatten, haben gleichzeitig ganz klar betont, dass dies NICHT gegen die Krippe spricht, sondern nur in der aufregenden Eingewöhnungszeit nachweisbar ist und sich später widerlegt.
etc. etc. etc.
3. Krippenerziehung
07.08.2008, Ihr Name, WohnortMir ist nicht bekannt, dass Forscher bei Feststellung eines höheren Wertes des Stresshormons Cortisol bei Krippenkindern betonen, dies spräche nicht gegen die Krippenerziehung, und der höhere Wert lege sich später wieder. Vielmehr stellen sie das Anwachsen gerade bei Kleinkindern fest (zwischen 10 Prozent und mehr als 100 Prozent, je nach Alter, Persönlichkeit des Kindes, Qualität der Einrichtung u.a.), betonen das Risiko von chronischer Erhöhung des Wertes und schreiben vorsichtig, dass man derzeit nicht weiß, welche langfristige Wirkung die Erhöhung auf die Entwicklung der Kinder hat. Mehr Forschung, insbesondere Langzeitstudien sowie solche auch in qualitativ mangelhaften Krippen seien notwendig. Auch ist es nicht richtig, dass sich der Cortisolspiegel nach der Eingewöhnungszeit schnell wieder senkt. So hat eine Studie an 70 Kindern im Alter von 15 Monaten bei Krippeneintritt ergeben, dass sie trotz Eingewöhnungszeit bei der Muttertrennung einen 75 bis 100 Prozent höheren Cortisolspiegel als vorher hatten, aber nach fünf Monaten Krippenaufenthalt immerhin noch Werte, die um 20 bis 30 Prozent und mehr höher lagen.
Da ein Kleinkind noch keinen genügenden Schutz gegen Stress hat und entsprechende Erfahrungen sich tief ins Gehirn verankern können, muss man bezüglich der Ergebnisse schon besorgt sein. Auch zeigen sich am Cortisol-Spiegel nur einige Komponenten von Stress. Nach neuester Forschung kann sich früher Stress von Kleinkindern - etwa durch Mutterentbehrung - sogar nachteilig auf ihr Erbgut auswirken, was später zu körperlichen und psychischen Krankenheiten führen kann.
Ich bleibe dabei: Es wäre dankenswert, wenn sich die Zeitschrift Gehirn&Geist einmal dieser Thematik ausführlich widmen würde.
Burghard Behncke