
Benoît Bayle ist Psychiater, Philosoph und Autor mehrerer Bücher, die sich mit der Psychologie der pränatalen Entwicklung beschäftigen. Er arbeitet als praktischer Arzt in der Kinder-
und Jugendpsychiatrie der Kliniken in Chartres, Frankreich, und ist Berater in der dortigen Wöchnerinnenstation.
1. Dialektischer Journalismus
28.11.2007, Dr. Dipl.-Psych. Alexander Tewes, LüneburgKommen wir zum obligatorischen Aber: Gelegentlich erscheinen Artikel, die meines Erachtens nach nicht gänzlich unkommentiert bleiben dürfen. Dies ist normal. Als zwei Beispiele der jüngeren Vergangenheit wären da der Artikel "Die anderen Umstände" und "Die eigenen Ideale leben" zu nennen.
Zum Ersten:
Psychoanalytische Herangehensweisen bieten immer wieder interessante, vor allem auch literarisch reizvolle Erklärungsmuster komplexer Sachverhalte. Wie immer, wenn nicht schulenübergreifend kommentiert wird, bieten sie jedoch durchaus diskutable Schlussfolgerungen. Im vorliegenden Artikel werden sämtliche Vorurteile, die man gegen die klassische analytische Sichtweise der Störungsbildgenese hat, leider bestätigt. Verkürzt gesagt: Mutti ist immer schuld. Dieser Artikel ist in seiner unkommentierten, so abgedruckten Form ein Affront gegen jede Mutter.
Zum Zweiten:
Das Ressort "Besser denken" bietet mal gelungeneren, mal eher flachen Lebensrat. Dieses Mal jedoch bietet der Autor leider lediglich Kaffeesatzpsychologie nach dem Motto "Ein Gedanke ohne Emotion besitzt keine eigene Kraft." (S. 72). Bemerkenswert auch die Aussage, dass mein Gehirn einen Tag braucht, "um neue Denkspuren zu legen". Wie lange braucht es wohl, um ungewollte wieder zu löschen?
Mein Vorschlag, da auch solche Artikel weiterhin ihren Platz finden sollten, wäre eine Art "journalistischer Dialektik", wie sie zum Beispiel in der Wochenzeitung "Die Zeit" häufig verwendet wird: In ausgewählten Fällen sollten die Kommentare eventuell nicht ausschließlich dem Leser überlassen werden. Kleine "Gegenstellungnahmen" könnten in Kurzkommentaren im selben oder folgenden Heft ein differenzierteres Bild der Sachlage schaffen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Alexander Tewes