Wie die Hirnforschung zeigt, beruhen psychische Leistungen wie Wahrnehmung und Handlungsplanung auf neuronalen Prozessen. Viele Forscher glauben, dass diese beiden Ebenen quasi identisch sind und nur eine jeweils andere Art der Beschreibung darstellen. Diese Position wird als Naturalismus bezeichnet.
Da fast alle physikalischen Prozesse festen Gesetzmäßigkeiten folgen, sind womöglich auch die Vorgänge im Kopf stets durch vorangegangene neuronale Prozesse determiniert, das heißt festgelegt. Damit stünde das Ergebnis einer Handlungsplanung oder Entscheidung bereits vor ihrem Auftreten fest. Kann man in diesem Fall noch von freiem Willen sprechen?


Christoph Herrmann ist Professor für Allgemeine Psychologie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.


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1. Experiment mit Vorhersehung?
13.12.2009, Babette Döbrich, JenaSie schreiben, das sog. Bereitschaftspotenzial bestünde zeitlich schon vor der Darbietung des äußeren Reizes.
Das verwundert mich, denn es suggeriert, dass das Hirn schon vorher wusste, dass im nächsten Moment ein Aufforderung zum Knopfdruck käme. Das wäre gut einsehbar bei einer streng periodischen Wiederholung des Reizes.
Wenn das Signal aber nicht periodisch kam, dann würde mich doch ziemlich interessieren, woher diese scheinbare "Vorhersehung" des Reizes kommt. Gibt es dazu eine Antwort?
2. Antizipieren, Erwarten & motorisches Bereitschaftspotential
18.01.2010, Ingo-Wolf Kittel, Augsburg - FA für pt. Medizinganz Psychologe, der Sie sind, schreiben Sie in Ihrer Antwort auf den vorgängigen Leserbrief von Frau Döbrich wie nebenbei, aber natürlich völlig richtig:
"Die Versuchspersonen konnten das Auftreten der Reize antizipieren."
Leider erwähnen Sie nicht, ob und ggf. wie Vpn dazu methodisch angeleitet wurden, oder ob sie das spontan gemacht haben (und ggf. dazu nachträglich befragt wurden). Auch geben Sie nicht genauer an, worin diese Antizipationsleistungen bestanden haben und auf welcher Fähigkeit sie eigentlich beruhen.
Von der Alltagspsychologie her kommt dafür keine motorische Aktivität, sondern unsere "Phantasie" in Betracht. Sich etwas auszudenken geht erfahrungsgemäß aber nicht unbedingt mit Körperbewegungen einher, eher schon mit Veränderungen des "physiologischen Muskeltonus", also der unwillkürlichen Muskelspannung. Denn die Vorwegnahme der Annehmlichkeiten eines erneut geplanten oder vielleicht sogar schon gebuchten Aufenthalts an einen Ort, an dem man bereits einen schönen Urlaub verbracht hat, kann sich geradezu entspannend auswirken.
Noch interessanter aber ist Ihre Angabe, Vpn bauten "eine gewisse Erwartung auf, was sich in der Hirnaktivität widerspiegelt."
Konnte tatsächlich die Hirnaktivität, die mit Erwartungen korreliert ist, identifiziert werden? (Wie wurde sie ggf. methodisch gesichert?)
Und konnte auch die Hirnaktivität aufgedeckt werden, die mit der dazu vorlaufenden Aktivität korreliert, etwas zu "antizipieren"?
Die spannende Frage ist nämlich die, in welchem Verhältnis die jeweilige Hirnaktivität, die für diese psychischen Leistungen typisch ist, zu dem mittlerweile auch außerhalb der Fachwelt berühmt gewordenen "motorischen Bereitschaftspotential" steht, das von dem Neurophysiologen Hans Helmut Kornhuber - der vor kurzem verstorben ist - und seinem ehemaligen Mitarbeiter Lüder Deecke Mitte der 1960er Jahre entdeckt worden ist!
Bin ich richtig informiert, dass das mBP bislang immer vor motorischen Willkürbewegungen und immer über den motorischen Assoziationsfeldern des Gehirns festgestellt wurde?
Es müsste dann doch auch ein spezifisches "motorisches" Korrelat zum "motorischen" BP geben. Es tritt ja deutlich vor Beginn einer Willkürbewegung auf. Ist dieses motorische Korrelat wissenschaftlich jemals identifiziert worden?
Ihrer Rückmeldung sehe ich mit Spannung entgegen. Für alle Mühe schon vorab besten Dank und ebensolche Grüße!